Plötzlich schlank: Warum 80 Kilo weniger mein Leben auf den Kopf stellten

Mit 40 wog Karina S. Henkel* noch 155 Kilo, dann nahm sie über die Hälfte ab. Heute sagt sie: Es ist schön, schlank zu sein. Gerade weil das ihr Leben ganz schön durchgewirbelt hat.

Karina S. Henkel*, 49, kämpfte ihr Leben lang gegen ihr extremes Übergewicht. Mit 42 schaffte sie es, 80 Kilogramm abzunehmen und musste sich nicht nur an ihren neuen Körper gewöhnen, sondern auch daran, dass sich ihr ganzes Leben auf den Kopf stellte. Sie heiratete mit 45 Jahren ihre Jugendliebe, zog zu ihm in die USA und baut sich dort eine Existenz als Autorin und Bloggerin (www.karina-henkel.blogspot.com) auf.

Wenn ich mich morgens schminke, ist mir das Gesicht, das mir aus dem Spiegel entgegenblickt, immer noch ein wenig fremd, obwohl es sich in den letzten sechs Jahren nicht mehr sonderlich verändert hat.

Aber vor sieben Jahren sah nicht nur mein Gesicht vollkommen anders aus. Ich wog zu diesem Zeitpunkt noch 155 Kilogramm. Ich habe fast mein ganzes Leben gegen mein Übergewicht gekämpft und kenne keinen Moment vor meinem 41. Lebensjahr, in dem ich mich deswegen nicht selber abgelehnt hatte.

Ich konnte einfach nicht verstehen, warum ich das Naheliegendste und Einfachste auf der Welt nicht kontrollieren konnte: mein Essverhalten.

Mit sieben Jahren begann meine Jo-Jo-Karriere

Ich machte meine erste Hungerkur, als ich sieben Jahre alt war. Das war der Beginn meiner Jo-Jo-Karriere. Diät- und Fressphasen wechselten sich fortan ab. Als ich mir mit Mitte Zwanzig eingestehen musste, dass Diäten bei mir nicht funktionierten, suchte ich mir Selbsthilfegruppen und Therapeuten. Ich wurde trotzdem immer dicker.

Und dann fand ich bei Overeaters Anonymous (OA) Selbsthilfegruppen, in denen ich zum ersten Mal ehemalige Übergewichtige antraf, die extrem viel Gewicht verloren hatten und schon seit Jahren ihr Normalgewicht halten konnten. In diesem Zwölf-Schritte-Programm fand ich Menschen, die ihre Esssucht genau wie Alkoholismus behandelten, indem sie sich allem enthielten, was bei ihnen Essattacken auslösen konnte: Mehl und Zucker.

Ich verlor 80 Kilo in 18 Monaten

Also versuchte ich das auch und nahm mit 41 Jahren nicht nur 80 Kilogramm in 18 Monaten ab, sondern fand auch zu einer Spiritualität, die mir die innere Gelassenheit und Kraft schenkte, nicht mehr in meine alten Essverhaltensweisen zurückzufallen.

Die Gewichtsabnahme erschien mir rasend schnell, darum wurde ich von den Falten in meinem Gesicht, die vorher nie da gewesen waren, überrascht. Wo sich zuvor die Haut straff über ein Doppelkinn spannte, hing sie jetzt schlaff herunter.

Auch meinem Körper war anzusehen, dass die Haut und das Bindegewebe sich nach jahrzehntelangem Übergewicht nicht mehr zurückziehen konnten. Ich war zwar schlank geworden, aber ich fand nicht, dass mein Körper hübscher aussah.

Trotz des Gewichtsverlustes mochte ich mich nur angezogen

Trotzdem erlebte ich eine verspätete Teenagerphase. Denn so lange ich mich nicht nackt im Spiegel sah, fühlte ich mich wie eine 15-Jährige und wollte mein Leben genießen.

Als meine beste Freundin und ich uns beispielsweise nach neuen Matratzen in einem Möbelhaus umschauten, schmiss ich mich kichernd auf jedes Bett und wippte darauf herum, einfach weil ich es jetzt konnte. Ich musste ja keine Angst mehr haben, dass sie unter mir zusammenbrechen.

