"Wechseljahre? Ich bin immer noch heiß. Aber jetzt mehr in Wellen"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Doris Benz. Sie hat beschlossen, die Wechseljahre zu ihrem Freund zu machen - und manchmal als Ausrede zu benutzen.

Doris Benz studierte Germanistik und arbeitete die meiste Zeit als Texterin. Seit ein paar Jahren hat sie Ihre Liebe zur Kunst zum Beruf gemacht und arbeitet in einer Galerie. Sie hat eine 18jährige Tochter, die gleichzeitig ihr größter Fan und ihre größte Kritikerin ist.

Manche Lebensphasen kommen angeschlichen. Die Pubertät zum Beispiel. Die Tochter kauft grauen Kajal, rosafarbenen Lipgloss und stellt den dringenden Bedarf nach einem BH in den Raum, obwohl mit bloßem Auge nichts zu erkennen ist, was diesen Wunsch rechtfertigen würde. Als Mutter weiß man: Aha, jetzt wird wohl bald die nette Bibi Blocksberg von der nicht ganz so jugendfreien Miley Cyrus abgelöst, die gerne mal nackt auf einer schwingenden Kugel schaukelt. Man stellt sich darauf ein, dass ein einziges falsches Wort am Samstagmorgen das ganze Wochenende ruinieren kann.

Irgendwann nimmt man sich die verdrehten Augen und patzigen Antworten nicht mehr allzu sehr zu Herzen, vor allem deshalb, weil man abgelenkt ist vom blutroten Lippenstift und dem kunstvollen Augenmakeup, das an einen reizenden Waschbären erinnert. Ich bin mit meiner Tochter recht entspannt durch Ihre Pubertät gerutscht, weil ich mich ungeschönt an meine eigene erinnern kann. Ich könnte noch heute aus dem Stehgreif mindestens dreizehn Gründe nennen, warum es mir nicht möglich war, zur verabredeten Zeit zu Hause zu sein und wie gemein mich meine Freunde gezwungen haben, Alkohol zu trinken, obwohl ich das niemals, wirklich niemals wollte.

Aber die Wechseljahre, meine Damen, sind ein Kapitel, auf das man nicht wirklich vorbereitet ist. Auch die eigene Mutter ist da keine große Hilfe, denn dummerweise war die Mama just zu dem Zeitpunkt in den Wechseljahren, als man selbst die Pubertät durchschritt und da hat man nun ganz ehrlich besseres zu tun, als sich um die Wehwehchen der eigenen Mutter zu kümmern. Teil eins: die Hitzewallung. Sie kommt mit einem Paukenschlag! Peng! Gefühlte ein bis zwei Liter Wasser durchbrechen alle vorhandenen Poren des Körpers und das Gesicht bekommt die kleidsame Farbe einer Tomatensauce à la Napoli. Das Gefühl dazu ist so unangenehm, als wäre man von zehn Polizisten mit einem Koffer voller Drogen erwischt worden und hätte zudem festgestellt, dass man nichts an hat, außer Badelatschen.

Ich wollte es nicht wahrhaben. Wechseljahre? Jetzt schon? Nö! Ich habe also Maßnahmen für den Ernstfall ergriffen. Immer Puder und Deo dabei, ebenso ein kleiner Fächer und zwar in allen Handtaschen. Die Hitzewallung, das alte Miststück, kommt niemals, wenn man frierend im Winter an der Straßenbahnhaltestelle wartet, sondern dann, wenn man top gestylt, umringt von Leuten auf einer Vernissage steht und gerade blitzgescheite Kommentare zu den ausgestellten Bildern abgeben möchte. Was dann nicht ganz so souverän gelingt, während einem das Makeup über die Wangen fließt.

