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"Vom Pendeln - oder der gestohlenen Lebenszeit"


In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Sabine Drotbohm über ihre Erfahrungen als Pendlerin - und was der Kompromiss kostet, nicht am Wohnort zu arbeiten.

Sabine Drotbohm, 32, wohnt in Dresden und pendelte sechs Jahre als PR-Beraterin täglich im Rhein-Main Gebiet. Bis das Leben, das sie führen wollte, doch zu weit weg war. Sie kündigte den Job und das Pendeln und ist nun freie Texterin und PR-Referentin. Texte von ihr sind in ihrem Blog "Wortstube" zu finden.
Sabine Drotbohm, 32, wohnt in Dresden und pendelte sechs Jahre als PR-Beraterin täglich im Rhein-Main Gebiet. Bis das Leben, das sie führen wollte, doch zu weit weg war. Sie kündigte den Job und das Pendeln und ist nun freie Texterin und PR-Referentin. Texte von ihr sind in ihrem Blog "Wortstube" zu finden.
© privat

Das Leben ist weder der viel besagte Ponyhof noch ebensolches Wunschkonzert - und deshalb pendeln wir. Pendeln ist der Kompromiss zwischen Job und dem Leben, das wir gerne weiterhin führen möchten. In Deutschland gibt es über 30 Millionen Pendlerinnen und Pendler und Städte, in denen mehr als die Hälfte aller Arbeitnehmer täglich von außerhalb zureisen. Pendeln gehört also fast schon zum Job wie Kernarbeitszeit und mit dem Gehalt abgegoltene Überstunden. Ich gehöre auch zum Pendelvolk. Mein Arbeitsweg führt mich seit über 6 Jahren mit dem Zug, der S- und der U-Bahn ins Büro. Teilweise 4 Stunden täglich. 240 Minuten, die einem wie gestohlen vorkommen, weil man sie kaum sinnvoll nutzen kann. Dennoch: Eine gewisse Routine könnte sich eingestellt haben, meinen Sie? Mein Tag ist zeitlich tatsächlich recht streng getaktet, um Bus und Bahn möglichst zeitoptimiert zu erreichen. Den Faktor, den man als Pendlerin leider nicht beeinflussen kann: Die Tücken des öffentlichen Personennahverkehrs. Jeden Morgen ist da die Ungewissheit: Sind die Oberleitungen heute auf meiner Seite? Wie geht's der Stellwerksstörung von gestern? Und dann dieser kurze angespannte Moment, wenn der Lautsprecher lange vor dem nächsten Halt knarzt und Dir klar wird: Okay ... Signalsstörung. Ich hatte es im Urin.

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Ich musste in all der Pendelzeit immer wieder feststellen, was für ein kauziges Wesen der Pendler doch ist. So stehe ich wie jeden Morgen am Gleis und bemerke wieder einmal, dass ich immer mit denselben Menschen am selben Punkt stehe. Das gehört so. Pendler steigen immer an derselben Stelle ein, weil sie auch am Zielort jeden Tag die gleiche Routine erwartet. Entweder schnell zur S-Bahn, also ganz weit vorne einsteigen, oder weiter hinten, damit man gleich an der Treppe zum Umsteigegleis ist.

Beim Einsteigen selbst wird mir klar: Nur die Harten kommen in den Garten - oder bekommen einen Fensterplatz, denn nichts ist beliebter. Für mich ist das übrigens immer wieder der Zeitpunkt, an dem ich glaube, der Gentleman ist mittlerweile ausgestorben. Türaufhalten und die Dame vorlassen? Nicht im Pendelzug. Und dann ist da noch das Phänomen mit dem Gepäck und dem Nachbarplatz. Ist Ihnen schon mal aufgefallen, dass Reisende gerne den Platz neben sich mitbesetzen? Das hat was von Urinstinkt. Territoriales Markierungsverhalten. So würde ich es nennen, ohne Expertin in Verhaltensforschung zu sein. Und dieser Nachbarplatz wird hartnäckig besetzt - nicht selten erst unter großem Seufzen wieder freigegeben. Faszinierend. Immer wieder.

Gleiches gilt für die Art und Weise, wie Pendler ihre morgendliche Fahrt verbringen. Die einen lesen, die anderen schlafen. Das Lesen auf der einen Seite kann als Sitznachbar unter Umständen zu ungewolltem Körperkontakt führen. Es sind weniger die platzsparenden Bücher, ebooks und Zeitschriften, sondern die raumgreifenden DIN-A1-Tageszeitungen, die es dem Pendler schwer machen - sowohl dem Leser, als auch dem Lesernachbar. Nicht selten hat man den Wirtschaftsteil im Haar, während der Lokalteil gelesen wird. Vom anstrengenden Prozedere des Umblätterns ganz zu schweigen. Wenn sich da der Sport- und Anzeigenteil doch vom Rest lösen sollte und so auch die anderen Reisenden mit beansprucht... Da kommt doch mehr Dynamik in so einen Pendelzug, als er morgens um sieben Uhr verträgt.

