"In meinem Herzen ist Platz für Bielefeld"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel erklärt Antonia Hucke, warum Sie sich ihr Berliner Herz mit der Stadt Bielefeld teilt.

Antonia Hucke, 30, wurde in Berlin geboren und zog 2005 nach Bielefeld, um dort Diplom-Pädagogik zu studieren. Mittlerweile ist sie damit fast fertig und lebt mit Mann und Sohn im Bielefelder Osten. Neben dem Studium jongliert sie mit Arbeit und Familie und freut sich, wenn sie neben ihrem vollen Tagesplan noch ein bisschen Zeit zum Schreiben findet. Die Möglichkeit in ihre Heimat zurückzukehren, halten sie sich zwar offen, aber da sie nicht wissen, welche Abenteuer das Leben noch für sie bereithält, haben sie beschlossen, erst einmal in Bielefeld glücklich zu sein.

Sagt Ihnen das Wort Pillepoppen etwas? Wie steht's mit Pölter? Oder Tornister? Auch nicht? Dann schnappen Sie sich den nächsten Ostwestfalen und lassen sich über die zauberhaften, sprachlichen Eigenheiten dieser Region aufklären. Sie sind übrigens nicht allein. Als ich von Berlin nach Bielefeld zog, waren die Sprachblüten nicht das einzige, worüber ich mich wunderte.

Berlin ist meine Heimat. Ich liebe es. Dort bin ich geboren, aufgewachsen und zur Schule gegangen. Mit 21 Jahren bekam ich den Bescheid der ZVS über eine Studienplatz-Zusage per Telefon von meiner damaligen Mitbewohnerin. Als sie mir den Ort nannte, brachten wir beide nur ein kurzes „Oh“ heraus, danach schwiegen wir uns erst mal ein bisschen betroffen an. Meine anfänglichen Zweifel wurden durch liebevolle Kommentare meiner Familie ("Bielefeld?! Das gibt’s doch gar nicht ... Wie weit ist das weg?") noch exponentiell verstärkt.

Der Bielefelder selbst ist schon eine Nuss, die hart zu knacken ist. Nicht alle sind so! Meist haben die easy-going-Ostwestfalen ein paar gute Freunde in Berlin. Viele Menschen hier reagieren erschrocken auf unsereiner, der es gewohnt ist, vom Busfahrer einen markigen Spruch zu kassieren, nur weil man versucht, seinen Döner mit rein zu schmuggeln.

Meine Lieblingsgeschichte aus Berlin habe ich übrigens vor ein paar Jahren in der Morgenpost gelesen. Darin kam ein Nicht-Berliner in eine Bäckerei, kaufte sich eine Schrippe (ostwstfl: normales Brötchen) und war sich unsicher, ob er diese in der Bäckerei auch verzehren dürfe oder die dafür verlassen müsse. Daher fragte er den Bäcker, ob er das Brötchen auch im Laden essen könne. Daraufhin antwortete der Bäcker: "Wenn ick den Laden flute, könnse hier ooch schwimm". Ostwestfalen verstehen dieses Beispiel brillanter Berliner Schnauze nicht. Generell ist Spott oder leichter Sarkasmus, der in Berlin in den seltensten Fällen böse gemeint ist, für die Menschen hier nur schwer zu ertragen und wird oft negativ bewertet.

Bielefelder Rathaus

Die Menschen hier sind zwar sehr aufrichtig, gerade heraus, aber anfangs zurückhaltend mit ihren Gefühlen. Der Bielefelder will erobert werden! Er möchte sehen, ob wir uns seiner Freundschaft und seines Vertrauens würdig erweisen und ihn nicht hinterrücks in die Pfanne hauen. Wenn wir uns oft genug unaufgefordert gemeldet haben, ihm mit unserer üblichen offenen Manier auch noch das letzte Detail seiner Lebensgeschichte aus der Nase gezogen und uns als witziges und vertrauenswürdiges Gegenüber herausgestellt haben, bricht die harte Schale um das ostwestfälische Herz auf und zum Vorschein kommt ein lupenreiner Diamant. Dann hat man es geschafft. Darauf kann man dann wirklich stolz sein!