Ich schleppte meine Freundinnen in Kaufhäuser und Boutiquen, weil mir plötzlich alles passte, was mir gefiel, und ich es liebte vor ihnen in den neuen Sachen herumzustolzieren. Ich war im Kaufrausch und beschäftigte mich mit Make-Up und legte großen Wert darauf, immer sexy auszusehen, denn ich wollte endlich von Männern bemerkt werden, nachdem ich fast mein ganzes Leben als Single verbracht hatte.

Aber gleichzeitig musste ich mir auch eingestehen, dass ich eigentlich Angst vor dem Flirten hatte, denn ich konnte mir nicht vorstellen, jemals einen Mann näher an mich heran zu lassen. Denn ich fand, dass ich eben nur angezogen passabel aussah.

Mein neues Leben führte mich zurück zu meiner Jugendliebe

Und dann traf ich Andrew, meine erste und bis dahin einzige Liebe, auf einem Amerika-Urlaub wieder. Ich hatte ihn zum ersten Mal mit 19 Jahren im damaligen Westberlin kennengelernt, als er dort als amerikanischer Soldat stationiert war.

Wir zogen zusammen und verbrachten eine glückliche Zeit miteinander, bis er zwei Jahre später wieder zurück in die USA ging und wir uns aus den Augen verloren. Ich verliebte mich danach nie wieder in einen anderen Mann.

Ich traf ihn also nach mehr als 21 Jahren wieder und es war, als wenn wir uns nie getrennt hätten. Tatsächlich zog ich ein paar Jahre später zu ihm in die USA, um ihn zu heiraten.

Es ist schön, schlank zu sein. Jede Frau weiß das und jede Frau will das. Es ist einfach großartig, dass ich mir jetzt keine Sorgen mehr machen muss, ob ich in die Plastikgartenstühle des Gartenrestaurants passe oder nicht. Auf den Straßen guckt mich keiner mehr komisch an oder macht gehässige Kommentare und ich muss mir keine Sorgen mehr darüber machen, wie ich eine Hose für mich finden könnte, die mir auch passt.

Ich kann hochhackige Schuhe tragen und die Kellner sind erstaunlich freundlich zu mir, sie lächeln mich sogar an. Ich hatte vorher nie bemerkt, dass sie unfreundlich zu mir waren, aber jetzt, wo ich normal aussehe, scheint die ganze Welt viel offener und freundlicher auf mich zu reagieren. Aber das könnte natürlich auch daran liegen, dass ich selber offener auf andere Menschen zugehen kann.

Heute habe ich alles, was ich im Spiegel sehe, richtig gern

Der Verlust meines Übergewichts hat mein Leben vollkommen auf den Kopf gestellt. Aber das liegt nicht nur an meinem Gewichtsverlust, sondern auch daran, dass ich mich selber nicht mehr mit Selbstvorwürfen quäle. Ich bin überzeugt davon, wenn es mir möglich gewesen wäre, mich mit meinem Übergewicht genauso zu mögen, wie ich das jetzt tue, dann hätte ich bereits früher ein erheblich glücklicheres und erfüllteres Leben führen können.

Nicht das Übergewicht allein ist schuld an meinen Depressionen gewesen und an meiner Unfähigkeit, Bindungen einzugehen, sondern die Tatsache, dass ich mich so dafür schämte, dass ich mein Essverhalten nicht kontrollieren konnte.

Jetzt esse ich seit mehr als sieben Jahren täglich nur drei gemäßigte Mahlzeiten, die auch nicht das kleinste bisschen Mehl und Zucker enthalten. Ich verletze mich nicht mehr selber mit Essen und lebe daher in Frieden mit mir selber. Zum ersten Mal in meinem Leben mag ich die, die ich bin. Und zum ersten Mal habe ich alles, wirklich alles, was ich im Spiegel sehe, richtig gern.

*Pseudonym

Teaserfoto: WATFORD/Mirrorpix/Corbis
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