"Stop the press!" - Die Angst vor der Geburt

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Simone Will über ihre Angst, nicht richtig auf die erste Entbindung vorbereitet zu sein, und warum sie nicht pressen wollte.

Simone Will lebt mit ihrem Mann und zwei Söhnen in Hamburg. Sie ist Founderin und CEO von Bento Shop und muss immer "Ennepetal" rufen, wenn sie ein Auto mit dem Kennzeichen "EN" sieht. Für ihre Kinder wünscht sie sich, dass sie eines Tages in ihre Fußstapfen treten und auch "Ennepetal" rufen.

Vor meiner ersten Entbindung war das Gefühl, nicht ausreichend auf den großen Tag vorbereitet zu sein, mein ständiger Begleiter. Das liegt unter anderem daran, dass der große Fokus auf den Schmerz gelegt wird. Ich muss allerdings nicht fünf Monate lang viermal im Monat mit anderen Walrössern auf einer durchgeknibbelten Yogamatte sitzen, um zu erfahren, dass es sehr, sehr, sehr weh tut, ein Kind zu bekommen - diese Information ist bereits durchgesickert.

Viel wusste ich während der ersten Schwangerschaft noch nicht über den Geburtsvorgang. In der Hoffnung, etwas entspannter an die Entbindung herangehen zu können, entlieh ich eine DVD aus der Bibliothek.

Sie war vermutlich in den Achtzigern produziert worden und zeigte eine adrett frisierte blonde Frau mit zu viel Make-up, die ein Baby bekommt. Oben herum geriet keine Haarsträhne in Unordnung, gelegentlich runzelte sie die Stirn und presste konzentriert, wenn sie dazu aufgefordert wurde. Eine zweite Kameraeinstellung fokussierte den Unterleib mit einem langsam austretenden Babykopf. Es dauerte nicht lange, bis mir und meinem Mann klar wurde, dass Ober- und Unterkörper nicht zur gleichen Person gehörten. Um die Zuschauer nicht zu verstören, hatte man eine entspannte Oberleibsdarstellerin gefilmt. Da ich meine obere und untere Körperhälfte als miteinander verbundene Einheit zur Entbindung mitzubringen gedachte, entsprach dieses Video nicht meinen Bedürfnissen.

Weiterhin blieb der Akt des Entbindens ein Mysterium, das in diversen TV-Sendungen nur angeschnitten wird. Man sieht eine ächzende Frau, die kurz darauf pressen soll, eine euphorische Hebamme ruft Aufmunterndes in die Vagina hinein und schon ist das Baby da und wird der Mutter auf die Brust gelegt, die dabei in einer viel zu hohen Tonlage sinnlosen Unfug quäkt. Statt Blut, Schweiß und Tränen, also Ächz, Press und Quäk. Und das, obwohl nicht einmal Blut, Schweiß und Tränen eine akkurate Zusammenfassung sind.

Die zwei Schlüsselszenen meiner ersten Geburt sind - in zeitlicher Abfolge - der Moment, in dem die Hebamme ankündigte, nun eine Salzlampe einzuschalten, und der Moment, in dem sich bei mir ein dringendes Bedürfnis meldete. Die Salzlampe brachte meinen Mann aus der Fassung. Auf die Frage, woran man denn echte Wehen erkennen würde, sagte unsere Geburtsvorbereitungskursleiterin: "Wenn man noch sprechen kann, sind es keine Wehen." Meine Faustregel: Wenn man sich noch für Salzlampen, die mitgebrachte James-Blunt-CD oder ätherische Öle interessiert, sind es auch noch keine Wehen. Zweite Fraustregel: Globuli, Schüßlersalze und anderer esoterischer Riesenquatsch sind bei einer Geburt so hilfreich wie Aspirin bei einer Amputation. Wer gebärenden Frauen damit Hoffnung macht, sollte zur Strafe bei der nächsten Wurzelbehandlung die örtliche Betäubung siebenhundertmal verdünnt und verschüttelt als Aromatherapie verabreicht bekommen. Im Schein einer bei Manufaktum erworbenen Salzlampe, von bretonischen Talbauern aus artgerecht gehaltenem Wildsalz hand-, fuß- oder meinetwegen auch mundgefertigt.

Mich trieb an diesem Punkt der Geburt ein anderer brennender Gedanke um. In einem Elternforum erwähnte eine Mutter im Rahmen ihrer zu Hause stattfindenden Wassergeburt, dass "alles bereit sei, sie brauche aber noch einen Kescher, um herauszufischen, was da so schwimmen wird". "Wieso, was soll denn da schwimmen?", fragte ich arglos. Und hier wurde mir sozusagen im Vorbeigehen eines der großen Tabus der Geburt offenbart. Das Geheimwissen der Frauen.

Auf dem Weg durch den Geburtskanal quetscht der Babykopf den Darm wie eine Zahnpastatube aus. Früher versuchte man dem mit einem Einlauf vorzubeugen, aber da Geburten und speziell Austreibungsphasen unberechenbar sind, bevorzugen Hebammen einen festen Stuhl, den man leichter entfernen kann. Ich persönlich bevorzuge gar keinen Stuhl, schon gar nicht coram publico. Unangenehmerweise erzeugt der Druck des Kinderschädels ein Gefühl, als müsse man jetzt wirklich sofort und ganz dringend auf die Toilette. Tatsächlich wurde der Wehenschmerz in diesem Moment nebensächlich. Wenn man unten ohne auf einem Bett hockt, einem zwei Personen in den Schritt starren und man einen starken Stuhldrang hat: Was ist das allerletzte, was man auf der Welt tun möchte? Richtig, pressen.

Ich wage zu behaupten, dass sich meine Geburt deshalb erheblich in die Länge gezogen hat. Erst als der Kaiserschnitt drohte, konnte ich loslassen. Ich befürchtete, seelische Schäden durch den Kaiserschnitt zu erleiden, wobei ich anmerken möchte, dass ich seit meiner Entbindung nicht mehr im Schein einer Salzlampe kacken kann. Ein in der Gesellschaft totgeschwiegenes Syndrom, das zukünftige Generationen als "Simone-Will-Trauma" hoffentlich ans Licht der Öffentlichkeit zerren werden. Davon, wie mich dies in Beruf und Privatleben einschränkt, will ich gar nicht erst reden.

Das zweite Kind ist dann ein Spaziergang. Ich betrat den Kreißsaal, übergab mich routiniert in eine Petrischüssel, presste wie ein Weltmeister, die Hebamme schrie meinen Schritt an und legte mir dann das Baby auf die Brust, wo ich ihm in einer zu hohen Tonlage sinnloses Zeug zuqäkte.

Wer auf eine Geburt vorbereitet sein möchte, sollte vorab ein Baby bekommen. Gewisse Logikfehler machen dies für die erste Geburt unmöglich, also empfehle ich, ab dem vierten Monat mit wilden Berggorillas oder Wölfen zu leben. Oder sich im Alltag abzuhärten: Bitten Sie zwei Ihnen nur wenig bekannte Menschen, Ihnen dabei zuzusehen, wie sie sich nackt in Hockstellung erleichtern und dabei aus vollem Halse brüllen. Noch leichter wäre es vielleicht, das Tabu einfach aufzubrechen und sich in Zukunft die Geburtsromantik dahin zu stecken, wo die Salzlampe nicht scheint.

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