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"Traumjob Stewardess?"


In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Anika Wagner über Ihre Zeit als Stewardess - einem Traumjob?

Durch die Welt reisen, fremde Länder besichtigen und andere Kulturen kennenlernen. Diesen Traum hat sich Anika Wagner nach ihrem BA-Studium erfüllt: als Flugbegleiterin flog sie rund drei Jahre lang um die ganze Welt, erlebte wunderschöne Momente, sammelte Erinnerungen und Erfahrungen.
Durch die Welt reisen, fremde Länder besichtigen und andere Kulturen kennenlernen. Diesen Traum hat sich Anika Wagner nach ihrem BA-Studium erfüllt: als Flugbegleiterin flog sie rund drei Jahre lang um die ganze Welt, erlebte wunderschöne Momente, sammelte Erinnerungen und Erfahrungen.
© privat

Sommer 2010, den BA-Abschluss quasi in der Tasche. Nach einigen Vorstellungsgesprächen wurde mir schnell klar, dass ich erst mal nicht vom Vorlesungssaal in ein Büro wechseln und die Seminarordner nicht gegen eine Büroablage tauschen wollte. Es zog mich raus in die Welt, statt „Marketingpraktikum“ tippte ich immer öfter „Weltreise“ in die Online-Suchmaschinen ein und erhielt als Ergebnis, neben Reiseberichten, regelmäßig „Flugbegleiter gesucht“-Werbepopups einer großen deutschen Airline. Erst fielen sie mir kaum auf, dann ignorierte ich sie und schließlich wurde ich doch neugierig. Ob das etwas für mich sein könnte? Ich war mehr als skeptisch und hatte Bammel davor, mich kopfüber in verdammt kaltes Wasser zu stürzen. Schließlich siegte mein Abenteuerlust, was hatte ich schon groß zu verlieren: im besten Fall würde ich die Chance bekommen, durch die Welt zu reisen und dafür sogar noch bezahlt werden, im schlechtesten Fall würde ich nach einer Absage meinen Rucksack packen und ebenfalls reisen.

Sie ahnen es bereits, ich erhielt eine Zusage und womit ich nie gerechnet hatte, war plötzlich Realität, ich wurde Flugbegleiterin. Nach ungefähr siebenwöchiger Ausbildung ging es im November 2010 das erste Mal auf Strecke. Und obwohl wir todmüde und mit schmerzenden Füßen in Seattle landeten, war ich selten zufriedener und stolzer als in dem Moment, als ich mich auf einen Platz in dem kleinen Bus, der uns ins Hotel bringen sollte, fallen und die letzten Stunden Revue passieren ließ. Ich hatte meinen ersten Flug gemeistert - und mein Herz an die Fliegerei verloren.

In den folgenden Wochen, Monaten und Jahren flog ich rund um die Welt, ging auf Entdeckungsreise in Amerika, Europa, Afrika und Asien. Mein Dasein als Flugbegleiterin ermöglichte es mir, mir meinen Traum vom Reisen zu verwirklichen und dabei finanziell abgesichert und unabhängig zu sein. Ich erhielt Zutritt zu Städten und Ländern, in die ich als Tourist wohl nie gekommen wäre, wie beispielsweise Lagos in Nigeria, Jeddah in Saudi-Arabien oder Teheran im Iran. Fasziniert von der Vielfalt unserer Welt und den mir so fremden und gleichzeitig ungemein fesselnden, interessanten und unterschiedlichen Kulturen besuchte ich heilige Tempel in Kalkutta, trank grünen Tee in Tokio, beobachtete Wale in Vancouver, radelte über die Golden Gate Bridge in San Francisco, ließ mir Tapas in Barcelona schmecken, stapfte durch die eisige russische Kälte in Kazan, ging in Südafrika auf Safari, tanzte mich durch das Nachtleben in Riga, spazierte in Abaya und mit Kopftuch durch Teherans Straßen, trank Cocktails in Singapur, erklomm in Peking die chinesische Mauer, machte einen Salsakurs in Bogotá, trank Espresso auf dem Markusplatz in Venedig, joggte durch den Central Park in New York City, durchstöberte Flohmärkte in London, aß Mezze in Tel Aviv, machte Grachtentouren in Amsterdam, kaufte Gewürze in den Souks von Muskat, probierte Bibimbap in Korea, ließ mich von den Ballettänzern in Jekaterinburg verzaubern und erlebte unzählige Abenteuer mehr auf der ganzen Welt.

