"Lissy konnte ihr Herz nicht mehr halten"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel beschreibt Nina Verhoeven den traurigen Abschied von Familienhund Lissy.

Nina Verhoeven, 35, ist PR-Beraterin und wohnt in Hamburg. Nach der Geburt ihrer Zwillinge gründete sie das Label Hedi und designed nun coole Schnittmuster für Selbernäher. Auf ihrem Blog „Hedi näht“ schreibt sie über ihre genähten Hedi-Klamöttchen, Leckereien und Hamburger Allerlei.

Unsere vierjährigen Zwillinge kuscheln sich morgens zu uns ins Bett. Wir sind noch ganz benommen von dieser Nacht, in der unser 16 Jahre alter Golden-Retriever starb. Es ging spät abends alles sehr schnell – Lissy hatte einen Schlaganfall, konnte nicht mehr richtig laufen, der Kopf taumelte zur Seite und die Augen schielten in zwei verschiedene Richtungen. Mein Mann fuhr sofort zum Tierarzt, ich verabschiedete Lissy noch im Kofferraum, merkte aber, dass sie nicht mehr richtig anwesend war und nicht verstand, was gerade mit ihr passierte. Als das Auto losfuhr, rief ich noch "Leb wohl, meine kleine Lissy" hinterher und wusste genau, dass sie in dieser Nacht nicht mehr in unsere Familie zurückkehren würde.

"Mädels, wir müssen euch was sagen. Lissy ist tot. Sie war ja schon sehr alt und da ist Papa zum Tierarzt gefahren. Dort ist sie dann auf seinem Schoß gestorben."

Wir weinten alle.

Wir fanden es wichtig, dass wir unseren Kindern keine Märchengeschichten erzählen und dass sie verstehen, dass Lissy ein langes, erfülltes Leben hatte. "Die Oma von gegenüber, die vor ein paar Tagen gestorben ist, die war jünger als Lissy. Lissy war noch älter", sagte meine Tochter. Die alte Dame von gegenüber ist 94 Jahre alt geworden.

Lempi, wie wir Lissy auch nannten, war ein echter Wasserhund, stapfte mit ihrem fast weißen Fell in jede Dreckspfütze und roch das Meer schon aus etlichen Metern Entfernung. Als kleines Abschiedsritual malten unsere Mädels ein Bild für Lissy, wir falteten es zu einem Schiff und ließen es in dem kleinen Bach hinter unserem Haus schwimmen.

Im Kindergarten feierten sie auch Abschied von Lissy. Wir brachten Kekse und Gummibärchen mit und alle Kinder konnten sich Fotos von unserem Hund ansehen. Meine Mädels erzählten, dass sie immer mit Lissy in den Wald gingen und ihr nach dem Spaziergang das Futter aus dem Keller holten. Manchmal sagen sie aus dem Nichts, dass sie traurig sind, dass Lissy tot ist. Ich bin auch traurig, sage ich dann. Ich bin aber auch voller Liebe und voller Glück und Zufriedenheit. Darf man das, wenn man um ein Tier trauert? Anfänglich hatte ich fast ein schlechtes Gewissen bei diesen Gefühlen, aber jetzt weiß ich, dass es gut so ist. Ich darf das.

Ich habe noch als Studentin Lissy vor über 14 Jahren aus dem Tierheim in Essen geholt. Sie war damals noch überhaupt nicht erzogen, konnte weder "Sitz" noch "Platz", lief über die Straße und zog kräftig an der Leine. Ich las also viele Bücher über Hundeerziehung, rannte zu verschiedenen Hundeschulen, hörte mir jeden Rat der Hundebesitzer aus der Nachbarschaft an. Der eine riet mir ein Kettenhalsband mit Stacheln, der andere wieder eine andere abscheuliche Erziehungsmaßnahme. Für mich beschloss ich, auf meinen Bauch und meinen gesunden Menschenverstand zu hören und Lissy so zu erziehen, wie ich es für richtig hielt. Nach gut einem Jahr waren wir ein super Team geworden. Sie machte eigentlich alles mit, Hauptsache sie war dabei. Wir verstanden uns fast lautlos, einfache Zeichen reichten oft aus.

Unsere Urlaube verbrachten wir meist auf Amrum oder anderen Nordseeinseln, liefen den ganzen Tag quer über die Insel und waren zufrieden. Nicht eine einzelne Sekunde habe ich es bereut, diesen Hund aus dem Tierheim geholt zu haben. Obwohl wir bei jedem Wetter raus mussten und das Haus danach voller Dreck und Haare war. Ich sehe noch meine Mutter vor mir stehen, wie sie die Hände über dem Kopf zusammenschlug und sagte: "Der Sand, der Sand, der macht mich krank." Das wurde zum Running-Gag in unserer Familie und wir lachen viel darüber.

Lissy lief sogar bei unserem Marathon-Training mit. Wir waren eine Laufgruppe, die jedes Wochenende einen langen Lauf machte. Dabei teilten wir uns oft in zwei Grüppchen auf. Die einen liefen etwas vor, die anderen dahinter. Lissy lief immer zwischen uns hin und her, um ihr Laufrudel zusammen zu halten. Leise flüsterte ich ihr dabei zu, dass sie eine feine Lissy sei. "Feines Mädchen", sagte ich und sie hob den Kopf und schaute mir kurz in die Augen, als ob sie sich für das Lob bedanken wollte. Wir sind am Ende 35 Kilometer gelaufen, sie einige Kilometer mehr. Sie blieb danach den ganzen Tag im Korb und schnarchte.

Mein Mann nahm sie auch mit zur Uni. Unter dem Tisch im Hörsaal machte sie immer unbemerkt "Platz". Einmal brachen die Studenten im Hörsaal plötzlich in Gelächter aus – der Professor hatte sein Leberwurstbrot ausgepackt und Lissy lief die Treppen runter und platzierte sich direkt vor ihm und guckte ihn mit ihrem herzzerreißenden Schnorrerblick an. So wurde Lissy zum beliebten Uni-Hund in Düsseldorf. Ins Gespräch mit anderen Menschen kamen wir mit ihr immer. "Ist das ein Labrador? Die sind total lieb, ne? Sind doch richtige Familienhunde oder? Darf ich den mal streicheln?"

Das ist mir in diesem Ausmaß mit meinen Kindern nie passiert. Als sie noch klein waren und ich mit diesem Ungetüm an Kinderwagen und unserem Hund spazieren ging, fielen wir immer auf. Wir waren die Familie mit dem lila Zwillingswagen und dem weißen Hund, die jeder in der Nachbarschaft kannte. Mich erreichten zu dieser Zeit immer ein eher mitleidiger Blick von anderen Menschen und Kommentare wie: "Ist anstrengend, ne! Oh, aber das ist ein feiner Hund. Jaaaa, du bist ein feiner Hund." Und Lissy wurde betätschelt!

Liebe Lissy, wir hatten eine sehr schöne und erfüllte Zeit mit dir. Du bist für uns der beste Hund der Welt gewesen. Ich freue mich so sehr, dass es so schnell für dich ging und du bis zuletzt eigentlich topfit warst für dein Alter. Wir tragen dich immer in unserem Herzen und danken für die wunderbare Zeit mit dir. Wenn ich in die Küche gehe, dann vermisse ich dein Schnarchen und wenn ich raus gehe, dann vermisse ich deine Begleitung. Aber es war Zeit für dich zu gehen – das habe ich die letzten Monate gemerkt.

"Lissy konnte ihr Herz nicht mehr halten", meinte meine Tochter und da wird sie Recht gehabt haben. Tschüss!

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