"Schweden hat mehr zu bieten als ein Möbelhaus und Fleischbällchen!"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Lisa Weilberg hat sich entschieden, ihr Masterstudium in Schweden zu absolvieren. Welche schwedischen Eigenheiten wir unbedingt nach Deutschland importieren sollten, schreibt sie hier.

Lisa Weilberg (26) studiert und lebt in Göteborg in Schweden. Die Kommunikationsstudentin gehört zu den Kreativen – sie zeichnet, dichtet, schreibt Geschichten und Artikel, spielt Saxophon und singt zudem in einer Band. Kunst ist ihr genauso wichtig wie ein ausgefallener Modestil – zu ihren Favoriten gehören Prints aller Art, Hüte und auffällige Brillen. Kurzum: Sie liebt es sich auszudrücken und das jeden Tag auf mindestens drei Sprachen.

Als es für mich galt einen Masterstudiengang zu wählen, fiel meine Wahl schnell auf Schweden. Nicht nur, weil ich schon mal ein Jahr in Südschweden gelebt habe und Skandinavistik ein Teil meines Studiums der Germanistik und Kulturwissenschaften war. Ich wollte an einem internationalen Studiengang teilnehmen, da ich mich sehr für verschiedene Kulturen interessiere. In meinem Studium büffeln mehr als 40 Nationalitäten auf kleinstem Raum - diese Diversität würde ich in Deutschland nicht finden. Abgesehen von dem persönlichen Drang, meinen kulturellen Horizont zu erweitern, bin ich nach Schweden gezogen, weil es sich doch in vielerlei Hinsicht von Deutschland unterscheidet. Jeden Tag aufs neue erlebe ich kulturelle Unterschiede, die ich nach fast zwei Jahren Aufenthalt hier schätzen und lieben gelernt habe.

Zunächst möchte ich das Stereotyp von Schweden, zu dem Stichworte wie "blond, Elche, Holzhäuschen, Köttbullar und IKEA" gehören, revidieren und sagen: "Nein, ganz so beschränkt ist Schweden nicht." Es hat mehr zu bieten als ein Möbelhaus und Fleischbällchen, die in roten Hütten verschlungen werden. Rollen wir das Ganze von vorne auf. Der erste Unterschied zu Deutschland liegt bereits im großen Rahmen - der parlamentarischen Monarchie Schwedens, in der das Könighaus als Prestigeobjekt dient. Wichtige Werte in diesem Königsreich sind Demokratie, Toleranz und Gleichheit zwischen Männern und Frauen.

Dass sich Männer und Frauen auf einem Level befinden und somit als gleichwertig angesehen werden, erlebt man jeden Tag: mit einer Toilette für beide Geschlechter in Restaurants, Frauen und Männer in gleichen Machtpositionen und Vätern, die zu Hause bleiben und auf die Kinder aufpassen – "pappaledig" (Papaurlaub) nennen das die Schweden. An dieses Prinzip der Gleichheit knüpfen auch die informellen Umgangsformen an: Hier wird geduzt, ein "Sie" gibt es nicht und somit herrschen schon sprachlich flache Hierarchien. Die Schweden streben Gelassenheit und ein harmonisches Miteinander an, auch die Beziehung zwischen Studenten und Professoren ist freundschaftlich-vertraut und nicht wie in Deutschland hierarchisch-distanziert.

Schweden wirken trotzdem reservierter und distanzierter als Deutsche. Dieses Verhalten sollte jedoch nicht als unüberwindbare Barriere betrachtet werden, sondern als Herausforderung - Schwedischkenntnisse, ganz gleich auf welchem Niveau, sind die besten Eisbrecher, um mit einander ins Gespräch zu kommen. Weitere Chancen, die man beim Schopfe packen sollte, um Schweden kennenzulernen, bieten traditionelle Feste - Schweden scheinen beim Tanzen, Singen und Essen ihre Reserviertheit abzulegen und in ein Kostüm der Heiterkeit und Besonnenheit zu schlüpfen. Vor allem die Tänze um den Mittsommerbaum eröffnen ganz neue Charakterzüge - ich möchte fast von einer extrovertierten Färbung sprechen, die für manche Tanzschritte durchaus von Nöten ist. Hüpfen wie ein Frosch fände man in Deutschland wahrscheinlich eher albern, hier in Schweden ist es ein Spaß für alle Altersklassen und ein traditioneller Mittsommertanz.

Ein weiterer Unterschied zwischen Deutschland und Schweden sind zwei wichtige Aspekte des schwedischen Alltags. Der erste: "Lass fika machen". Das hört man in Schweden andauernd - "Fika" ist das schwedische Pendant zur englischen "tea time" - mit einer kleinen Ausnahme: Fika geht immer. Doch im Vergleich zu Deutschland, wo eine Kaffeepause sich manchmal nach dem Einschenken der Tasse und einem kurzen Plausch auf dem Weg zurück ins Büro erübrigen hat, heißt "fika" sich für einander Zeit zu nehmen und über die neuesten Ereignisse auszutauschen. Nicht "schnell, schnell" ist das Motto, sondern "Entspannen und Genießen" bei einem aromatischen Kaffee und einer leckeren Zimtschnecke.

Allgemein ist Schweden entspannter als Deutschland. In meinem Studium habe ich in einer Eigenstudie erfahren, dass Schweden im Vergleich zu den Deutschen zwar größere Angst vor der Zukunft haben, aber sich gesellschaftlich weniger unter Druck fühlen. Die zweite Idee, die daher die Schweden in ihrer Lebensweise lenkt, ist "lagom", was in etwa "Mittelmaß" bedeutet. "Lagom" wird gerne und in allen Lebenslagen benutzt - so arbeiten Schweden effektiv, aber eben nicht zu viel, sie kleiden sich modebewusst und stilsicher, aber nicht zu avantgardistisch – lagom, eben.

Nur die Preise sind leider gar nicht lagom. Schweden ist im Vergleich zu Deutschland teuer und das in allen Bereichen. Vor allem bei alkoholischen Getränken muss man das Portemonnaie weit aufmachen. Alkohol kann man übrigens nicht in jedem Supermarkt kaufen, sondern nur in speziellen Geschäften, den "Systembolaget".

Wer Schweden besucht, wird schnell merken, dass Schwedisch weicher klingt als Deutsch und eher einem leichten "Sing-Sang" gleicht. Es ist für Deutsche einfach zu lernen, da Schwedisch wie Deutsch zu den germanischen Sprachen gehört und sich deshalb einige Worte in beiden Sprachen sehr ähneln. Schwedisch klingt lustig, zugegeben, aber manche Wörter sind sinniger als das deutsche Pendant: wie "Bubbelbad" für Whirlpool oder "Sugrör" (Saugrohr) für Strohhalm.

Abschließend kann ich sagen, dass das Leben in Schweden sehr angenehm ist. Zugegeben, zu Beginn musste ich mich durch viel Papierkram kämpfen, aber Bürokratie gehört eben dazu. Ich bereue meinen Umzug nicht und bin der Meinung, dass man nicht nur Gelassenheit und fika nach Deutschland bringen sollte, sondern auch ein höheres Maß an Toleranz und Gleichberechtigung.

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