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Kurzum, ich holte ganz bewusst alles aus meinen kurzen Aufenthalten heraus und erlebte eine ganz besondere Zeit, die stets von Aufbruch und Kurzlebigkeit geprägt war und einen besonderen "Hier & Jetzt"-Charakter in sich trug. Doch noch etwas anderes war typisch und bezeichnend für meine Zeit als Flugbegleiterin: bei aller Fröhlichkeit und Ausgelassenheit schwang immer auch eine gewisse Melancholie mit jedem Erlebnis, jedem besonders schönen Moment mit. Zu gerne hätte ich meine Erlebnisse und die unvergesslichen Momente mit meinen Lieben geteilt. Erzählungen sind eben nicht das Gleiche wie gemeinsames Erleben. Die engen Freundschaften, die sich mit einigen meiner Kollegen entwickelten, machten diese Melancholie und das Bedauern zum größten Teil wett, ein klein wenig schwang aber doch immer mit.

Neben all diesen Momenten in der Fremde erlebte ich selbstverständlich auch unzählige Dinge an Bord, genau genommen könnte ich wahrscheinlich Bücher füllen und seitenlang Anekdoten aus dem Flugbegleiterleben erzählen, z.B. von dem Herren, der während eines zwölfstündigen Flugs nicht anderes zu sich nahm als Tomatensaft, gemischt mit Kaffeesahne, oder der Familie, die das erste Mal zusammen in den Urlaub flog und sich riesig freute, als wir die beiden kleinen Jungs persönlich über die Sprechanlage begrüßten, oder dem jungen Mädchen, das mit schrecklichem Liebeskummer von ihrem High-School-Jahr aus den USA zurückflog und stundenlang bei uns in der Bordküche verbrachte, wo wir abwechselnd versuchten, sie aufzumuntern und das uns zum Abschied alle nochmal fest in den Arm nahm und sich herzlich bedankte, oder der älteren Dame, die sich mit Mitte 70 einen Traum erfüllte und das erste Mal in ihrem Leben in einen Flieger stieg, oder dem jungen Pärchen, das auf dem Weg in die Flitterwochen war und sich riesig über die Rosen und Pralinen freute, die sie an Bord geschenkt bekamen, oder der Mädelsgruppe, die mit uns in den Junggesellinnenabschiedskurztrip flog und ihre Braut beinahe schon vor dem Abflug verlor.

Selbstverständlich erlebte ich auch die andere Seite, z. B. den Herren, der eine schriftliche Beschwerde einreichen wollte, weil wir keinen Cranberrysaft im Angebot hatten, oder die Dame, die sich partout nicht von ihrem viel zu großen Handgepäckstück trennen und lieber wieder mitsamt Trolley aussteigen wollte. Ein paar Ausreißer gibt es eben überall und in jedem Joballtag.

Nach rund drei Jahren Flugbegleiterei war die Zeit reif für etwas Neues, und wenn ich heute vom Bürofenster aus die vorbeifliegenden Flugzeuge am Himmel sehe, gleitet mir noch immer ein Lächeln über das Gesicht und für Millisekunden blitzt in meinen Gedanken die Frage auf, wo es für die Crew wohl hingeht, bevor ich schon im nächsten Moment wieder voll und ganz von meinem neuen Lebensabenteuer eingenommen werde.


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