"Wer zicken will, muss freundlich sein"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Rike Drust über ihren Vorsatz, nicht mehr zurückzumeckern, wenn ihr jemand auf die Nerven geht.

Rike Drust, 38, ist freiberufliche Werbetexterin und Autorin. Sie schreibt für diverse Magazine, meistens über alles, was mit Mutterschaft zu tun hat. Dazu hat sie auch ein Buch veröffentlicht: "Muttergefühle. Gesamtausgabe". Ihr zweites Buch, der Roman "Familiensafari", ist im Mai erschienen.

Vor ein paar Wochen war ich in der Osterstraße in Hamburg unterwegs. Vor mir ein ziemlich altes Paar. Der Mann schob im Schneckentempo einen Rollator vor sich her, die Frau ging neben ihm und die beiden hielten ziemlich den Verkehr auf. Ich schlich mit anderen Passanten, die immer mehr wurden, geduldig hinter ihnen her. "Wenn ich so alt bin, möchte ich ja auch nicht angemeckert werden", dachte ich und die anderen vermutlich auch. Nach ein paar Metern, für die wir sehr lange brauchten, stand vor dem Paar eine Mutter mit einem Kinderwagen. Sie hatte angehalten, um dem Kind den Schnuller wieder in den Mund zu stecken. Ohne mit der Wimper zu zucken, keifte die schleichende Oma auf die Mutter ein, dass sie ja wohl meine, nur weil sie ein Kind hat, könne sie sich alles erlauben und hier den Verkehr aufhalten. Der geduldige Tross, der sich hinter dem alten Paar gebildet hatte, warf sich ratlose Blicke zu.

Wäre ich diese Mutter gewesen, und die hätte ich durchaus sein können, denn ich schiebe auch gerade ein Baby rum, wäre ich ziemlich wütend gewesen. Ich hätte gern so etwas gesagt wie "Du blöde Gewitterbolze, für dich ist selbstverständlich, dass sich hinter dir ein Menschenzug bildet, der länger ist, als der bei deiner Beerdigung sein wird, aber wenn eine Mutter kurz anhält, dann würdest du am liebsten um dich schießen? Was ist los mit dir?", hätte aber aus Höflichkeit und Konfliktscheue nur böse geguckt und den ganzen Tag noch die Wut gehabt.

Warum fühlt diese alte Frau sich sofort schlecht behandelt? Warum schaffen es manche Leute nicht, einfach mal Verständnis zu haben und sich zu entspannen? Stattdessen empfinden sie es als persönliche Beleidigung, wenn sich jemand beim Bäcker an der falschen Seite anstellt oder beim Einparken mehr als zwei Züge braucht. Was ich an dieser Stelle versichern kann: Ich bleibe nicht mit dem Kinderwagen mitten auf der Straße stehen, um zu demonstrieren, dass ich mich obersuper und die Leute hinter mir so richtig dämlich finde, sondern weil ich als Mutter von zwei kleinen Kindern einfach scheißmüde bin.

Und ich ignoriere bei meinem Sohn bestimmte Verhaltensweisen wie An-Der-Kasse-Nölen oder Dazwischenreden nicht deswegen, weil ich finde, dass er als zukünftiger Weltherrscher keine Grenzen braucht, sondern weil er sich vorher eine halbe Stunde geduldig das Gebrüll seiner kleinen Schwester angehört hat oder sich in einer Phase befindet, in der wir wegen jeder Kleinigkeit streiten und ich mir das Schimpfen lieber für die schlimmen Sachen aufspare. Überhaupt: Was bilden die Leute sich eigentlich ein, einfach so über mich, meine Erziehungsfähigkeit oder meine angeblich schlecht erzogenen Kinder zu urteilen? Weil sie selbst mal Kinder waren oder vor 50 Jahren welche hatten? Herzlichen Dank, aber ich frage auch nicht Leute bei Computerfragen um Rat, die sich irgendwann in den 90ern mal total gut mit ihrem 286er auskannten. Und selbst wenn ich meinem Großen alles erlauben würde: Erkennt man die Kinder der 68er-Eltern daran, dass sie immer noch mit Essen werfen, die Tapeten vollmalen und allen die Zunge rausstrecken, statt guten Tag zu sagen? Na, also!

Wie Sie an diesem Text sehen können, bin auch ich leider nicht frei von Wut und Pöbeleien. Als wir Ostern in Legoland waren und spät abends lautes Gebrüll, Gerenne und Gekreische auf dem Hotelflur unsere Kinder vom Einschlafen abhielt, lag ich mit pochender Halsschlagader im Bett und dachte sogar dieses Alte-Leute-Meckerzeug: "Die bringen ihren Kindern ja wohl gar nichts bei. Also meiner darf im Hausflur nicht so brüllen. Warum nehmen die keine Rücksicht?" Dieses ganze bescheuerte Zeug. Und während sich bei mir die Wut aufstaute und ich zur Rollator-Oma mutierte, hörte ich, wie mein fünfjähriger Sohn in seinem Star-Wars-Shirt und Unterhose auf den Flur stapfte. Er fragte: "Könnt ihr mal leise sein? Ich kann nicht schlafen und unser Baby habt ihr auch geweckt." Einfach so. Und die Kinder auf dem Flur waren einfach so still. Sie waren nämlich vermutlich gar nicht rücksichtslos und doof, sondern in Legoland. Das ist aufregend und da vergisst man schon mal alles um sich herum.

Wie stolz ich war! Unser Sohn hat uns gezeigt, dass wir einfach sagen sollten, was uns nicht gefällt. Ohne Zicken, sondern so, wie es ist. Die meisten Menschen haben es gern harmonisch, und wenn man ihnen freundlich sagt, was man blöd findet oder womit sie stören, dann werden sie in den meisten Fällen auch aufgeschlossen reagieren.

Hätte die Oma von oben zum Beispiel ehrlich gesagt, dass sie gar nicht wegen der Mutter sauer ist, sondern weil ihr Mann mit dem Rollator immer so schleicht, dass sie ihn am liebsten schubsen würde, dann hätte die Mutter mit dem Schnuller wahrscheinlich geantwortet, dass sie das kennt, weil ihre zweijährige Tochter auch für fünf Meter eine Viertelstunde braucht und dass sie so müde ist, weil das Baby vier Zähne auf einmal bekommt, und dann hätte die Oma wieder was Nettes geantwortet und es hätten sich zu Recht Leute beschweren können, weil ein Paar mit Rollator und eine Mutter mit Kinderwagen den Gehweg verstopfen. Das wäre ein schöner Tumult gewesen und ein schönes Ende für diesen Text.

Leider gibt es aber diese Arschlöcher, denen egal ist, dass sie andere stören, oder die sich über alles aufregen müssen und immer gleich lospöbeln. Eltern können doof sein. Hundebesitzer. Rentnerinnen. Musikhörer. Konditorinnen. Überall gibt es Arschlöcher. Aber ich werde mir ab jetzt so oft wie möglich meinen Sohn zum Vorbild nehmen. Statt zurückzumeckern, vor Wut heiße Ohren zu kriegen und mir den Tag versauen zu lassen, werde ich in einem reaktionsadäquaten Ton sagen, was ich meine/will/mich stört. Und wenn mein Gegenüber dann immer noch ein Arschloch ist, werde ich ganz unwütend feststellen, dass das unfreundlich ist, und es dann sofort vergessen. Weil ich da hinten jemanden mit lustigen Haaren gesehen habe, an Streusel-Donuts denke oder mich frage, ob ich zum Seeräuber werde, wenn ich Popel runterschlucke.

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