Aber da ich eh nur die fünf Jahre bis zum Diplom bleiben und danach den direkten Weg zum Hauptbahnhof und zurück nach Berlin nehmen wollte, entschied ich mich dafür, die Chance zu nutzen und innerhalb von 13 Tagen von Berlin nach Bielefeld zu ziehen. Das war 2005.

Kunst an der Uni

Die Universität ist ein riesiger Zweckbau aus den 70er Jahren und beherbergt tatsächlich eine Sparkasse, einen Bäcker, ein Schwimmbad, eine Krankenkassen-Filiale, einen Buchladen und noch viele andere nützliche Einrichtungen für Studenten. Die ersten vier Semester in meiner neuen Stadt verbrachte ich größtenteils deprimiert im Bett mit dem Wunsch, endlich wieder nach Hause zu dürfen. Was neben der Geburt meines Sohnes ein paar Jahre später auch der Grund ist, warum ich immer noch nicht ganz fertig bin... Besuche in Berlin begannen und endeten immer tränenreich. Wenn der ICE, der stündlich nach Berlin fährt, sich durch Spandau zum Hauptbahnhof schlängelte, musste ich heulen. Auf dem Weg zurück zum Bahnhof in der S7 hielt ich meist bis zum Westkreuz durch. Spätestens am Savignyplatz war ich hinüber. Noch ein Grund zum Heulen ist das Wetter hier. Mein erster WG-Mitbewohner begrüßte mich damals mit den Worten "Bielefeld hat 180 Regentage, wusstest du das?" Ich wusste es nicht und hatte so noch eine Rechtfertigung gefunden, diese Stadt von meinem Bett aus zu verteufeln.

Die Bielefelder Art zu sprechen ist für mich als Berlinerin immer wieder Anlass zur Freude. Die Mehrheit der Ostwestfalen spricht viele Worte natürlich genauso aus wie wir in Berlin. Mit dem kleinen Unterschied, dass das "i" stark in Erscheinung tritt. Wo ich Körsche, Pförsich oder Dörk sage, quietschen meine Bielefelder Freunde mit schrillem "i" Kiiiirsche, Pfiiiiiiiiirsich und Diiiiiiirk, woraus mein Lieblingssatz "Dirk und Birgit feiern ihren vierzigsten Geburtstag bei Pfirsichkuchen auf der Kirmes" entstand. Ich kann diesen Satz stundenlang vor mich hinsagen und mich dabei köstlich beömmeln, während mir meine Freunde mitleidige Blicke zuwerfen und den Kopf schütteln. Um auf meine Eingangsfrage zurückzukommen: Pillepoppen ist ostwestfälisch für Kaulquappen, Pölter ist ein Schlafanzug und Tornister heißen hier die Schulranzen.

Und doch vermisse ich Berlin oft - mit seinen spröden Menschen, die eine gesunde Portion Sarkasmus zu schätzen wissen. Die U- und S-Bahnen, die Freunde, die ich dort gelassen habe. Berlins Größe und seinen Charme. Aber vor allem fehlt mir hier im wilden Westen eins: meine Familie. An Feiertagen oder Geburtstagen meiner Lieben sitze ich meist zu Hause und wenn ich per Telefon gratuliert habe und weiß, dass nun alle bei Kaffee und Kuchen zusammen sind, kommt das Gefühl vom April 2005 in mir hoch. Dieses Gefühl, nicht hierher zu gehören, die Menschen und ihre Mentalität satt zu haben und den Scheiß-Regen sowieso! Dann möchte ich einfach meinen Mann und meinen Sohn nehmen, in den stündlich fahrenden ICE steigen und in meine Heimat zurückkehren. Und plötzlich klingelt es in unserer Bielefelder Wohnung an der Tür. Die Frau von unserer kleinen Apotheke an der Ecke kommt nach ihrem Feierabend die Treppen herauf und bringt Medikamente für meinen Mann vorbei, die wir nicht mehr rechtzeitig vor Ladenschluss geschafft hatten, abzuholen. Das ist doch kein großer Umweg, sagt sie, und die Adresse stand ja auf der Tüte. Dann lächelt sie und in meinem Herzen rückt Berlin für Bielefeld ein kleines Stückchen mehr zur Seite.

Wasserspiele am Kesselbrink

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