"MEINS ist das Fliegen"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Ruth Haliti über ihre Liebe zum Fliegen und ihren einmotorigen Flug über den Atlantik.

Ruth Haliti, wohnt in Essen und zwar gerne. Verheiratet, keine Kinder, Zollfahnderin. Sie macht auch Fahndungs-Presse- und Öffentlichkeitsarbeit. Ihre Hobbys sind das Fliegen und die Neugierde auf alles, was Spaß bringen könnte.

Schon DAS gefunden, wo nach wenigen Minuten die Schultern entspannen? Wo sich Stress im Job, mit dem Partner oder den Kindern in Luft auflösen? Wo sich nach kurzer Zeit ein Lächeln auf das Gesicht zaubert? Dies mag für die eine oder andere das Unkrautjäten, Joggen, Schuhe filzen oder lesen sein ... MEINS ist das Fliegen. Aber, beginnen wir von vorn. Ein Mädchen liegt rücklings im Garten und schaut in den blauen Himmel mit seinen vorbeiziehenden weißen Schäfchenwolken, den umhersegelnden Vögeln und... Flugzeugen, großen und kleinen. Fliegen müsste ich können. Aber wen soll ich, das kleine Mädchen vom Land, wohl danach fragen? Aufgeschoben ... Aber irgendwann ... Irgendwann passierte es. Ich lernte eine Kollegin kennen, deren Hobby Gleitschirmfliegen war. Das wollte ich auch!

Grundsätzlich gehört Gleitschirmfliegen in die Berge, so reisten wir aus dem Münsterland ins Allgäu, um die Füße aus eigener Kraft in die Lüfte zu bringen. Und tatsächlich, nach wenigen Tagen Theorie und Praxis war es soweit. Etwas, das niemand, der es je erlebt hat, je wieder vergisst: Frau läuft wenige Meter, zieht den Gleitschirm gleichmäßig an seinen Leinen in die Höhe. Kaum ist der Schirm über dem Kopf angekommen, heben die Füße auch schon wie durch ein Wunder drei, vier, fünf Meter vom abschüssigen Gelände ab - in die Luft.

Unglaublich, dieses Gefühl. Und dauerte es auch nur wenige Sekunden, ich war mein ganz persönlicher Held. Das Grinsen verließ an diesem Tag mein Gesicht nicht mehr. Mit dem Gleitschirm sind wir durch die Alpen, nach Frankreich, aber auch in die USA und nach Südafrika gereist. Wunderbare Erlebnisse mit wunderbaren, gleich gepolten Menschen! Allerdings fast ausschließlich Männer.

Wäre nicht die lästige, weite Anreise aus dem Flachland gen Süden gewesen, hätte es sicherlich bereits genug Zufriedenheit und Glück für mich gegeben. Aber ich wollte mehr - und machte den Ultraleichtflugschein. Seit 1998 sehen diese ultraleichten Flugzeuge sogar aus wie richtige Flugzeuge, also Cessna und Co, und funktionieren auch so. Sie haben zwei Sitze, ein Gewicht von maximal 450 Kilogramm und bringen Frau bei gutem Wetter locker von Münster nach Berlin. Mit diesem Flugzeug erkundete ich fortan Deutschland, insbesondere den mir fast unbekannten Osten, aber auch Nord-, Süd- und Westeuropa. Oft habe ich im Sommer mein Klappfahrrad eingepackt, flog los, landete auf einem kleinen Platz in schöner Landschaft. Die Erinnerung daran, wie ich zum ersten Mal auf dem historischen Flughafen Tempelhof gelandet bin, erfüllt mich auch heute noch mit Gänsehaut. Aber auch ein kurzer Flug um den eigenen Kirchturm lässt die oben erwähnten Schultern entspannen und die Hektik des Alltags vergessen.

Im Frühjahr 2000 ereignete sich dann etwas, das fast so selten ist wie ein Sechser im Lotto: Am Flugplatz Rheine trafen sich drei Frauen und drei Flugzeuge an einer Tankstelle. Ich war auf dem Rückweg von Borkum und musste nachtanken. Nett waren die beiden anderen, lustig und offensichtlich leidenschaftlich der Fliegerei ergeben. Roswitha und Karin luden mich spontan zum Treffen der Vereinigung Deutscher Pilotinnen, VDP, ein. Hmmm, dachte ich, braucht die Welt einen Verein von Pilotinnen? Ja! Denn Pilotinnen empfinden die Welt der Lüfte anders als Männer, sie reden über ihre Emotionen, Ängste, Erlebnisse sowie auch über ihre Fehler, und das unterscheidet uns von den Stammtischen vieler männlicher Piloten.

