"Wie eine Geistheilerin mein Leben umkrempelte"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel schreibt Caroline Dostal, deren Geistheilerin ihr Leben umkrempelte, warum es sich lohnt, auf seine innere Stimme zu hören. Caroline, 41, ist Reiki-Lehrerin, arbeitet mit schamanischer Heilkunst und dem Soul Reading, einer von ihr entwickelten Methode, die es ermöglicht, eine tiefe und transformierende Innenschau zu halten. In Berlin leitet sie mit Jens Kunik das Institut für Schamanismus und Sozialgestaltung. www.ifsus.de

Dr. Caroline Dostal, 41, (l., mit ihrer Maestra, der Shipibo Schamanin Maricella) ist Reiki Lehrerin, arbeitet mit schamanischer Heilkunst und dem Soul Reading, einer von ihr entwickelten Methode, die es ermöglicht, eine tiefe und transformierende Innenschau zu halten. In Berlin leitet sie mit Jens Kunik das Institut für Schamanismus und Sozialgestaltung.

Mein Weg in die Hütte war weit. In die Hütte unter den riesigen Bäumen im Dschungel von Peru, die sich Tambo nennt und die Minimalanforderungen einer Behausung erfüllt. Denn in einem Tambo soll man der Natur so nah wie möglich kommen. Um von den Pflanzen zu lernen. Ich habe mehrere Monate in meiner Hütte verbracht. Allein. Die Schamanen der Shipibo Indianer machen das so, wenn sie, wie es in ihrer Tradition heißt, zum Curandero ausgebildet werden. Oder zur Curandera. So wie ich.

Mein Weg in die Hütte war weit. Ich lebe in Berlin Kreuzberg, bin ein echter Stadtmensch, habe zum Wühlen in der Erde meine Balkonkästen. Viele Jahre habe ich vor Gericht prozessiert. Habe analysiert und streng logisch argumentiert. Sachlich, rational, auch wissenschaftlich. Ich bin eine promovierte Juristin, war erfolgreich in meinem Beruf. Und bin dennoch immer um ein Thema herumgeschlichen: was ist das mit der Berufung, der man folgen soll, wenn man ein erfülltes Leben führen will? Irgendetwas hat gefehlt in meinem Leben. Ich konnte es nicht genauer benennen, aber dieses Fehlen hat die Dinge oft mühsam und schwer gemacht.

Dann wurde ich schwanger, war überglücklich darüber und habe mein Kind wieder verloren. Es ist gestorben, in meinem Bauch. Meine Trauer war unendlich und ich musste hilflos feststellen, dass sich da nichts argumentieren ließ. Meine Ratio war am Ende. Ein Freund gab mir schließlich den abenteuerlichen Rat, zu einer Geistheilerin zu gehen. Einer Geistheilerin?!

Ich wusste mir nicht besser zu helfen und habe sie angerufen, im Süden von Deutschland. Sie sagte mir, legen sie sich auf ihr Bett, zur verabredeten Zeit, dann arbeite ich mit ihnen. Ich sollte ihr bezahlen, was ich für richtig hielt, lag auf meinem Bett und dachte noch, was zahle ich um Gottes Willen, wenn nichts passiert. Aber es passierten Dinge, erstaunliche Dinge, die ich mir nicht erklären konnte. Ich dachte, jetzt spinnst du auch noch. Aber was passiert war, hatte mich tief getröstet. Die Geistheilerin sagte mir noch, mit ihnen ist was anders. Sie haben eine Gabe, sie sehen mehr als andere. Ich habe ihr Kompliment dankend angenommen. Eine Gabe zu haben, das ist toll, das ist ein Geschenk. Aber wenn man so gar nichts mit dem Geschenk anzufangen weiß? Ich habe mir Bücher gekauft, über Geistheiler auf Zypern, über amerikanische Psychotherapeutinnen, die mit Engeln arbeiten. Ich habe das heimlich gemacht, denn nicht nur mein Umfeld wäre da nicht mehr mitgekommen, ich hatte selber große Schwierigkeiten, mir zu folgen auf meinem Weg in die feinstoffliche Welt. Hatte zu jeder Zeit gewichtige und gute Argumente, warum man das nicht machen kann, was ich da machte. Und bin trotzdem weiter gegangen, weil meine innere Stimme stärker wurde als die guten Argumente.

