Aufs Gymnasium gehen: Die beste Entscheidung fürs Leben. Oder?

Dass ihr Kind mal aufs Gymnasium geht, würde sich Nathalie Schreiner schon wünschen - allerdings nicht um jeden Preis. Warum, erklärt sie in unserer Leserkolumne "Stimmen".

Es ist Sonntagmittag, Papa ist mit dem Kindlein im Garten, ich sitze auf dem Sofa und lese wie immer unsere regionale Zeitung. Eigentlich recht entspannt, bis ich auf folgende Anzeige stoße: Ausbildung zur Reiseverkehrskauffrau zum 01.09.2014 zu vergeben. Neben der üblichen Eigenschaften, etc., die die Bewerber mitbringen sollten, steht dort: gewünschter Abschluss, allg. Hochschulreife, mindestens 1,7. Ich bin geschockt. Nicht nur, dass man zu meiner Zeit, ich bin 1980 geboren, diese Ausbildung noch mit einem Realschul-Abschluss absolvieren konnte. Ich finde den geforderten Notendurchschnitt mehr als frech und frage mich: Wo soll das hinführen? Dass man demnächst für jede erdenkliche Ausbildung Abitur braucht? Dass man dann für ein Studium einen Durchschnitt von 1,0 vorweisen muss? Und ich spüre eine leichte Panik in mir aufsteigen, wie ich das meinem Kind vermitteln soll.

Das Kindlein wird bald fünf Jahre alt, und zwar knapp einen Monat nach dem Stichtag in NRW, und somit ist sie ein sogenanntes Kann-Kind, das heißt sie KANN nächstes Jahr in die Schule gehen, wenn sie die nötige Reife etc. ausweist. Ein (schon) sehr schwieriges Thema für uns. Und wie immer in der Erziehung und im Leben mit Kindern hagelt es von allen Seiten gute Ratschläge, Tipps oder auch Horrorstorys und allerlei Warnungen. Was ist richtig, was ist falsch und vor allem, was ist richtig für das Kind? Wir machen uns darüber schon massig Gedanken, werden aber, wie immer bei solchen Entscheidungen, die Außenwelt ausklammern und auf unseren Bauch hören. Denn jeder Mensch ist anders, und somit sind auch alle Kinder unterschiedlich und müssen einzeln betrachtet werden, da helfen andere Meinungen nur bedingt

Aber ich frage mich oft: Wie soll ich bloß die nächste, große Entscheidung treffen? Nämlich die, auf welche weiterführende Schule sie gehen soll. Natürlich gibt es Gutachten und Gespräche, Lehrer werden mein Kind bewerten und analysieren und von diesen wenigen Menschen wird dann die Zukunft meines Kindes abhängen. Letztendlich entscheiden wir als Eltern aber so eine Sache natürlich selbst. Wenn ich jedoch solche Stellenanzeigen lese und den Numerus clausus für so manches Studienfach sehe, das bei mir noch "frei" zugänglich war, ist für mich eigentlich klar: Sie muss aufs Gymnasium und das Abitur machen, damit sie überhaupt eine Chance auf eine gute Ausbildung und dann einen guten Job hat.

Entscheide ich aber jetzt schon für mich, dass sie später aufs Gymnasium geht beziehungsweise gehen muss, setze ich sie doch automatisch unter Druck. Oder anders ausgedrückt: Ich setze mich unter Druck, weil ich den Anspruch habe, dass sie das schaffen MUSS. Auch wenn man es nicht offen zugibt, insgeheim hat man doch immer eine gewisse Vorstellung, wie etwas zu funktionieren hat. Und wenn ich das habe, dann setze ich mein Kind doch sowieso unter Druck. Jede Note, jedes Verhalten, was nicht ganz ins Raster eines "Gymnasialkindes" passt, wird diskutiert und bewertet werden. Wahrscheinlich mehr, als es überhaupt nötig wäre. Ich arbeite also ab der ersten Klasse darauf hin, dass mein Kind vier Jahre lang so viel Leistung zeigt, dass es auf jeden Fall klappen muss?!

Und was machen wir dann? Dann hat sie es, vielleicht mehr schlecht als recht und nur unter der lenkenden Hand der Eltern aufs Gymnasium geschafft. Dass da nun aber noch einmal neun Jahre Schule vor uns liegen, habe ich vielleicht nicht bedacht. Noch einmal neun Jahre alles geben, bis zum Abitur. Ich frage mich: Möchte ich meinem Kind alles vorkauen? Möchte ich ihr den Weg nicht nur aufweisen, sondern sie beinahe auf diesen zwingen und immer aufpassen, dass sie auf diesem Weg nicht abhandenkommt oder ihn sogar verlässt? Ständig Angst haben, dass sie es in irgendeinem Jahr dann doch nicht schafft, nur weil die Gesellschaft (und somit auch ich) uns praktisch dazu zwingen, diesen Weg zu gehen?

Ich kann ganz entschieden für mich (und meinen Mann) sagen: NEIN! Das möchte ich nicht! Mir ist klar, dass das Abitur heutzutage ja anscheinend zum Standard gehört, aber nicht um jeden Preis. Die Entscheidung ist schwer, einfach weil so viel davon abhängt und weil ich schlichtweg Angst habe, dass sie ohne Abitur nichts Gescheites werden kann. Das hört sich vielleicht grausam an, ist aber leider Realität. Ganz tief in meinem Bauch aber vertraue ich auf mein Kind. Darauf, dass sie, natürlich immer mit uns an ihrer Seite, ihre Grenzen kennt und weiß, was sie sich zutrauen kann. Das war bisher immer so und ich hoffe einfach darauf, dass es für immer so bleiben wird. Ich werde sie nirgendwo hin zwingen, nur weil es eben sein MUSS. Wenn alles gut läuft und sie ohne viele Schwierigkeiten den Weg des Abiturs einschlagen kann, dann freue ich mich für sie. Wenn nicht, dann ist das auch kein Problem. Ich werde ihre Entscheidungen akzeptieren, wenn sie schlüssig und nachvollziehbar sind. Weil man nur das, was man liebt und gerne macht, auch gut macht. Das ist meine persönliche Einstellung und jahrelange Erfahrung. Und wenn sie einen Beruf erlernen möchte, für den kein Abitur nötig ist, oder in der Schule einfach nicht die Beste ist, dann ist es einfach so. Davon wird die Welt nicht untergehen und das persönliche Glück hängt auch nicht zwingend davon ab.

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