"Wie Hunde Kranken helfen"

In der Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Beate Fischer besucht regelmäßig Patienten in einem Sanatorium in Westberlin und wird dabei unterstützt von ihren beiden haarigen Therapeuten. Ein Besuch.

Beate Fischer, 51, hat eine PR-Agentur, ist Dozentin für Marketing und Kommunikation und gibt Interviewtrainings. Sie singt gern, spielt Golf und engagiert sich – im Inselhundeverein und bei einer Initiative, die Kindern in Sambia eine Schulbildung ermöglicht. Bei Fischers wöchentlichen Besuchen im Sanatorium dürfen ihre zwei Hunde nicht fehlen, Stina und Zsazsa.

Heute sitzen wir im Garten unter Sonnenschirmen in einer großen Runde. Die Katze macht sich flugs vom Acker, als ich mit meinen beiden Hunden Stina und Zsazsa um die Ecke biege. Zsazsa regt sich kurz auf, aber man kennt sich schon und lässt sich weitestgehend in Ruhe.

Frau Ehrmann begrüsst mich wie jede Woche mit der Frage "Sind das Ihre Hunde?", gefolgt von der Frage "Wie lange haben Sie die schon?", gefolgt von der Feststellung "Wenn ich genug Geld hätte, dann hätte ich auch mindestens einen Hund", die im Laufe der Sitzung mehrfach wiederholt wird und sich nur dahingehend verändert: "Wenn ich genug Geld hätte, dann würde ich die Kleene koofen", womit sie Stina meint. "Edi" Huhrle hält Zsazsa an der Leine. Edi ist körperlich ziemlich fit und hat die Verantwortung dafür, dass die blonde Jägerin nicht stiften geht und die Katzen verfolgt oder das Kaninchengehege auseinander nimmt. Das gefällt ihm. Alles ist wie jede Woche und auch jede Woche wieder anders. An der sogenannten „hundegestützten Besuchstherapie“ in einem Sanatorium in Westberlin nehmen Demenzkranke, aber auch Verunfallte oder Schlaganfallpatienten teil. Neben den agilen, sprechenden Bewohnern sitzen auch völlig Verstummte, Abwesende und Unbewegliche. Die Gruppe setzt sich jedes Mal anders zusammen. Je nach Verfassung und Tagesform der Menschen. Herr Zarkowski und Frau Grün dösen in ihren Stühlen, bis Stina sie anstupst und ihre Aufmerksamkeit einfordert (ein Verhalten, dass sie leider durchgängig praktiziert, nicht nur im Sanatorium, seufz). Frau Ehrmann ist da ganz ähnlich geartet. Ihr wird langsam langweilig – sie steht auf und kommt zu mir rüber, mit der Frage "Sind das Ihre Hunde?" Das hatten wir schon... "Und woher kommen die?" Von irgendwoher tönt leise Musik, offenbar ein Song, den sie kennt. Sie beginnt mitzusingen und tanzt ein wenig herum. Frau Markmann singt spontan mit. Inzwischen bin ich mit Stina bei Frau Winter. Sie ist im Wachkoma, offenbar schon länger, was sich an den Verformungen der Gliedmaßen durch Muskelkontraktion erkennen lässt. Füße wie Hände sind verkrümmt, die Arme lassen sich kaum mehr bewegen. Sie reagiert mit den Augen, als ich Stina auf den Tisch ihres Rollstuhls setze, guckt mich und den Hund mit großen Augen an und streckt mehrfach ihre Zunge raus. Ein Zeichen von Begeisterung. Am liebsten möchte sie Stina küssen, in Ermangelung anderer Möglichkeiten. Ich schiebe den kleinen warmen Hundekörper ganz nah zu ihr hin, damit sie das Fell fühlen kann, und Frau Winter streckt immer schneller die Zunge raus, ganz aufgeregt.

Stina ist gelassen, sie mag Frau Winter, auch wenn die sich "komisch" verhält. Es gibt durchaus andere Patienten, die Stina suspekt sind, denen sie nicht vertraut, deren Verhalten ihr unangenehm ist, das gibt sie mir deutlich zu verstehen. Sie spürt mehr, als wir sehen können.

Fröhlichkeit, aber auch Trauer und Aggression bahnen sich immer mal unerwartet den Weg aus dem zutiefst Vergrabenen, und skurrile Geschichten werden erzählt. Oft fragmentarisch, meistens zusammenhanglos offenbaren sich schöne wie traurige und auch schon mal sehr hässliche Erlebnisse aus einem früheren Leben. Alles ist möglich: lachen, weinen, schreien, fluchen, schlagen, treten. Die beiden Hunde wecken viele Erinnerungen - und die sind immer positiv. Frau Guterson wird aus ihrer Lethargie gerissen, strahlt, wenn sie Stina streichelt und beginnt von ihrem eigenen Hund zu erzählen. Herr Maier doziert über Hundeerziehung und wie er das früher gemacht hat und ist als ehemaliger Polizei-Obermeister ganz in seinem Element. Da herrschte Disziplin. Stina nimmt’s gelassen und leckt ihm die Hand. Er schmilzt dahin. Zum Abschluss gibt's für die beiden haarigen Therapeuten noch ein paar Hundekekse und dann sind wir auch schon wieder raus – im "normalen" Leben, auf dem Weg ins Büro. Ich habe großes Glück -,- meine eigenen Eltern sind mit fast 80 selbstständig und mental topfit. Ich stehe hilflos der Frage gegenüber, wie sich das Problem der gesellschaftlichen Überalterung, des Pflegenotstandes, der fehlenden finanziellen Mittel und, damit einhergehend, des fehlenden Personals gelöst werden sollen. Aber das soll auch hier nicht das Thema sein und ist nur eine der vielen aktuellen Herausforderungen an unsere soziale Gemeinschaft. Ganz allgemein plädiere ich für soziales Engagement im Sinne von: Augen auf, hingucken, mitmachen, dabei sein, teilnehmen. Es gibt so viele Möglichkeiten. Meine regelmäßigen Besuche sind Anstrengung und Bereicherung zugleich. Klar habe ich in den letzten fünf Jahren einige Routine erworben. Körperliche Ausfälle, Sabbern, Röcheln und im Rollstuhl in die Hose machen nehme ich zweifelsfrei gelassener hin als am Anfang meiner ehrenamtlichen Tätigkeit. Die verschiedenen Stadien der Krankheit, der Verfall bis zum Ausbleiben der Besuche und zum Tod eines Bewohners, sind mir inzwischen geläufig, darum aber nicht weniger traurig. Und dennoch gibt's da die tollen Momente. Und es sind wirklich nur Momente, denn hier geht es nicht um nachhaltige Verbesserung oder Heilung, sondern nur um die Verschönerung eines Augenblicks. Das ist wunderbar... ...und macht mir ganz banal ein gutes Gewissen. Ein bisschen Zeit mit Menschen zu verbringen, die als Teil unserer Gesellschaft ansonsten ziemlich im Aus gelandet sind, macht mich ganz eigennützig froh.

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