Bin weiter gegangen, bis ich in meiner Hütte im Dschungel saß, um von den Pflanzen zu lernen. Das klingt für unsere westlichen Ohren nun wirklich bizarr. Aber so ist es bei den Shipibo Indianern. Für sie haben Pflanzen wie Tiere ein Wesen, mit dem der Schamane sich verbinden und kommunizieren kann. Ihr Heilwissen erhalten sie nicht aus Büchern oder von Lehrern, sondern direkt von den Pflanzen, indem diese ihr Wesen und ihre heilende Wirkung offenbaren. Sich als Mensch als Teil des Ganzen in die Natur einzuordnen und mit ihr kommunikativ in Kontakt zu treten, ist die Weltsicht in allen schamanischen Traditionen. Wir sind alle verwandt. Alles in der Natur ist beseelt, heißt es. Ich habe diese Sicht der Welt für mich als stimmig erkannt, denn sie hat mich zu dem geführt, was für mich unsere Welt und unser Miteinander lebenswert macht: mein tiefer Respekt vor allem, was ist und die Achtsamkeit und Behutsamkeit im Umgang mit mir und meiner Mitwelt.

So viel zur Theorie. Dann sitze ich also in meinem Tambo. Allein. Ich bekomme Fisch und Kochbanane zu essen. Jeden Tag, morgens und mittags. Jeden Abend um sechs ist es dunkel. Das Kerzenlicht ist romantisch, aber nicht wirklich hell. Das Dach aus Palmblättern ist auch romantisch, aber nicht wirklich dicht. Im Regenwald regnet es. Selbstverständlich habe ich mit Insekten gerechnet. Aber die Realität ist unvorstellbar. Das ewige Krabbeln. Nach dem Biss der giftigsten Schlange hier hat man eine halbe Stunde für das Antiserum. Ich wüsste nicht, wo ich in einer halben Stunde großartig sein sollte. Als ich nachts die Hütte verlassen muss, sitzt etwas in meinem Weg: schwarz, behaart, groß wie eine Maus - die Tarantel. Ich bleibe unversehrt und bemerke, wieder in meiner Hütte, zum ersten Mal den riesigen Spalt zwischen Tür und Boden.

Mein Leben im Tambo hat mich vor viele Herausforderungen gestellt. Ich hatte einkalkuliert, dass ich auf meinem Weg vielleicht zu weit gehen und das Leben im Dschungel nicht bewältigen würde. Aber so weit der Weg auch war, ich konnte ihn auf wundersam einfache Weise bewältigen. Die Dinge haben sich so eins zum anderen gefügt, dass ich meine Reise nach Peru problemlos antreten konnte. Der ultimative Nervenzusammenbruch im Dschungel ist ausgeblieben. Denn ich habe auf meinem Weg erfahren, womit ich nicht gerechnet habe und was bis dahin in meinem Leben gefehlt hat: Noch nie habe ich mich in meinem Tun so richtig und vollständig gefühlt. Und dieses Gefühl verleiht Kraft. Viel Kraft, die mich meistern lässt, was ich nicht immer für möglich halte und die mich meinen Weg jeden Tag aufs Neue gehen lässt. Die eigene innere Stimme kann einen manchmal erschrecken. Sie entspricht vielleicht nicht dem, was wir und vor allem die anderen von uns erwarten und abverlangen. Wenn wir unserer Stimme folgen und tun, was wir als richtig für uns erkannt haben, wird es uns und damit andere Menschen glücklicher machen. Ich glaube, das würde uns allen und unserer Welt sehr gut tun.

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