Kommen wir zu Teil zwei des nahenden Klimakteriums: Das Töchterlein ist fast erwachsen und macht sich auf, neue Welten zu erobern. Sagen wir mal Australien. Man steht am Flughafen und winkt dem Kind tapfer lächelnd hinterher. Wenn man dann eine Viertelstunde später das Auto im Parkhaus wiedergefunden hat, beschleicht einen das komische Gefühl, dass was mit den Oberarmen nicht stimmen kann. So, als ob sie immer noch wackeln würden.

Und ja, sie tun es! Ich bin mir ganz sicher, dass die Queen nur deshalb so komisch mit dem Händchen winkt, weil sie keine Lust hat, abends nach einem langen, winkereichen Arbeitstag mit wabbelnden Oberarmen im königlichen Bett zu liegen. Das bedeutet Abschied nehmen vom flotten Spagettiträgersommerkleid. Ganz ehrlich, Spagettiträger sehen sowieso nur an Mädchen unter 25 Jahren mit schlanker Figur und den Brüsten an Ort und Stelle richtig gut aus. Mit BH-Trägern und sommerlicher Röte auf den Schultern erinnert man gerne mal an einen leckeren Schinkenrollbraten im Netz. Also Hanteln aus dem Keller heraussuchen, damit es nicht noch schlimmer wird.

Teil drei heißt unvorhersehbare Emotionsausbrüche. Das haben manche schon in der Schwangerschaft kennen gelernt. Ein süßes Baby im Fernsehen oder ein niedlicher kleiner Hund und die Tränen fließen. Im fortgeschrittenen Alter bricht man dann in Tränen aus, wenn in der Fernsehwerbung der Student der Mutti ein Packung Schokolade von der Tankstelle zum Muttertag überreicht, auch wenn man vermutet, dass er im umgehängten Rucksack die Schmutzwäsche zum Waschen dabei hat.

So, und jetzt die gute Nachricht: Wechseljahrsbeschwerden eignen sich als Ausrede für jede Gelegenheit. Neulich stehe ich mit einer Freundin auf einer Party. Ein langweiliger Mann nimmt uns mit seinen noch langweiligeren Geschichten in Beschlag. Während ich überlege, wie ich mich höflich davonschleichen kann, fächelt sich meine Freundin plötzlich hektisch im Gesicht herum und sagt: "Ich krieg ne Hitzewallung. Ich muss sofort an die frische Luft." Packt mich am Arm, säuselt "Entschuldigung" in Richtung Langweiler und zerrt mich auf den Balkon. Genial! Ich probiere es im Familienkreis.

Ermüdende Diskussion über die Wochenendgestaltung. Ich: "Lasst mich bloß in Ruhe. Mir geht es gar nicht gut. Ich hab so Wechseljahrsbeschwerden, ich weiß gar nicht, ob ich überhaupt irgendetwas auf die Reihe kriege." Ergebnis: Bedeutungsvolle Blickwechsel, betretenes Schweigen und Ruhe für mich. Merke: Junge Frauen haben einen Riesenrespekt vor diesem Thema, vollstes Verständnis und denken: "Hoffentlich erwischt es mich ganz, ganz spät." Ältere Frauen werfen verschwörerische und amüsierte Blicke und Männer jeden Alters wissen rein gar nichts damit anzufangen, versuchen Verständnis zu heucheln und sich unauffällig aus der Schusslinie zu bringen.

Ich halte es so: Ich trinke jeden Tag einen Tee aus dem Bioladen gegen Wechseljahrsbeschwerden und bilde mir ein, es hilft. Ich gehe dreimal die Woche joggen und mache anschließend halbherzige Übungen gegen den Wabbelbauch und die Schwabbelarme. Ich ignoriere meine Falten und akzeptiere die Wallungen. Mein Motto steht auf einer Glückwunschkarte zum Geburtstag: "Ich bin immer noch heiß. Aber jetzt mehr in Wellen." Darauf winke ich Ihnen allen herzlich zu, aber natürlich majestätisch nur mit dem Händchen.

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