"Wann, wenn nicht jetzt?" - Mut zu einem neuen Anfang

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Tina über ihren Aufbruch ins Abenteuer New York.

Tina, 36, hat internationales Marketing studiert und ist seit zehn Jahren als Personalreferentin tätig, zuletzt in Hamburg. Dort hat sie ihren Traum verwirklicht: ein eigenes Café. Als sie dieses schließen musste, war ihr klar: Sie will sich weiter ausprobieren – in New York. Dort unterstützt sie, vorerst für ein halbes Jahr, die Charity-Organization CityArts.

18. Dezember 2013. Es ist mein 35. Geburtstag. Ich stehe mit Tränen in die Augen auf der Brooklyn Bridge in New York. Es sollte ein ganz besonderer Tag werden, fern von meinen Freunden, allein in der großen Metropole, die Freiheit genießend. Doch stattdessen wird mir auf einmal schmerzlich bewusst, dass ich zu diesem Zeitpunkt in meinem Leben eigentlich an einem anderen Punkt stehen wollte: mit (m)einem Mann und zwei Kindern in einem hübschen Haus leben, einen verantwortungsvollen Teilzeitjob haben und an den Wochenenden Gartenpartys mit Freunden veranstalten. Die kalte Dezember-Sonne kämpft sich durch die dichte Wolkendecke über Manhattan, wirft erste Strahlen auf den Hudson. Und plötzlich spüre ich den Pulsschlag der Stadt, das Wasser fängt an zu glitzern, unter mir tobt der Verkehr und mein Herz fängt an, im selben Rhythmus zu schlagen. Alles um mich herum scheint zu vibrieren, ich fühle mich so lebendig wie schon lange nicht mehr. Und dann beschließe ich, für eine Weile nach NYC zu ziehen, ein bisschen Sex-in-the-City-Luft zu schnuppern und das Leben wieder zu spüren. Seitdem ist über ein Jahr vergangen. Ich bin in der Zwischenzeit 36 geworden, privat und beruflich hat sich nicht viel verändert. Ich glaube, manchmal schaffen wir es nicht, uns das zu geben, was wir uns so sehnlich wünschen. Wir suchen es im Außen und sind doch nicht in der Lage, es überhaupt in Worte zu fassen. Wir denken, wir kennen unsere Bedürfnisse bis in kleinste Detail und scheitern oft schon bei der Überlegung, was wir morgens anziehen oder worauf wir Hunger haben. Hunger auf das Leben, ist es das was mir so verloren gegangen ist? So wie im Buch „Eat Pray Love“ beschrieben? Wie oft habe ich diesen Film letztes Jahr abends auf dem Sofa angeschaut? Welche Bücher habe ich nicht alle zu diesem Thema verschlungen? Wie viele Abende habe ich mit Freunden diskutiert, wie mutig es wäre und eigentlich sollte man es machen? Ich weiß nicht genau, wann aus dem „man“ „ich“ geworden ist. War es an dem Morgen, als ich plötzlich festgestellt habe, dass mir meine Kleider nicht mehr passen? Nicht, weil die Diät erfolgreich war oder ich mich jeden Morgen zum Joggen aus dem Bett gequält habe, sondern weil ich mich unmerklich verändert habe? Das Grummeln im Bauch als Hunger gedeutet, mir aber nicht mehr zugehört, meine innere Stimme überhört habe? Mein innerer Kompass ist beschlagen und ich kann auf einmal das Ziel nicht mehr erkennen, geschweige denn die Richtung, in die es noch gehen könnte. Den gewohnten Kurs zu verlassen, was für ein Wagnis! Ist es das wirklich? Könnte das jeder? Den Job an den Nagel hängen, sein vertrautes Umfeld verlassen und sich einfach nur auf sich fokussieren? Bestimmt habe ich es einfacher, meine Verpflichtungen sind im Gegensatz zu vielen Freunden deutlich geringer. Aber muss es immer gleich die große Weltreise sein? Immer das ganz große Abenteuer? Oder geht es vielleicht darum, sich auch mal wieder Kleinigkeiten zu erlauben, einen Seitensprung aus dem gewohnten Trott. Braucht es diese großen Geschichten oder gibt es auch die kleinen Momente im Leben, eine durch gequatschte Nacht mit einer guten Freundin, die über Jahre hinweg gewachsene Vertrautheit und die Intensität des neuen Tages auf dem Heimweg frühmorgens? New York City, das Gefühl auf der Brooklyn-Bridge hat mich die letzten Monate immer wieder heimgesucht. Und jedes Mal war es wieder da, das Kribbeln im Bauch und die Frage: Wann, wenn nicht jetzt? Jetzt hänge ich meinen gut bezahlten Job nach sechs Jahren an den Nagel, vermiete meine Wohnung unter und starte ins Ungewisse, um mir wieder ein Stückchen näher zu kommen, diesem ewigen Suchen über Parship, Tinder und Co. ein vorläufiges Ende zu bereiten und um mich von der Illusion zu lösen, dass ein Leben, in diesem Fall meins, so viel mehr ist, als Konventionen zu folgen, das unerfüllte Leben meiner Eltern zu leben und in den ruhigen Bahnen der breiten Masse zu schwimmen. Gibt es etwas Aufregenderes, als mit alten Gewohnheiten zu brechen, sich von scheinbaren Pflichten zu lösen und sich auf den Weg zu machen, auf eine ungewisse Reise, etwas zu tun was man selbst für richtig hält? Das Lösen alter Fesseln aus Vertrautheit, Bequemlichkeit und dem sicheren Nest, das Eintauchen in das Kribbeln, das erste mal nach langer Zeit alleine in eine Bar zu gehen, neue unbekannte Wege zu beschreiten und mit kindlicher Freude die Fremde zu entdecken. In der vergangenen Wochen und Monaten gab es (zu) viele Nächte, in denen ich wenig geschlafen, Fragen mich wach gehalten haben: was mache ich, wenn NYC mir nicht gefällt? Wenn ich mich in meiner zukünftigen 4er-WG nicht wohl fühle? Wenn die Arbeit bei der amerikanischen Charity-Organisation nicht zu mir passt? Was, wenn das Geld nicht reicht? Wenn ich das Alleinsein weniger gut aushalten kann, als ich es mir zutraue? Wie werde ich mich verändern und was machen meine Freunde in der Zeit? Richtig ins Zweifeln bin ich gekommen, als ich mich beim Arbeitsamt melden musste, in einer langen Schlange stand und plötzlich große Angst bekam, nach der Reise nicht sofort einen passenden Job zu finden. Kein Geld für meine Wohnung zu haben. Nicht mein altes Leben wieder aufnehmen zu können. An diesem Punkt wurde mir klar, dass es kein Zurück mehr gibt und ich ab jetzt nur nach vorne blicken kann, darauf vertrauen, dass das Leben trägt, und wenn sich eine Tür schließt, sich eine neue öffnet. Hamburg, im Mail 2014. Ich weiß nicht, ob es die richtige Entscheidung ist, ob es leichtsinnig oder unüberlegt ist, aber ich weiß, es wäre falsch gewesen zu bleiben. Mein Koffer steht gepackt an der Tür, ich höre mein Herz, das ganz ruhig schlägt und plötzlich habe ich das Vertrauen: das Abenteuer kann beginnen.

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