"Schlendrian im Home Office? Nope, Akkordarbeit!"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel erklärt Christine Finke, warum das Home Office nicht der Entspannung dient.

Christine Finke, 47, bloggt als "Mama arbeitet", ist Journalistin und alleinerziehende Mutter von drei Kindern (5, 8 und 13). Die Vereinbarkeit von Familie und Beruf ist für sie ein Herzensthema – und das umso mehr, seit sie für einen familienfreundlichen norwegischen Kinderbuchverlag arbeitete.

Ein ganz normaler Werktag. Wie jeden Morgen setze ich mich ins Auto und fahre – nein, nicht ins Büro. Ich fahre den Sohn (8) und die Jüngste (5) zur Schule und zur Kita. Und dann schnurstracks wieder heim, ohne Umwege, denn es wartet ein Haufen Arbeit auf mich. Home Office – das klingt so beschaulich. Dabei ist es ein Hochleistungssport, bei dem man schon mal vergessen kann, eine Mittagspause zu machen. Langweilig wird es jedenfalls nie.

Die Zeit, in der ich ganz alleine zuhause bin und voll konzentriert arbeiten kann, ist knapp und kostbar. Und so ignoriere ich gekonnt die Staubflusen auf dem Fußboden und die schmutzigen Fenster, denn den Haushalt kann ich genauso gut erledigen, wenn die Kinder da sind. Nur die Geschirrspülmaschine, die räume ich schnell aus, und die Waschmaschine stelle ich an, dann habe ich das Gefühl, dass halbwegs Ordnung herrscht. Ach, und das Katzenklo muss auch ganz dringend gemacht werden – da kann ich doch gleich eben den Müll rausbringen. Huch, schon 9:15 Uhr, nun aber schnell an den Rechner!

Kein morgendliches Schwätzchen in der Kaffeeküche, kein Gespräch über zwei Schreibtische hinweg, wie denn das Wochenende war - ich rede nicht, sondern knie mich in die Mails und das Tagesgeschäft. Es gibt keinen Grund, mich vom Schreibtisch zu erheben, der mein Esszimmertisch ist, an dem ich wie festgenagelt sitze, wenn nicht gerade der Postbote klingelt oder die Waschmaschine piept. Denn die Uhr läuft unerbittlich. Um 16:30 muss ich das Haus verlassen, um die beiden jüngeren Kinder von Hort und Kita abzuholen, freitags schon um 15:30 Uhr. Mindestens einmal pro Woche mache ich einen Gro?einkauf, das nimmt zwei Stunden Zeit in Anspruch. Und an einem anderen Nachmittag hat der Sohn Ergotherapie, das kostet mich auch drei Stunden Zeit. Oft kommt mittags die Gro?e (13) heim, da sollte dann etwas Warmes zu essen auf dem Tisch stehen. Die traute Einsamkeit endet an drei von fünf Wochentagen bereits um 13 Uhr.

"Ach, du hast es gut, nur 30 Schlie?tage in der Kita und im Hort!", wie oft habe ich das schon gehört. Aber bei Licht betrachtet sieht die Rechnung für mich als Selbstständige ganz anders aus: Von den 365 Tagen eines Kalenderjahres sind alleine schon 104 Tage Wochenenden. Dazu kommen dieses Jahr elf Feiertage, die nicht auf ein Wochenende fallen, plus jene 30 Schlie?tage, und dann ist jedes Familienmitglied im Schnitt sieben Tage krank (was nicht einmal viel ist und immer zur Unzeit kommt), so dass ich an etwa 172 Tagen im Jahr NICHT arbeiten kann.

Rechne ich den halben Tag für den Gro?einkauf pro Woche und den halben für die Ergotherapie des Sohns noch mit runter, dann bleiben mir keine 135 Arbeitstage im Jahr. Und obendrein gibt's noch einen Haufen Schulferien, die momentan nur die Große betreffen, aber mir trotzdem Unruhe in den Bürotag zuhause bringen, weil so ein Teenie ja auch Besuch bekommt, angerufen wird, sich ganz normal in der Wohnung bewegt und dies und jenes mit mir besprechen möchte. Ist es da ein Wunder, wenn ich mich schwer tue mit Pausen? Zumal jederzeit das Telefon klingeln kann und die Kita oder Schule mit Hiobsbotschaften à la "Ihr Kind spuckt, holen Sie es bitte so schnell wie möglich ab!" überraschen kann, und ich mir angewöhnt habe, immer vorzuarbeiten, um meine Deadlines einzuhalten.

Nee, ich bin nicht pingelig oder konzentrationsschwach, gar nicht. Im Großraumbüro konnte ich genauso gut arbeiten wie im Büro mit vier Leuten. Aber in so einem Büro bin ich auch nicht für alles verantwortlich: Da gibt's eine Putzfrau, jemanden, der den Kaffee auffüllt, auch eine gewisse Energie, die in der Luft liegt. Und es gibt Pausen: Frühstückspause, Mittagspause, Kaffeepause, alles zu bestimmten Uhrzeiten. Dass ich eine Pause machen müsste, merke ich oft erst, wenn mir der Magen in den Knien hängt oder der Rücken wehtut.

Ich könnte mir natürlich einen Wecker stellen, um Pausen zu machen. Aber eine Pause ohne Kollegen ist irgendwie doof. Und der Typ für Yoga am geöffneten Fenster bin ich nicht. Also nutze ich meine Pausen, um Wäsche aufzuhängen und die Blumen auf dem Balkon zu gießen. Oder um auf Twitter ein bisschen herumzuhängen, das ist aber auch nur für den Kopf eine Pause, für den Körper nicht, und hat mit Gesellschaft und Abschalten wenig zu tun.

Home Office ist Akkordarbeit, jedenfalls so, wie ich das mache. Und dann kommt die Große mittags aus der Schule, fragt "Na, was hast du heute so gemacht, Mama?" und ich kann das gar nicht klar beantworten. "Ach, das Übliche", sage ich dann und erzähle etwas von Abgabefristen, Texten und Übersetzungen, vom Wäscheaufhängen zwischendurch und sehe ihr an der Nasenspitze an, dass sie denkt, was alle denken: "Die hat's gut, so ein Home Office ist voll entspannt!"

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