"Mach mehr selbst!"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Sophie Pester und Catharina Bruns von supercraft, warum es im Alltag weiterhilft, mehr selbst zu machen.

Sophie Pester und Catharina Bruns sind leidenschaftliche Unternehmerinnen und Selbermacher. Sie gründeten zusammen die Unternehmen supercraft und Lemon Books, organisieren den hello handmade Design Markt, veröffentlichen die Interview-Reihe "superwork" (gemeinsam mit der freien Autorin Alicia Metz) und stehen hinter dem Projekt workisnotajob. Das gleichnamige Buch "work is not a job - Was Arbeit ist, entscheidest du!" ist 2013 im Campus Verlag erschienen. Sie leben und arbeiten in Berlin.

Woran denken Sie, wenn Sie das Wort "Selbermachen" lesen? Vielleicht an den Baumarkt? Oder an Ihre Großmutter, die Ihnen das Stricken beibrachte? Klar, wir lieben das Handarbeiten, aber für uns steckt im Selbermachen noch viel mehr. Nämlich eine Haltung. Und die kann das ganze Leben verändern.

"Nicht beschweren, machen!" Mit dieser Überzeugung sind wir zu Gründerinnen geworden, die von ihren eigenen Ideen leben. Wir führen inzwischen mehrere kreative Unternehmen und Projekte, die alle ein übergeordneter Zweck verbindet: Wir möchten andere inspirieren, selbst GestalterInnen zu sein.

Natürlich sind wir alle Konsumenten und das ist ja auch nichts Schlechtes. Aber wer sich gar nichts selbst ausdenkt und macht, reduziert sich ausschließlich auf das Konsumieren und ist damit immer auf das vorhandene Angebot angewiesen. Was aber, wenn es nicht gibt, was man sich wünscht? Von der Stange, in den Regalen oder gar in den Stellenanzeigen? Keine Panik, wir leben in einer großartigen Zeit! Denn heute kann sich jeder vom passiven Konsumenten zum aktiven Gestalter entwickeln und damit einen ganz persönlichen Beitrag leisten.

Sophie Pester bei Instagram

Das Gute ist: Sie brauchen weniger, als Sie denken, um loszulegen. Das Wichtigste ist die Lust daran, sich selbst zu aktivieren und Neues lernen zu wollen. Was bei einfachen Dingen wie eigene Marmelade kochen anfängt, kann bis zur eigenständigen Unternehmensgründung reichen. Und das kann nicht nur Riesenspaß machen, sondern birgt vor allem viele Chancen zur persönlichen Weiterentwicklung. Sich selbstständig machen heißt auch, sich zuständig machen. Das kann übrigens auch bedeuten, die kranken Eltern oder Großeltern zu pflegen oder mit Hingabe ein Ehrenamt zu übernehmen. Es bedeutet, der Welt etwas hinzufügen zu wollen, das persönlich bedeutsam ist. Bei sich anzufangen, statt es dem Kollektiv aufzubürden und sich damit aus der Verantwortung zu nehmen. Nicht immer nur "dagegen" zu sein oder bessere Bedingungen einzufordern, sondern selbst dafür zu sorgen, dass sie existieren - für einen selbst und andere.

Wir wünschen uns eine neue Generation von Selbermachern. Zu ihr gehören Menschen, die ihr Leben und Arbeiten in die eigenen Hände nehmen, auch wenn sie damit vielleicht auf fremde Sicherheitsversprechen und garantierte Lohnzettel verzichten. Menschen, die Unternehmen gründen, für die sie selbst gerne arbeiten möchten, und alle, die an Dingen arbeiten, die sie lieben. Sie sind die Pioniere für neue Arbeitswelten, für die gegenwärtige Sozialversicherungssysteme nun dringend Lösungen finden müssen.

Catharina Bruns bei Instagram

Unser Leben hat die Zusammenarbeit mit solchen Menschen sehr bereichert. Anstatt viel darüber zu reden, widmen sie sich lieber Menschen und Dingen, die für sie wirklich wichtig sind. Man kann sicher nicht alles selbst machen, aber man kann Dinge verstehen wollen, sich interessieren und, statt ideale Zustände zu fordern, sich selbst ans Werk machen. Wir laden alle, die etwas anderes wollen als das, was ihnen aufgetischt wird, dazu ein, enthusiastisch mitzugestalten. Klar, wir sind große Idealistinnen, aber wir leben unsere Überzeugungen jeden Tag. Und wenn wir ehrlich sind: Skeptiker, Kritiker und zynische Verhinderer gibt es genug.

Niemand sagt, dass es leichter ist, und darum geht es auch nicht. Doch wer seine eigenen Ideen nicht verwirklicht, der verwirklicht eben die Ideen von anderen - und die haben im Zweifel nichts mehr mit eigenen Werten und Wünschen zu tun. Wer alles an andere abgibt, braucht sich nicht wundern, dass er die Welt nicht mehr versteht. Diese Tatsache hat sicherlich stark dazu beigetragen, dass viele sich "den Umständen" immer mehr ausgeliefert fühlen und sogar Strukturen fördern, die sich eigentlich niemand wünscht.

Die Lösung liegt nahe: Mach mehr selbst. Versuche es besser. In einer Gesellschaft, in der alle über Burnout, Fremdbestimmung, Krise, Fleischskandal und die bösen Auswüchse des Kapitalismus klagen – warum eigentlich nicht?

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