"Knoten in den Händen entknoten mein Hirn"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Hanna Charlotte Erhorn über die Liebe zu ihrem Beruf als Profi-Bastlerin.

Hanna Charlotte Erhorn, 35, ist Diplom-Textildesignerin und Profi-Bastlerin aus Leidenschaft. Sie arbeitet als Interior-Stylistin für verschiedene Zeitschriften und hat sich hierbei auf Fotostrecken aus den Bereichen Handarbeiten und Selbermachen spezialisiert. Außerdem ist sie Autorin von Bastel- und D.I.Y.-Büchern. Weil das alles noch nicht reicht, leitet sie den textilen Co-Working-Space "Stoffdeck“ in Hamburg-Wilhelmsburg. Sie lebt mit Mann und zwei Söhnen in Hamburg. www.charlottecharlotte.de.

Ich wäre eigentlich auch gerne Chirurgin geworden. Oder Konditorin. Und vielleicht wäre ich darin auch gut gewesen. Zumindest hätte es ein Beruf sein müssen, bei dem Hirn und Hände gleichermaßen beschäftigt sind. Aber meinen jetzigen Beruf kannte ich damals noch nicht und viele andere sicher auch nicht: Ich bin Profi-Bastlerin.

Wenn eine Firma oder eine Zeitschrift oder sonst jemand professionell gebastelte oder gehandarbeitete Dinge braucht, nähe, stricke, sticke, klebe, hämmere und zeichne ich Adventskalender, Hundekörbchen, gestrickte Torten oder Betonlampen. Oder was sonst noch so gebastelt auf Verkaufsverpackungen, Katalogen oder Magazinen passiert und an Selbstgemachtem in Büchern gezeigt wird. Manchmal schreibe und illustriere ich auch noch die Anleitungen dazu. Momentan heißt das auch nicht mehr Basteln, sondern DIY und ist gerade bei jungen Leuten total beliebt.

Wie ich dazu gekommen bin? Eigentlich ein logischer Verlauf. Immer schon habe ich gerne gewerkelt und Dinge selber gemacht. Ich kann meine Hände schlecht unbeschäftigt lassen. Deshalb kenne ich vom Tatort auch nur die Stimmen der Kommissare, denn der Sonntagabend ist die produktivste Zeit für meine Restless Hands. Nach der Schule habe ich dann erst einmal eine Lehre zur Schneiderin angefangen. Und abgebrochen. War irgendwie nix für mich. Aber gelernt hatte ich da schon einiges, was ich heute noch brauche. Zum Beispiel, keine Angst vor Maschinen zu haben. Und freitags die Werkstatt aufzuräumen. Dann habe ich Textildesign studiert. Das Studium war sehr frei und wir hatten tolle Werkstätten, in denen man mit allen möglichen Materialien und Techniken experimentieren konnte. Ein Spielplatz voll unbegrenzter Möglichkeiten. Da das Studium irgendwann vorbei war und nicht so richtig klar wurde, was man damit wohl so machen wird, habe ich erst einmal in Bühnenbild beim Theater reingeschnuppert. Das hat schon ziemlich Spaß gemacht. Und irgendwie kam ich darauf, dass bei Wohnzeitschriften ja etwas sehr ähnliches gemacht wird: Kulissen schaffen für Illusionen. Und ich stellte fest, dass meine nicht fassbaren Qualitäten im Basteln dort tatsächlich gebraucht wurden! Die Selbermach-Welle schwappte gerade aus England und den USA nach Deutschland rüber und ich schwamm mittendrin.

In Mathe und Physik war ich in der Schule nie so toll. Hat auch keinen Spaß gemacht. Inzwischen freue ich mich aber darüber, wie ich täglich Mathematik und Physik anwende: beim Häkeln und Stricken brauche ich Geometrie und Dreisatz in der Praxis, und das geht mir ganz selbstverständlich von der Hand! Über die Jahre habe ich mir viele unterschiedliche Techniken einfach durch Probieren und mit Hilfe von YouTube weiter angeeignet. Neue und alte Methoden interessieren mich, interessante Maschinchen faszinieren mich und ich bin der festen Überzeugung, dass man sich mit Geschick und Energie alles aneignen kann. Da bin ich eine echte Autodidaktin mit großem Vertrauen in die Fähigkeit des Hirns und der Hände. Und meistens entstehen die besten Sachen erst beim tatsächlichen Machen. Denn Knoten in den Händen entknoten mein Hirn. Ich komme auf neue Gedanken; während meine Hände sich auf die Maschen und meine Logik sich aufs Zählen konzentrieren, laufen in meinem Gehirn Sortierungsprozesse ab, die ich nicht kontrollieren kann.

Das Schönste aber ist, das diese Arbeit so viel Freude macht. Etwas mit den Händen zu machen, füttert das körpereigene Belohnungssystem und macht stolz. Ausländische Strickanleitungen umsetzen zu können, ist einfach ein großartiges Gefühl. Und auf jeden Fall hat man am Ende des Tages immer ein echtes Produkt in der Hand. Hätte mir jemand gesagt, dass man damit Geld verdienen kann, hätte ich es nicht recht geglaubt. Inzwischen weiß ich aber, dass die Dinge, die man mit Leidenschaft und Liebe macht, und in denen man richtig gut ist, sich auch auszahlen.

Im DIY-Jargon würde man sagen: Do what you love.

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