"Mitte 40 und total gelassen - wirklich immer?"

Britta Meyer, Mitte 40, lebt in Düsseldorf und arbeitet in der Tourismusbranche. Wenn sie Menschen gerade nicht auf Reisen schickt, dann schreibt sie. Darüber, was tagtäglich um sie herum passiert. Das ist mitunter abenteuerlich. Anstatt Tagebuch zu schreiben, verarbeitet sie das Erlebte in ihrem Blog Neues von Frau Meyer.

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Britta Meyer fühlt sich mit Mitte 40 gelassener als früher. Allerdings fragt sie sich, wie angebracht Entspanntheit in wirklich allen Stilfragen ist ...

Ich bin alt. Seit gestern weiß ich, dass ich alt bin. Gestern bin ich bei einem Duz-Friseur gesiezt worden. Seit Jahren gehe ich zu diesem hippen Friseur, der je nach Farbtrend in Mauve, Pink oder Grasgrün gestrichen ist und bei dem Mädchen und Jungs ohne Tattoos und Plug im Ohr gar nicht erst eingestellt werden. Obwohl er auf seiner Homepage Model-Looks und Editorial-Haar verspricht, bekomme ich meine blonden Foliensträhnen immer mit dem Hinweis "Das sieht dann auch schön natürlich aus", obwohl ich gar nicht um schön natürlich gebeten habe. Die kommen gar nicht auf die Idee, dass ich vielleicht gern jemand ganz anderes wäre, der zum Bespiel die Haare in diesem Graufliederton gefärbt haben möchte. Sowie Kelly Osbourne. Ja, ich weiß, wer Kelly Osbourne ist. Beim hippen Friseur liegen ja diese Magazine aus, die ich lese, während die Chemikalien einziehen und in mein Aschblondgrau ein natürliches Blond zaubern.

Und gestern fragt mich die Azubine mit dem Strickbeanie auf dem Kopf (bei der Hitze!) dann: "Bei wem haben SIE denn den Termin?" Bisher bin ich immer geduzt worden. Was ist passiert, dass ich plötzlich gesiezt werde? Ich hätte gern das junge Ding, das locker meine Tochter sein könnte, gefragt, warum sie mich nicht duzt. So wie immer. Ich hätte mich ein paar Meter von ihr entfernt so hinstellen können, dass sie das Tattoo an meinem Knöchel sieht, weil ich mich wie zufällig unten am Knöchel kratze. Vermutlich wäre sie von meiner Hausfrauenverzierung aber wenig beeindruckt gewesen. Jede Oma ist heutzutage tätowiert.

Ich sage nichts wegen des Siezens zu Strickmützen-Vanessa, die mich an meinen Platz führt, mir den Umhang ein wenig zu eng um meine Schilddrüsenknoten bindet und freundlich fragt, ob sie mir ein Wasser oder ’ne Latte bringen kann. Ich sage nichts wegen des Siezens, weil ich gelassen bin.

Ich habe generell festgestellt, dass ich im Alter gelassener geworden bin. Kann mir doch wurscht sein, ob das Mädchen mich duzt oder siezt. Auf Facebook erhalte ich seit neuestem Werbung für Hallux-Sensitive-Schuhe und figurformende Sommerkleider. Ist mir auch wurscht. Genauso wie Angeber-Postings meiner Facebook-Freunde, die ihre eigene Laufleistung per runtastic rühmen. Ich bleibe gelassen. Oder kommentiere "Angeber" oder "Laufstreber". Die wissen ja, von wem es kommt. Von einer gelassenen Frau Mitte 40, die zu ihren Schwächen steht und nur hin und wieder damit hadert, dass der Höcker auf ihrer Nase eher als Wiedererkennungsmerkmal denn als Schönheitsideal taugt. Seit ich erkannt habe, dass meine strammen Beine quasi angeboren sind (siehe Beweisbild von 1972), habe ich mich auch mit ihnen halbwegs angefreundet.

