"Jeans gehören einfach nicht zu mir"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Sandra Gollackner-Sellami über ihr kleines Jeans-Trauma und ihre Vorliebe für Männerhosen.

Sandra Gollackner-Sellami, 33, hat, nach einer Schneiderlehre und unterschiedlichen Stationen in der Modebranche in London und Amsterdam, Modedesign studiert. Nach dem Studium hat sie für JOOP! und Annette Görtz gearbeitet. Momentan lebt sie in Hamburg und arbeitet als Freelance Designerin, Retailerin und Mitinhaberin der east4west-fashion agency.

Wer kennt sie nicht, die tolle Szene aus Bridget Jones, als sie in der Badewanne lag und sich in die gefühlt 30 Größen zu kleine Jeans reingezwängt hat. Auch das Wasser hat nicht dazu geführt, dass sie sich entspannt in die Hosenbeine schmiegen konnte und sich wohl gefühlt hätte. Und, ja, das ist einer der Gründe, warum ich keine Jeans trage. Oh Gott, ich kann es so gut nachfühlen, das "Ja, ja, ja, gleich bin ich drin"-Gefühl und "Verdammt, warum ist mein Bauch darüber?!" Auch ich fühle mich in einer engen Jeans wie eingezwängt und habe bei jeder Bewegung das Gefühl, dass die Hose gleich platzt, mein Po rausrutscht oder der Reißverschluss raus springt. Dann doch lieber Schokolade zum Frühstück! Ja definitiv!

Natürlich habe auch ich mal eine Jeans besessen und sogar mit Liebe getragen. In der Realschule, als ich 14 Jahre alt war. Hellblau war sie, ich habe sie auf dem Flohmarkt gekauft und gleich zu Haus in meiner Stoffrestekiste gekramt, um sie für mich besonders zu machen.

Da besaß ich noch keine eigene Nähmaschine, daher habe ich mich an die quietschgrüne Haushaltsmaschine meiner Mutter gesetzt und angefangen zu nähen. Auf der Jeans waren danach unzählige bunte Pailletten, das fand ich damals ziemlich cool. Eigentlich gar nicht so schlecht – bis die Jeans nach ein paar mal Tragen an den Knien gerissen ist. Danach folgten Riesenrisse unter den Pobacken, bis hin zum völligen Zerfall der Beine. Aus meiner einzigen Jeans wurde eine Shorts, die ich meiner Freundin Anita geschenkt habe. Anders als meine, waren ihre Beine dafür wie geschaffen! Das heißt nicht, dass ich der Jeans nie wieder eine Chance gegeben habe. Denn, wie es so ist in der Modewelt, man probiert eines Tages doch wieder etwas aus, das man schon zu vergessen geglaubt hatte. Ich habe es diverse Male mit anderen Jeans versucht, in den unterschiedlichsten Farben und Formen, von Baggy-Waggy-Style bis Slimfit. Doch keine davon hat es je aus der Umkleidekabine in meinen Kleiderschrank geschafft. Die Jeans fühlt sich einfach nicht an, als wenn sie zur mir gehört. So wie manche Frauen keine Kleider oder Röcke tragen. Einen weiteren Grund, warum ich keine Jeans trage, kenne ich seit einer Reise nach Istanbul, wo ich einen Jeansproduzenten besucht habe.

Da war ich Anfang 20, habe eine Schneiderlehre gemacht und dort ein bisschen hinter die Kulissen blicken dürfen. Die Arbeitsbedingungen in der Fabrik waren gut, doch die Masken der Arbeiter und die chemischen Gerüche haben sich bei mir eingeprägt. Ich arbeite nun seit einiger Zeit in der Modebranche und habe den Entschluss gefasst, meinen eigenen kleinen Teil dazu beizutragen, um die Welt ein bisschen besser zu machen und besser für andere sowie meine kleine Tochter zu hinterlassen. Was für mich auch heißt: keine Jeans kaufen.

Denn vom ökologischen Standpunkt her weisen die in der Regel hohe Belastungen auf (enormer Wasserverbrauch, Färben, große Transportdistanzen zwischen den einzelnen Produktionsschritten). Wer jetzt denkt, es gäbe keine Hose, die es mit der Jeans aufnehmen könnte, keine, die genauso variabel, gut kombinierbar und unkompliziert ist, der sollte mal in meinen Schrank schauen. In dem gibt es genug Alternativen. Allen voran die Chino. Die ideale Variante zur Jeans: genauso lässig, um sie mit Sneakern zu tragen, aber, kombiniert mit einem Blazer, auch schick genug, um abends noch essen oder ins Theater zu gehen. Davon besitze ich nun, sage und schreibe, zwei! Meine Sommer-Chino ist, ich würde sagen, fast schon pink. In meinem zu 75 Prozent schwarz getünchten Kleiderschrank ein echter Farbflash.

Die Andere, man muss es ja auch nicht übertreiben, ist schwarz. Diese ist von Vivienne Westwood Men in London und eigentlich eine Männerhose. Sie sieht an mir aber sehr lässig und modern aus, und überhaupt nicht männlich. Warum ziehen Männer eigentlich nicht auch mal Hosen an, die für Frauen gedacht sind?! Oft sind ihre schmalen Hüften nämlich viel eher für die engen Schnitte gemacht, als unsere weiblichen. Ich jedenfalls muss jedes Mal schmunzeln, wenn ich meine "männliche Chino" zumache, mit dem Knopf rechts statt links. Ein bisschen unbeholfen, so, als wäre ich auf einmal Linkshändlerin. Aber es lohnt sich! Und ist ja bei weitem noch nicht alles: Momentan trage ich am liebsten eine selbstgenähte Seidenhose.

Schön leicht für die wärmeren Sommertage. Am Po und an den Beinen sitzt sie etwas lässiger und an den Waden sehr schmal. Dazu ein gestreiftes Top - und fertig ist mein All-Day-Wohlfühl-Look. Nicht zu vergessen, und nach wie vor der Klassiker schlechthin und für jeden Look passend, ist eindeutig die Leggins. "I love the 80ies" und erinnere mich noch gut, dass ich auch schon mit acht Jahren Leggins getragen habe. Damals noch zum hüftkurzen, pinkfarbenen Fledermaus-Pulli mit Micky-Maus-Print. Heute lieber mit einem locker sitzenden, längeren Oberteil oder Kleid, um mein Hüftgold zu kaschieren. Oder genau andersherum: eine chillige Haremshose mit schmalem Shirt on top. Glücklicherweise war ich gerade in Marokko und konnte dort meinen Kleiderschrank etwas aufpeppen. In meinem Lieblings-Concept-Store in den Souks habe ich mir ganz weiche Baumwoll/Seiden-Hosen mit Drucken gekauft, die einfach jede Jeans schlagen. Sie sind gemütlich - und einfach einzigartig. Denn am Ende ist die Jeans auch nicht mehr als eine Art Arbeiterhose, die uniformiert. Eine, die jeder trägt. Und wer will schon jeder sein?

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