"Vintage ist mein Leben!"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Sabrina Ceccherini über ihre Liebe zu ausgefallenen Klamotten aus den 60ern.

Sabrina Ceccherini war früher Stewardess und Sängerin in einer Punkrock-Band, immer schon Mode-Fan und hat jetzt ihr Faible zum Beruf gemacht: Sie hat mit ihrer Freundin einen Laden für seltene Vintage-Kleidung aus den 60ern und kleidet Bands ein.

Aufgewachsen bin ich in einer Kleinstadt, weit entfernt vom urbanen Mode-Empfinden. Trotzdem war die Jugend dort genauso darauf bedacht aufzufallen, wie ihre Vorbilder in den Hochglanzmagazinen. „Punk“ war das Stichwort der Zeit, und die neue Jugendbewegung großer Modemetropolen schwappte über in meine kleine Heimatstadt. Wer es nicht schaffte, seine Eltern zu einem Einkaufs-Trip nach London zu überreden, musste mit Hilfe seiner Fantasie und Fotos aus mitgebrachten Musik- und Modezeitschriften sein individuelles Outfit kreieren. Für kleines Geld erstand man Uniformjacken längst vergangener Zeiten und kombinierte sie mit den damals angesagten Trends. Die Symbiose aus Alt und Neu war geboren und ich fortan ein Vintage-Junkie, der seine Wochenenden auf Flohmärkten verbrachte.

Einige Jahre später wurde ich Stewardess und konnte meine Schatzsuche von Land zu Land und Kontinent zu Kontinent ausdehnen. Statt über die 5th Ave zu flanieren, zog ich lieber durch die Gassen sämtlicher Metropolen dieser Welt, um versteckte Designer- und Vintage-Lädchen zu entdecken. Mehr noch: Meine damalige Liebe, ein bekannter Musiker, führte mich in die heiligen Hallen des Backstage-Bereichs ein. Ich traf Persönlichkeiten, die bis dato nur als Poster bei mir an der Wand hingen und mich sehr faszinierten, und fing an, mich mit den Look der Musikszene auseinanderzusetzen. Wie Vivienne Westwood einst die Sex Pistols, bereicherte Jean Paul Gaultier damals nicht nur Madonna mit seinen Kreationen. Eine ganze Generation wurde optisch und in ihrem Lebensgefühl geprägt, und auch ich liebte es, mit dem extremen Stil dieser Zeit zu experimentieren und genoss die irritierten Blicke der eher Standard-Gekleideten. Denn das war es ja auch, was man zu der Zeit wollte: sich Abheben von der Masse, mit allen Konsequenzen.

Auch die Couturiers der 60er und 70er Jahre interessierten mich sehr: Paco Rabanne, Andre Courrèges, Emilio Pucci oder Mary Quant. Diese Mode gefiel mir nicht nur, ich fing an, sie zu leben. Allen voran der Space-Age-Stil wie im Kultfilm "Barbarella", eine Mischung aus Sexy-Sein und Weltraumzeitalter – aber manchmal leider auch untragbar. So auch eins meiner Lieblingsstücke, "The wedding dress", eins der bekannten Plättchen-Kleider von Paco Rabanne: Hochzeit hin oder her, einige wilde Tänze später war ich plötzlich die Hauptattraktion – in meinem Unterkleid, umgeben von einem schillernden "Blütenmeer" aus Plastikplättchen. Aber auch wenn ich mir die alten Super-8-Aufnahmen meiner Eltern anschaue oder französische Avantgarde-Filme aus der Zeit, wird mir ganz warm ums Herz: Kindheitserinnerungen und Geborgenheit, inmitten einer bunt gestylten Welt, die noch in Ordnung zu sein scheint. Die pastellzarten Minikleidchen mit ihrem Klein-Mädchen-Appeal sind daher fester Bestandteil in meinem Kleiderschrank. Dazu eng sitzende Lackledertiefelchen, und der Charme dieser Zeit ist wieder hergestellt. Oder ich fühle mich mit goldenen, Blütenverzierten Plateau-Sandalen wie Brigitte Bardot in ihren besten Zeiten.

