"Liebe Politiker, wie viel Jugend wollt ihr wagen?"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel schreibt Dorothee Dienstbühl, warum Politiker Jugendliche nicht erreichen.

Dorothee Dienstbühl, 33, ist promovierte Politikwissenschaftlerin und arbeitet an der Hochschule Darmstadt. Normalerweise schreibt sie über Kriminalität, Gewalt und Extremismus. In ihrer Freizeit geht sie gerne mit dem dreijährigen Boxer Bob (Foto) spazieren, der im Tierheim Darmstadt ganz sehnsüchtig auf ein neues Zuhause wartete.

Laut einer Erhebung der Bertelsmann-Stiftung empfindet in der Altersgruppe der 16- bis 29-Jährigen nur noch etwas mehr als die Hälfte ihr Wahlrecht als wichtiges demokratisches Grundrecht. Dabei sind die Jungwähler sehr begehrt und jede Partei versucht, gerade sie anzusprechen. Aber womit genau? Und warum fühlen sich die Jugendlichen von der Politik nicht mehr angesprochen?

"Alle Staatsgewalt geht vom Volke aus" sagt unser Grundgesetz. Demokratie ist ein hohes Gut, das es zu schützen gilt. Allerdings hat gerade sie als Garant des Wohlstandes und der Sicherheit ein enormes Problem, wenn sie Alltag geworden ist. Es ist in Deutschland selbstverständlich, all die Rechte und Freiheiten zu besitzen, die die Demokratie gewährt. So mancher Politiker fühlt sich nun dazu berufen, an der Gestaltung des Landes mitzuwirken. Dazu möchte er gewählt werden, besonders von jungen Menschen. Obwohl im Vergleich zu anderen Wählerschichten nicht besonders groß, ist die der Jugendlichen zur begehrten Wählerschaft avanciert, alles reißt sich um sie. Und gerade die scheren sich am wenigsten um die einzige Möglichkeit zur Mitbestimmung. Zu großen Teilen haben sie keine Lust zu wählen. Weil sie zu blöd, ignorant und verdorben sind?

Ich habe nicht den Eindruck, dass nur noch schwer erziehbare Vollidioten durch die Gegend laufen. Also frage ich mein 19-jähriges Patenkind Lisa, Abiturientin. Sie hat einiges zu dem Thema zu sagen und ich bin positiv überrascht, wie viele Gedanken sie und ihre Freunde sich tatsächlich machen. Lisa sieht einen deutlichen Bedarf, mehr politische Grundbildung in den Schulen zu behandeln und zwar bevor die Schüler wählen dürfen. Das deckt sich mit Ergebnissen einer Studie zum Wahlverhalten junger Menschen der Universität Hohenheim.

In dieser offenbarten junge Wähler deutliche Verständnisdefizite und gaben selbst an, sich nicht gut informiert zu fühlen. Ich krame in meinem Gedächtnis, wie es früher bei mir war und merke, wie bekannt mir das alles vorkommt. Politische Partizipation war in meiner früheren Schule mal Gegenstand eines Thementages für Oberstufenschüler. In den Diskussionen hat sich schnell gezeigt, wie wenig Ahnung wir eigentlich hatten. Aber wählen wollten wir alle. Ich erinnere mich auch, dass mir eine Schulkameradin am Montagmorgen nach ihrer ersten Wahl gesagt hatte, sie habe "irgendwas angekreuzt – keine Ahnung."

So viel zum höchsten Gut allgemeiner Mitbestimmung im Land. Im Übrigen sprechen wir hier von Gymnasiasten, nicht von Förderschülern. Und wenn das nun kein neues Phänomen durch geänderte Lehrpläne ist, und sich die Erfahrungen aus einer nordrhein-westfälischen Schule vor ca. 15 Jahren und einer hessischen von heute decken, können wir das als Hinweis nehmen. Und vielleicht fühlt sich der eine oder andere Lehrer durchaus angesprochen Mein Patenkind und ihre Schulkameraden differenzieren zudem, an welcher Wahl sie sich beteiligen und an welcher nicht. Landtags- und Bundestagswahlen finden sie wichtig, aber für die Europawahl nehmen nicht alle von ihnen ihr Wahlrecht wahr. Dies liege weniger am mangelnden Interesse für Europa, sondern eher am Gefühl, trotz Stimmabgabe über keinerlei Mitbestimmung zu verfügen. Oder anders ausgedrückt: "Die machen eh, was sie wollen". Und diese Meinung deckt sich mit der vieler junger Menschen in den europäischen Mitgliedsstaaten. Die "Zeit" kommentiert aus spanischer Sicht zur Europawahl: "Die Jugend wehrt sich nicht mehr." Und sie wählt auch nicht mehr.

Diese Einschätzung junger Menschen in einem ach so jungen Europa klingt für mich ernüchternd und alarmierend. Außerdem ähnelt sie dem Wahlverhalten anderer Altersgruppen sehr. Auch ich persönlich sehe die Europawahl lediglich als meine staatsbürgerliche Pflicht, weniger als mein Recht. Ein Patentrezept, diese Einstellung und Passivität zu lösen, fällt mir nicht ein.

Was aber garantiert auch nicht hilft, sind diese hilflos-plumpen Versuche von Politikern, für junge Wähler attraktiv zu werden. Und in Zeiten von Twitter, Facebook und Instagram wird das nicht gerade besser. Da ist der aalglatte Generalsekretär, der es wagt, Star-Wars-Yoda in seine glanzlose Rede einzubauen, mit der er selbst überfordert zu sein scheint. Da ist die Flower-Power-Partei, die sich nicht zu schade ist, das Wort "Kackscheiße" auf Plakaten zu verwenden. Denn auch wenn es sich gegen Nazis richtet, muss man selbst nicht auf deren geistiges Niveau verfallen. Und nachdem Promi-Selfies mit der Oskar-Verleihung ihren Höhepunkt erreicht hatten und langsam wieder out werden, beschleunigen Politiker den Abwärtstrend, in dem sie nun dauernd ihre Visage in ihre Handy-Kameras halten und sie überall dort posten, wo ihre Parteisoldaten "gefällt mir" drücken können. Denkt man, die unterste Schublade der Peinlichkeiten ist erreicht, wird drunter noch eine gefunden und geöffnet.

Und wenn junge Menschen sich nun denken: Wahlrecht hin- oder her – solche Hampelmänner wähle ich nicht – kann man es ihnen verdenken? Ein Jugendlicher merkt, wen er ernst nehmen kann und wen nicht. So ist es mit Lehrern, Sozialarbeitern und eben auch mit Politikern. Und realitätsferne Versprechungen und eine peinlich-aufgesetzte Hippness locken einfach nicht. Weder auf deutscher, noch auf europäischer Ebene.

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