"Jede Geburt ist eine Abenteuerreise und ein kleines Wunder"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Sarah Schmelzer über den Beruf der Hebamme und eine anthropologische Frage.

Sarah Schmelzer, 36, lebt in Düsseldorf und hat Politikwissenschaft, Philosophie und Soziologie studiert, bevor sie sich entschloss, im Frühjahr 2012 eine Hebammenausbildung zu beginnen.

"Sarah, werd' doch Hebamme, ich finde, das passt zu dir," sagte Iris - Mutter einer Freundin und Hebamme - als ich gerade überlegte, Physiotherapeutin zu werden. Als der Magisterstudiengang auslief und mit ihm das Humbold'sche Bildungsideal, stand ich vor der Wahl: entweder Zähne zusammenbeißen und reinhauen, oder ich überlege mir, was ich eigentlich machen möchte. Nach längerem Hin und Her - was Kreatives, was Soziales? - stand irgendwann fest: "Was mit Menschen, mit Körpern, mit Bewegung" möchte ich machen, "was, bei dem man immer weiter und Neues lernen kann", und Physiotherapie schien das alles gut zu vereinen.

An diesem Nachmittag, in dem kleinen Kneipen-Café, in dem ich jobbte, um mir mein Studium zu finanzieren - einer von drei Jobs: Ich arbeitete noch als Barista in einer Kaffee-Bar und als Vorführerin in einem Programmkino - an diesem Nachmittag meinte Iris: "Sarah, werd' doch Hebamme!" und verwirrte mich total. Aber ich hatte mich doch jetzt - endlich - entschieden: Physiotherapie. Hebamme!? Das warf alles über den Haufen.

Sie lud mich ein, sie an ihrem Arbeitsplatz zu besuchen: dem Kreißsaal. Eine Woche später durfte ich meine Vorstellungen mit der Realität abgleichen: Wieso auch immer hatte ich in meinem Kopf das Bild eines bis zur Decke gekachelten Raumes, in dem die Frau auf einem Gynäkologie-Stuhl sitzt, mit einem grünen OP-Tuch über den Beinen. Um sie herum nur Menschen in grünen Kitteln, mit Haube und Mundschutz. Was mich in der Uniklinik erwartete, waren große, helle Räume in freundlichen Farben, Tageslicht, eine fast gemütliche Atmosphäre und Hebammen, die nicht vermummt waren, sondern freundlich lächelten.

Von jetzt auf gleich konnte ich meine Entscheidung einfach so ändern - die Entscheidung, für dich ich so lange gebraucht hatte. Alles fühlte sich auf einmal so richtig an, Zufriedenheit breitete sich aus: Ich werde Hebamme!

Ich rief in drei Düsseldorfer Kliniken an und fragte nach einem unbezahlten Praktikum: Bei einer nahm keiner ab, bei der zweiten wurde mir gesagt, ich solle mich auf lange Wartezeiten einstellen, und bei der dritten sollte ich mal eine Bewerbung schreiben. Ich schrieb eine Bewerbung und hatte ein Vorstellungsgespräch, das mich überraschte: Ich wurde nur noch gefragt, wann ich anfangen kann, wie lange ich bleiben möchte und wie ich die Zeit zwischen Wochenstation und Kreißsaal aufteilen wolle. YEAH - So war ich zwei Monate auf der Wochenstation und vier Monate im Kreißsaal.

Nebenher arbeitete ich noch in dem Kneipen-Café. Das bedeutete teilweise sieben Tage die Woche arbeiten und teilweise auch noch Doppelschichten: morgens in die Klinik, abends in die Kneipe und am nächsten Tag wieder Klinik.