Ich mag es, aufzufallen und ich bewundere Menschen, die ihren persönlichen Stil gefunden haben. Leider sind diese Augenweiden rar, was ich angesichts der heutigen Shopping-Möglichkeiten manchmal nicht verstehen kann. Wenn ich mich umschaue, sehe ich fast immer ein und denselben Kleidungsstil, egal in welcher Altersklasse oder Kleidergröße. Bloß nicht auffallen scheint der Trend der Zeit zu sein, Individualität bleibt auf der Strecke. Hält man sich nicht an dieses fast uniformierte Erscheinungsbild, wird man entweder fotografiert oder dokumentiert. Ich freue mich natürlich über diese Aufmerksamkeit, finde es aber manchmal auch anstrengend, das „lustige Karnevalsoutfit“ mal wieder als ein Designer-Kleid der 60er Jahre enttarnen zu müssen. Trotzdem wäre es für mich undenkbar, im Haushaltsdress eine Party zu besuchen, es sei denn das Motto wäre "Bad Taste". Es fühlt sich eben immer wieder besonders an, individuelle Mode zu tragen. Es ist nicht nur das Überstreifen eines Kleidungsstücks, man verschmilzt mit ihm zu einer Einheit, die einem manchmal sogar eine neue Persönlichkeit verleiht. Viele meiner Freunde und auch fremde Leute auf der Straße kommen auf mich zu und fragen, wo ich dies und jenes gefunden habe.

Ganz ehrlich? Ich gucke einfach genauer hin, achte auf die Qualität der Stoffe, auf ausgefallene Schnitte oder auf Teile, die Geschichten erzählen. Achtlos in die Grabbelkiste geworfene Kleidchen, die 40 Jahre zuvor vielleicht eine durchtanzte Nacht auf einem Beat-Konzert verbracht haben und nach der Reinigung in neuem Glanz erstrahlen. Bereit, weiter zu tanzen und seine Trägerin zu einer Ikone vergangener Zeiten zu machen. Zeitzeugen der Vergangenheit, die authentischer nicht sein könnten und längst vergessene Glücksmomente wieder aufleben lassen.

Und die ich zum ersten Mal schmerzlich zu vermissen begann, als ich meinen Beruf der Flugbegleiterin aus diversen Gründen an den Nagel hängen musste. Hieß das doch auch: Raus aus dem bunten Leben und zurück ins schwarz-weiße. Kein Flanieren und Zelebrieren mehr, sondern einen neuen Weg finden im plötzlich ortsgebundenen Alltag. Bald fehlten mir die ausgefallenen Läden, die schrägen Clubs, die ausgeflippten Performances in den Galerien und die individuell gekleideten Persönlichkeiten.

In mir erwachte der Wunsch, ein Projekt zu starten, das all meine Interessen verbindet. Eine Art Happening, in dem Kunst, Musik und Mode zu einer Einheit verschmelzen. Zu einer lauten und bunten Collage, einem Ort für Arm und Reich, für Dick und Dünn, Jung und Alt. Weit ab vom Schubladendenken und den aufgezwungenen Wunschvorstellungen von Size Zero, Jugendwahn und Billigmode aus Kinderhand. "Be a Star", jeder kann schön sein: Mein Motto war geboren!

In meiner Freundin Elke, deren Wissen in Sachen 50er-Jahre-Fashion perfekt mit meiner Liebe zu den 60ern und 70ern harmoniert, fand ich die ideale Geschäftspartnerin – wir eröffneten unseren eigenen Vintage-Shop. Der mehr ist als das: Vor drei Wochen veranstalteten wir unser erstes Happening im Düsseldorfer "Frauenzimmer". Zwischen schwingenden Polka-Dots-Kleidern und Petticoats, den Barbarellas und den Emma Peels der Neuzeit, spielten befreundete Bands. Ein bisschen Swinging London, ein wenig Wham-Bam-Glam eines „Studio 54“, dazu die Coolness von Quadrophenia. Getreu unserer Idee, Mode als Kunst vorzustellen, mit all ihren Facetten. ?Als eine Kunst, die man für immer konservieren möchte.? Als eine Mode, die ein Kunstwerk aus jedem macht. Denn die Welt ist bunt, egal wo Du gerade bist! Es liegt an Dir. Sei mutig und lebe Deinen Traum. Be a star!

Fotos: privat
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