"Wie kann man Menschen, die um Hilfe bitten, wie Verbrecher behandeln?"

In der neuen Kolumnen-Reihe "60 Stimmen" schreiben unsere Leserinnen. In diesem Artikel: Andrea Quaden über ihre ehrenamtlichen Tätigkeiten und ihre Hilfe für Flüchtlingsopfer weltweit.

Andrea Quaden ist Absolventin des Masters „European Studies“ der Uni Hamburg und beschäftigt sich mit Menschenrechtsfragen im Bereich Migration und Flucht. In dem Feld arbeitet sie in der humanitären Unterstützung und Bildungsarbeit. Ende Juni geht sie in den Südosten der Türkei, auf der Suche nach einem Job in der Nothilfe für syrische Flüchtlinge.

1996 in ?anliurfa, im Südosten der Türkei. "Nehmt Süßigkeiten mit, wenn ihr in die Harran-Ebene fahrt," sagte man uns, kurz bevor unsere Familie sich auf den Weg machte. "Warum?" fragten wir uns, mein kleiner Bruder, 9, und ich, 11. Weil sich nach unserer Ankunft eine Traube von Kindern um uns bildete und eben diese Süßigkeiten schüchtern, aber hartnäckig von den "yabanc?" (Türkisch: Ausländer) einforderten und mit einer Dankbarkeit entgegennahm, die ich in Deutschland nur selten erlebe.

Ich fühlte mich damals seltsam - es waren so viele Kinder und die Unterschiede zwischen meinem und ihrem Leben wurden so deutlich. Ich begriff, dass es in dem Moment egal war, wer man war, woher man kam, ob man dieselbe Sprache sprach. Wir aßen einfach Bonbons miteinander. Diese Szene habe ich nie vergessen, doch erst vor ein paar Jahren wurde mir klar, wie sehr mich diese kleine Episode in meinem Leben geprägt hat. Vor allem heute, wo ich mich wieder auf den Weg in den Südosten der Türkei mache, auf der Suche nach einer Anstellung in der Syrian Refugee Reponse (SRR), dem internationalen Programm zur Unterstützung syrischer Flüchtlinge.

Als Kind eines deutschen Offiziers groß geworden, gehörten Reisen in abgelegene Gebiete, Auslandseinsätze meines Vaters und Tagespolitik am Mittagstisch von klein auf zu meinem Alltag. Wie groß doch der Groll meinen Eltern gegenüber war, als wir 1994 nach Ankara zogen. Ankara! In meiner kleinen Welt, im beschaulichen Bonn, kam das einem Weltuntergang gleich. Und wie dankbar ich heute meinen Eltern bin, dass sie diesen mutigen Schritt gegangen sind.

Nach dem Abi schien alles so einfach: "Irgendetwas mit Management und Menschen" wollte ich machen, Hotelmanagement also. Ich begann das Diplomstudium "European Business Studies", aber mir fehlte der "Drive". Politik und Sprachen interessierten mich mehr als Makroökonomie und Controlling. Mein Studium im 5. Semester abzubrechen, war wohl eine meiner ersten schwierigsten Entscheidungen, aber mir war klar, dass ich nicht glücklich werden würde auf dem eingeschlagenen Weg. An der Universität Münster fing ich neu an und studierte Politikwissenschaften und Jura. Internationale Politik und Völkerrecht waren fortan mein Ding. Der Verein "GGUA Flüchtlingshilfe e.V" lehrte mich viel über die europäische Flüchtlingspolitik und das deutsche Asylrecht und gab mir die Möglichkeit, mich ehrenamtlich zu engagieren.

In dieser Zeit wurde mir bewusst, dass etwas gewaltig schief läuft in unserer Gesellschaft. Wie kann es sein, dass man Menschen, die um Hilfe bitten und nach Schutz suchen, wie Verbrecher behandelt? Und wie kann es sein, dass wir so träge und schwerfällig, gar abweisend sind, wenn es um Hilfe geht, von der wir augenscheinlich selbst nichts haben?

Ich schloss den Masterstudiengang "European Studies" an der Universität Hamburg ab. Mit einem Auslandssemester an der Middle East Technical University in Ankara hatte ich die Chance, in meine "zweite Heimat" zurückzukehren, und ein Praktikum beim UNDP in Genf verschaffte mir einen Einblick in die entwicklungspolitische Lage unserer Zeit und die Arbeit der Vereinten Nationen. Naiverweise dachte ich, dass mir ein einfacher Berufseinstieg bevorstünde.