Die Fliegerei ist über 100 Jahre alt, doch noch bei der Gründung der Vereinigung Deutscher Pilotinnen 1969 sahen die Herren die Pilotinnen nicht gern in ihren Vereinen, es sei denn zum Kuchenbacken oder als unterarmschmückende Mitfliegerinnen. Also fanden sich Flugpionierinnen wie Elly Beinhorn oder Hanna Reitsch zusammen und erlebten viele glückliche Stunden in der Luft und am Boden. Und das tun wir auch heute noch, ohne dabei neudeutsch Emanzen zu sein. Wir sind ein Netzwerk fliegender Frauen (pilotinnen.de), 300 Mitglieder in Deutschland, organisiert auch in Europa (fewp.infoe) oder bei den 3.500 MitgliederInnen der international agierenden Ninety-Nines (ninety-nines.de). Viele tolle Frauen tauschen dort Erfahrungen aus, unterstützen sich gegenseitig, finden sich zu fliegenden Urlaubsreisen zusammen, treffen sich regelmäßig an unterschiedlichen Flugplätzen, geben einander Unterricht und Tipps zum medizinischen Tauglichkeitszeugnis. Nicht zuletzt dieses Gefühl von Gemeinsamkeit hat mich dazu bewogen, nun auch "normale", einmotorige Flugzeuge fliegen zu wollen, die schneller sind und mehr Passagiere transportieren.

Den Flugschein dazu machte ich 2003 in Florida, USA. ?Vier Wochen im Paradies. Gespart, Flugschule gesucht, Visum und los. Fliegen konnte ich ja schon ein bisschen, so dass ich den Schein in den 40 Pflichtstunden in Naples absolvierte. Am Tag nach meiner Prüfung charterte ich mir eine zweisitzige Cessna 152 und erfüllte mir den Traum, auf einem kleinen Platz mitten in den Everglades zu landen. Dort angekommen hörte ich einen amerikanischen Piloten im Funk, der bereits seinen dritten Anflug auf die von drei Seiten mit Wasser umgebene Landebahn versuchte. Irgendwann gab er entnervt auf und ich durfte landen. Kein Problem für eine deutsche Pilotin, die aus ihrer Heimat kurze Landebahnen gewöhnt ist.

Der andere Pilot schaffte es dann doch, kurz nach mir zu landen, und kam schnurstracks auf meine Maschine zu. "How long do you fly?" fragte er mich, offensichtlich noch ganz beeindruckt davon, dass ich nur einen Anflug zur Landung gebraucht hatte. Auf meine Antwort hin, dass ich erst gestern meine Lizenz gemacht hätte, zog er eine Visitenkarte aus seiner Brieftasche und überreichte mir diese mit den Worten, dass ich, wann immer ich nach Fort Lauderdale käme, seine Maschine ausleihen dürfe. Man kann sich das stolze Grinsen auf meinem Gesicht vorstellen, oder? Bald bat mich ein Freund, mit ihm und einigen anderen von Deutschland gen Südafrika zu fliegen. Bei Nacht über die Wüste Ägyptens, an den letzten Lichtern Abu Simbels vorbei, über den Viktoria-Wasserfällen zwischen Simbabwe und Sambia, über Elefantenherden im Okavango Delta. Wenn dann der Tafelberg vor dem Propeller erscheint, geht Frau das Herz auf und sie bedankt sich wortlos beim Universum, dies alles erleben zu dürfen.

Zwei Jahre und viel Planungsaufwand später ging es einmotorig über den Atlantik. Aus dem Münsterland nach Nordschottland, weiter nach Island, über Grönland nach Kanada, Endstation Quebec. Klingt verrückt? Ist es wahrscheinlich auch. Nicht immer tiefenentspannt lauscht man über den tosenden Wellen des Ozeans dem Motorgeräusch des Flugzeugs und betet für gutes Wetter. Die Schönheit und Wildheit der Landschaft von oben aber auch am Boden entschädigen die Anspannung. Und ... das nicht mit Geld zu bezahlende Gefühl, wenn man wieder heil angekommen ist: I DID IT!

Nun drängt sich sicherlich die Frage auf: Ist Fliegen nicht gefährlich? Die Ausbildung zum Pilotenschein ist sehr ausgereift und praxisorientiert, danach geht es um verantwortungsvolle Selbsteinschätzung, kontinuierliches Fliegen über die Pflichtstunden hinaus, die Beschäftigung mit dem Wetter und dem Flugzeug, das man fliegt, sowie natürlich der Austausch von Erfahrungen mit Gleichgesinnten Meine Schultern haben sich übrigens in den letzten Stunden, während ich dies geschrieben hab, auch ganz entspannt der Gravitation folgend nach unten bewegt, weil ich, wenn auch nur in Buchstaben, meiner Leidenschaft gefrönt habe. Ich lade alle, egal ob Frauen, Männer oder Kinder ein, die Welt einmal aus der Vogelperspektive zu erleben. Nicht nur aus dem Verkehrsflieger, sondern viel unmittelbarer aus einem kleinen Flugzeug, mit oder ohne Motor. Einen nahe gelegenen Flugplatz gibt es bestimmt und ein Rundflug über die Heimat öffnet das Herz. Aber, Achtung: Suchtgefahr!

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