Es gab Dienste, in denen ich weder zum Sitzen, noch zum Essen kam. Kreißsaaldienste bedeuten, stets auf alles gefasst zu sein. Arbeit dann zu tun, wenn sie anfällt, denn man weiß nie, was die nächste Türklingel bringt: Die Frau, die zur CTG-Kontrolle kommt und es lassen sich keine kindlichen Herztöne finden - der Moment, in dem sich auch mein Herzschlag der flachen Linie annähert. Der Vater, der wartet, dass seine Frau aus dem OP kommt; eigentlich hatten sie Zwillinge erwartet, aber das Mädchen haben sie verloren - ich möchte mitweinen, als er seinem gerade geborenen Sohn erzählt, dass jetzt ein Engel auf ihn aufpasst. Und dann kommt dieses Paar, wo dieser coole Zwei-Meter-Kollos von Mann weint, als dieses kleine schmierige Etwas auf der Brust seiner Frau zu Schreien aufhört und ihn anguckt.

Es war eine verdammt anstrengende Zeit, in der mich meine Freunde und meine Familie fast gar nicht mehr sahen. Schlafen und Essen - zu mehr war ich kaum noch in der Lage. Es gab Momente, in denen ich dachte, ich schaffe das alles nicht mehr. Aber dann kam die nächste Geburt, bei der ich dabei sein durfte, das nächste schreiende Baby, die nächste lächelnde Mama, der nächste weinende Papa... Und ich wusste, das möchte ich machen, ich möchte Hebamme werden.

Nach drei Bewerbungen und drei Vorstellungsgesprächen für einen Ausbildungsplatz, begann ich im April 2012 meine Ausbildung zur Hebamme in Duisburg. Und auch nach 2 Jahren Ausbildung bin ich immer noch überzeugt: Das ist mein Traumberuf!

Und ich bin dankbar, dass ich diese Ausbildung machen darf, denn sie findet statt im Leben, nicht unter Laborbedingungen. Jede Geburt ist eine Abenteuerreise und ein kleines Wunder. Als Hebamme bleibe ich, wo andere eigentlich wegrennen wollen. Blut, Geschrei, Ängste, Schmerz - das halte ich aus. Ich gehe dahin, wo das Leben ist und bin dabei. Gehe mit durch Schönes, Trauriges, Hysterisches, Beängstigendes, Zerreißendes, Schmerzendes, Freudiges; ich bin da. Fühle, spüre, weiß, handle, übernehme Verantwortung, wachse an jeder Geburt, indem ich mich auf die Unwägbarkeiten des Lebens einlasse. Halte aus. Nehme teil an dem nicht steuerbaren Prozess der Geburt - eines neuen Lebens, eines Kindes, einer Mutter, einer Familie. Bleibe offen und flexibel. Versuche eine Situation zu schaffen, in der die Frau sich fallen lassen kann, öffnen kann und ihren Leib die Arbeit machen lassen kann.

Und nun stehe ich ein Jahr vor meinem Examen und frage mich: Wo führt das hin? Ist auch die Zukunft von uns Hebammen unwägbar, nicht steuerbar, müssen wir dem Prozess des Marktes seinen Lauf lassen?

In der Geburtshilfe und der Hebammenarbeit geht es um die Menschwerdung genauso wie um das Menschsein.

Ich mache mir keine Sorgen um meine berufliche Existenz. Es wird weiterhin Hebammen geben. Was mir Sorge bereitet, ist eher eine gesellschaftliche, anthropologische Frage: WIE wollen wir geboren werden? Wie kann es sein, dass uns Versicherungsunternehmen "vorschreiben", wie und wo wir unsere Kinder zur Welt bringen? Wie kann es sein, dass die Wahlfreiheit der Frauen, der jungen Paare und Familien eingeschränkt wird? Sie werden sich nicht mehr frei entscheiden können, wo sie ihr Kind zur Welt bringen wollen. Dabei ist es eben nicht egal, wie wir geboren werden!*



*"Es ist nicht egal, wie wir geboren werden: Risiko Kaiserschnitt" ist der Titel eines Buches von Michel Odent (2005), Arzt und Geburtshelfer, Verfechter einer 'natürlichen' Geburt.

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