Ein Jahr später sitze ich hier und muss gestehen, dass es so einfach nicht ist. Mein Ziel: Ein bezahlter Job im Rahmen der SRR. Meine Beweggründe: um die 45 Millionen Flüchtlingen weltweit, Tendenz steigend; ein Bürgerkrieg unter voller medialer Beachtung in Syrien mit mehr als 2,7 Millionen Flüchtlingen, eine kontinuierliche Verschärfung der EU-Flüchtlingspolitik.

Ich will nicht nur zugucken, reden und resigniert den Kopf senken à la "Was kann ich als Einzelner schon tun?". Ich möchte den Menschen, die nicht gehört werden, eine Stimme geben. Menschen, die aus vielerlei Gründen gezwungen sind, ihre Heimat zu verlassen. Dafür braucht es mehr als theoretisches Wissen. Die ehrenamtliche Arbeit in humanitären Projekten und Gespräche mit Freunden und Bekannten, die aus Ländern, wie dem Iran, Afghanistan und Ghana, nach Deutschland gekommen sind, bringen mich näher an die unterschiedlichen Lebenswelten heran. Einen noch ungeschönteren, realeren und erschreckenderen Einblick erhält man aber vor allem in den Flüchtlingslagern und Erstaufnahmeeinrichtungen dieser Welt. An diese Orte möchte ich gehen. Mit den Menschen dort möchte ich sprechen, ich möchte sie unterstützen. Im Südosten der Türkei, wo mittlerweile mehr als 700.000 syrischen Flüchtlingen Schutz gewährt wird und jeden Tag bis zu 1000 dazukommen.

Dort einen Job zu finden, kann so schwer doch nicht sein! Wer will denn schon in einem Krisengebiet für wenig Geld und unter schwierigen Bedingungen arbeiten und leben? Scheinbar mehr als gedacht. Oder die Unterstützung von Hilfsorganisationen durch die Geberländer reicht nicht aus, um Personal zu bezahlen. Vielleicht hat es auch etwas mit meinem Alter und Geschlecht zu tun? Fakt ist: Seit einem Jahr finanziere ich mich durch Kellnerjobs, um wenigstens ehrenamtlich für die Rechte von Flüchtlingen tätig zu sein, zum Beispiel für so großartige und Mut machende Projekte wie die Unterstützung afrikanischer Flüchtlinge durch die St. Pauli Kirche Hamburg. Ab und zu gebe ich über das Netzwerk "Grenzgänger Hamburg" Seminare über Migration und Flucht, kann junge Menschen erreichen und informieren. Beides macht unglaublich viel Spaß und ist mehr als sinnstiftend. Es ist mir aber nicht genug!

Manchmal frage ich mich, wie es sein kann, dass man als junge Akademikerin mit einer internationalen Ausbildung, ohne Bindung, offen, überall auf der Welt zu arbeiten und mit lächerlich niedrigen Gehaltsvorstellungen keine Chance zum Berufseinstieg findet. Ich möchte, dass Menschenwürde wieder Bedeutung gewinnt – nicht nur auf dem Papier. Wie oft musste ich mir in den letzten Monaten den gut gemeinten Rat anhören, Kompromisse einzugehen, erst einmal etwas anderes zu machen und mich dann später wieder für mein Thema einzusetzen... Später?! Ich habe mich entschieden. Ob mit Stellenangebot oder ohne, ich werde alles versuchen, in der SRR tätig zu werden. Anfang Juli mache ich mich auf den Weg nach Gaziantep, eine der Städte in der Nähe der türkisch-syrischen Grenze, in der täglich syrische Flüchtlinge ankommen. Ich werde alles auf eine Karte setzen und Wege finden, wie ich vor Ort tätig werden kann. Es wird Wege geben müssen, um Dinge, die mir - die uns - heute aufstoßen, morgen zu ändern; und wenn ich selbst dafür Abstriche in Kauf nehmen muss.

Natürlich habe ich großen Respekt vor meinem Plan. Aber ich habe es lange genug auf dem normalen Weg versucht - jetzt muss ich handeln, wenn ich wirklich etwas tun will. Süßigkeiten werden heute und morgen nicht mehr reichen, aber ich hoffe, ich finde Mittel und Wege, meinen Teil dazu beizutragen, dass der Begriff "Menschenwürde" keine leere Worthülse in Gesetzestexten bleibt.

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