"Unser Sofa ist unsere Insel in tobender See"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel schreibt Rebecca Harms darüber, warum sie niemals auf ihr Sofa verzichten würde.

Rebecca Harms ist die Mittelmaßmama , hat studiert, zwei Kinder und "arbeitet nur die halbe Zeit". Den Rest des Tages widmet sie dem Nachwuchs, dem Haushalt, sowie (sofern Zeit bleibt) dem Göttergatten oder sich. Somit befindet sich Mittelmaßmama mitten in dem, was Vereinbarkeit von Familie und Beruf ausmacht.

In meinen Kindertagen war ein Sofa etwas, auf das Oma ihre selbst bestickten Kissen dekorierte. Mit Knick in der Mitte und einer klaren Ansage dazu: "Raus! HIER geht es nicht zu wie bei Hempels!" Die gute Stube war nur für hohe Gäste reserviert. Der Rest gehörte in die Küche.

In unserer Küche stapelt sich statt der Familie meist nur das Geschirr, während das saubere die Geschirrspülmaschine blockiert, weil weder ich, noch mein Göttergatte dazu kamen, sie leer zu räumen: Überstunden und Termine mit den Kindern. Ich werde wahnsinnig, wenn ich nur an das Chaos denke. Aber heute Abend? Nein, heute räume ich nicht mehr auf! Lieber sinke ich, gleich nachdem die Kinder in den Federn stecken, neben meinem Holden nieder. Da ruhen wir dann auf einem Sofa ohne Kissen mit Knick und starren in die Glotze. Denn nicht nur Gespräche tragen zum Heil einer Ehe bei. Nein, auch Schweigen, sofern es gemeinsam ist. Zur rechten Zeit und – am rechten Ort! Unser Sofa, es hat uns konditioniert. Kaum sitze ich drauf, schon halte ich den Mund und der Göttergatte krault mir den Rücken.

Wo man(n) schweigen darf, entsteht übrigens so manches Gespräch. Zum Beispiel berichtet mir mein Holder unvermittelt, dass bei ihm ein neues Projekt ansteht. Gratuliere, antworte ich, um ihn gleich zu fragen: "Du hast übrigens meine Dienstreise auf dem Schirm?" Nein, hat er nicht, sagt mir sein panischer Blick. Aber das ist ja nicht das erste Mal. Weshalb in Reichweite auch immer das Smartphone liegt. Jetzt zum Beispiel rufen wir die Kindersitterin an. Zu anderen Gelegenheiten muss der Pizza-Bringdienst ran. Ach, dabei fällt mir diese fiese Grippe-Welle ein. Die haben wir zu viert auf dem Sofa verbracht. Weil es nicht nur weich und kuschelig ist, sondern zudem ausklappbar, und es sich in der Mitte des Geschehens befindet. Soll heißen: Zwischen Küche und Klo, Fastfood und Fernseher sowie in Reichweite unseres Telefons. Wenn das Fieber steigt, hat keiner Lust, über Flure zu turnen und von Bett zu Bett zu rennen, um sich gegenseitig zu pflegen. Wir haben uns daher zusammengelegt und gemeinsam die Viren gelehrt, was es heißt, sich mit einer Familie anzulegen, die einen Ankerplatz hat.

Knappe drei Tage dauerte es zwar, aber am Ende haben sie begriffen: Unser Sofa ist unsere Insel in tobender See. Unser Ruhe- und Erholungspol. Hier lesen wir unseren Kindern vor. Erleben so manchen Feierabend und netten Besuch. Hierhin ziehen wir uns zurück. Hier kurieren wir unsere Unpässlichkeiten aus. Hier sammeln wir Kraft für das, was kommt. Von hier aus erobern wir gemeinsam die Welt. Trotzen der schwierigen Vereinbarkeit von Familie und Beruf, sowie den zahlreichen Infekten, die unsere Brut in Kindergarten und Schule aufklaubt. Und deshalb wisse, wer an Kinder denkt: Kinderbettchen, Schnuller und Flaschenwärmer, ja, das sind Dinge, die der Nachwuchs braucht. Wer aber für ein solides Familienleben sorgen möchte, der schaffe sich ein ordentliches Sofa an. Klappbar. Dafür ohne Kissen mit Knick!

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