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Ähnlich spannend finde ich aber die schlafenden Reisenden. Da unterscheidet man ja sehr schnell den Profi vom Neupendler. Fasziniert sah ich eines Morgens zu, wie der Mann gegenüber von mir seinen Fensterplatz bezog, die Jacke über seinem Kopf drapierte, sein Ticket sichtbar in der Hand hielt, um dann die komplette Strecke abgedunkelt zu schlafen. Kurz vor dem Zielbahnhof wachte er, ohne äußerliche Einwirkung, auf. Auch der Schaffner hat sich solchen Pendlern angepasst. Das Ticket wird, wenn überhaupt, nur ganz sanft angefasst, um seine Gültigkeit zu kontrollieren. Die Dame links von mir war jedoch noch sichtlich ungeübt in Powernapping. Der Kopf fiel nach hinten, die Zunge ergab sich der Schwerkraft und man hörte, was sicher nicht beabsichtigt war: Ein sonores Schnarchen. Geweckt wurde sie dann von der hektischen Betriebsamkeit aller aussteigenden Fahrgäste am Zielbahnhof. Unangenehm, wenn man so abrupt aus seinen Träumen gerissen wird. Viel mehr Aktivitäten als Lesen und Schlafen gibt es aber im Pendelzug morgens nicht. Geredet wird grundsätzlich selten. Und wenn, dann nur sehr leise. Daran erkennen Sie übrigens Touristen im Pendelzug: Es sind die, die sich in Normallautstärke unterhalten. Freudig aufgeregt über den Start ihrer Reise. Völlig verpönt bei Berufspendlern.

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Eines Morgens musste ich meinen Nachbarn aber dann doch ansprechen: Dazu sei gesagt, dass ich u. a. im Rhein-Main Gebiet pendelte. Männer in Anzügen sind dort ein vertrautes Bild. Eines Morgens saß neben mir ein Mann in Anzug und las den Wirtschaftsteil einer Frankfurter Tageszeitung. Soweit alles wie immer. Beim Blick auf seine Krawatte musste ich aber schmunzeln: Dort prangte ein großes Asterixmotiv. Das wiederum passte nicht ganz in das Bild vom schicken Banker. Es sollte nicht die letzte Asterixkrawatte gewesen sein, die ich beim Pendeln entdeckte. An einem anderen Tag, entdeckte ich den dritten Träger dieser Art und musste nachfragen. Die Erklärung war dann doch weniger ungewöhnlich, als gedacht: Der Zehnjährige schenkte sie zum 45. und bestand an jenem Morgen darauf, dass Papa endlich die Krawatte tragen solle. "Keine wichtigen Meetings heut," sagte eben jener schulterzuckend zu mir. Großartiger Papa. Oder: Die spinnen, die Pendler. Von überfüllten Zügen und ausgefallen Klimaanlagen (Sommer, wie Winter), über immer meckernde Fahrgäste und grantige Schaffner bis hin zu sehr intimen Telefonaten, die ich nie mithören wollte: In meiner Zeit als Pendlerin habe ich viele Dinge erlebt, die sicher auch ein Buch füllen könnten. Eines aber verstehe ich bis heute nicht: Es sind immer dieselben Menschen, die im gleichen Zug, oft im gleichen Abteil, miteinander fahren. Man erkennt sich, merkt, wenn jemand krank oder im Urlaub ist, weiß, wer welchen Sitzplatz bevorzugt, wer welchen Ablageplatz benötigt. Aber was ich selten erlebe: Dass sich Menschen über das Pendeln näher kommen. Schade irgendwie.

Zum Abschluss noch meine Top 5 Begründungen für Verspätungen ... denn die ... ja ... die gehören auch zum Pendeln: 5. Betriebsablaufstörungen – der Klassiker, Frühling, Sommer Herbst, wie Winter 4. Software ist abgestürzt, Zug muss neu gestartet werden – diese verflixte moderne Welt 3. Vorausfahrender verspäteter Zug – das klassische Henne-Ei-Problem 2. Einsteigende Fahrgäste – wer hätte gedacht, dass tatsächlich Leute mitfahren wollen? 1. Zug muss gedreht werden, weil der Lokführer kalte Füße hat – ohne Worte, dafür mit Bildbeweis


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