Die Gelassenheit, die ich mir in den letzten Jahren mehr und mehr angeeignet habe, bedeutet nicht, dass mir meine Gesundheit und mein Aussehen total egal sind. Ich habe einen Gold-Mitgliedsausweis der Weight Watchers im Portemonnaie. Ein Facebook-Gruppenfoto, das ohne meine Zustimmung veröffentlicht wurde, ließ mich schneller eine Anmeldung bei den Weight Watchers unterschreiben, als mein innerer Schweinehund aus seinem Körbchen springen kommen konnte. Trotz der Gewichtsabnahme gibt es Kleidung, die ich nicht tragen kann. Also, nicht mehr. Es besteht nämlich für mich einen Riiiesenunterschied zwischen "Pass ich noch rein" und "Kann ich noch tragen". Ich passe wieder in meine Shorts von 2005. Damit würde ich jedoch höchstens im Garten eines bretonischen Ferienhauses liegen. Niemals würde ich die kurzen Hosen in der Düsseldorfer Innenstadt tragen. Ein Blick in den Spiegel genügt, um davon Abstand zu nehmen.

Es gibt Geschlechtsgenossinnen, die entweder noch gelassener sind als ich oder die zuhause keinen Spiegel haben. So halte ich im Sommer beim Stadtbummel manches Mal die Luft an, zucke kurz erschrocken zusammen oder stoße meinem Freund den Ellenbogen in die Rippen. Der ist megatolerant, muss aber Stellung nehmen, und sagt dann Sätze wie: "Dem Elmar Günther Kretschmar von Shopping Queen würde jetzt sicher die passende Bemerkung dazu einfallen, der kennt sich aus." Ich interessiere mich für Modetrends, muss aber nicht jeden mögen und mitmachen. Goldschmuck ist Trend, ich mag Silber. Sonniges Gelb finde ich schön, aber für mich als Blonde mit eher heller Haut schwierig.

Gemusterte Leggings? Da bin ich wegen der strammen Beine raus. High Heels sehen traumhaft aus. Wenn man darauf laufen kann (kann ich nicht) und nicht sowieso schon mit 1 Meter 75 die Mitmenschen überragt (tu ich). Ich schätze es, wenn Frauen es schaffen, sexy aber nicht nuttig auszusehen.

Natürlich ist es mein Problem, dass mit dem Luft anhalten. Für mich ist es interessant, mit welchem Selbstverständnis Menschen Kleidung tragen. Ein gewisses Selbstvertrauen (auf das ich - unter uns gesagt - manchmal neidisch bin) verleiht der Trägerin eines aus meiner Sicht grenzwertigen Kleidungsstücks schon etwas mehr Attraktivität. Unsereiner hingegen steht völlig unsicher vor dem Spiegel und greift aus Angst vor Neuem wieder zum unifarbenen Schlabberblüschen. Oder mag das trendige Kleidungsstück, kann es aber aus Mobilitätsgründen nicht tragen, wie zum Beispiel meine Freundin Pia. Die zeigte mir wirklich traumhafte Lederleggings, die sie sich online bestellt hatte. Dunkelbraun, von Michael Kors. Pias Endlosbeine schienen darin noch schlanker und noch länger als in Jeans. Ich gratulierte ihr zum neu erworbenen Kleidungsstück. "Das Problem ist: Sie quietscht beim Gehen." Zur Beweisführung ging sie im Flur auf und ab. Sie quietschte. Aber wie. Dann setzte sie sich auf ihr Sofa. Da sie die Beine nicht einknicken konnte, fiel sie zurück wie eine Holzpuppe ohne Kniegelenke. Pia stellte fest: "Ich kann mit der Hose nicht sitzen. Ich glaube, ich gebe die wieder zurück." - "Du könntest sie auf Stehpartys tragen." - "Bleibt immer noch das Quietschproblem." - "Dann darfst du eben nicht aufs Klo gehen."

Pia hat die Lederleggings wieder zurückgeschickt. Zur Gelassenheit mit Mitte 40 gesellt sich im günstigsten Fall die Vernunft.

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