Süchtig nach Aufmerksamkeit? Was es wirklich bedeutet, hyperaktiv zu sein

"Der will doch nur Aufmerksamkeit", sagten Lehrer, Bekannte und Verwandte, wenn ihr Bruder mal wieder wie unter Strom stand, herumzappelte oder Unsinn anstellte. Jennifer Büntemeyer erzählt in der Leserkolumne "Stimmen", wie die Diagnose ADHS sein Leben und das ihrer ganzen Familie verändert hat - zum Positiven.

"Ach, der will ja nur Aufmerksamkeit" "Habt ihr ihn falsch ernährt? Zu viel Süßigkeiten!" "Du kümmerst dich halt nicht genug um ihn" "Falsch erzogen!" "Das gibt's doch gar nicht wirklich" "Ach was, Modekrankheit! Ihr seid nur zu faul!"

Das sind Sprüche von Menschen, die keine Ahnung haben und sich keine Gedanken machen, wie diese bei den Betroffenen ankommt. ADS/ADHS gibt es - und nicht erst seit gestern. Es ist keine "Modekrankheit". ADS/ADHS wurde schon viel früher entdeckt als zum Beispiel AIDS. Meiner Mutter - und auch mir - begegnen die oben genannten Aussagen seit vielen Jahren. Diese und viele andere, die ähnlich klingen. Mein Bruder, 24, hat ADHS, und wir als Familie waren davon alle betroffen. Denn ADHS hat nur das eine Kind, aber es verändert die gesamte Familiendynamik, den Alltag und ein bisschen auch unser aller Leben.

So lange ich zurückdenken kann, war mein Bruder sehr aktiv. Er war immer auf Achse, stand ständig unter Strom, war oft sogar aggressiv. Wir haben nie ein Brettspiel zu Ende gespielt, er hat sich nie lang für etwas interessiert, es war ständig etwas anderes interessant. Er hat viel Unsinn angestellt und wir Kinder haben uns auch oft geprügelt. Damals vermuteten wir schon, dass etwas nicht stimmt, nicht "normal" ist, aber da uns zu dem Zeitpunkt noch nicht bekannt war, wussten wir auch nicht, wohin wir uns wenden sollten. Und vielleicht, dachten wir, war es ja doch ganz normal und wir machten uns bloß zu viele Gedanken. Bis mein Bruder eingeschult wurde und sich alles noch mal verschlimmerte.

In der Schule war es ähnlich wie zuhause, nur ohne Prügeleien und Unsinn. Er konnte nicht lange dem Unterricht folgen, stand mittendrin einfach auf und schaute aus dem Fenster. Er malte Bilder, anstatt das zu tun, was die Lehrerin sagte. Die Hausaufgaben zu machen war ein einziger K(r)ampf. Zu diesem Zeitpunkt wurde uns geraten, einen Facharzt aufzusuchen. Nach einigen Untersuchungen und Tests gab es eine Diagnose: Aufmerksamkeitsdefizit-Hyperaktivitäts-Syndrom. Kurz ADHS. Es hatte nun also einen Namen.

So eine Diagnose ist immer ein zweischneidiges Schwert. Es ist einerseits schön, endlich zu wissen, womit man es zu tun hat, damit man dagegen gezielt etwas tun, das Kind unterstützen kann. Aber es macht andererseits das Leben nicht leichter. Man steht vor vielen, schwierigen Entscheidungen, vielen Terminen mit Ärzten, Logopäden, Ergotherapeuten, Lernhilfen. Dazu noch Arbeit und andere Verpflichtungen. Und obendrauf kommen dann noch dumme Sprüche und Vorurteile - anstatt Unterstützung und Verständnis. Denn die Mehrheit der Menschen denkt genau das, was ich eingangs geschrieben habe. Auch in unserer Familie haben 90 Prozent der Verwandten so reagiert.

Als meine Mutter sich für die Medikation mit Ritalin entschied, und mein Bruder dafür in eine Klinik musste, um korrekt auf das Medikament eingestellt zu werden, beschimpfte meine Oma sie als Rabenmutter und warf ihr vor, sie würde ihr Kind einfach abschieben. Meiner Mutter ist diese Entscheidung nicht leicht gefallen, und ich kann mir, inzwischen selbst Mutter, sehr gut vorstellen, wie schwer ihr Mutterherz gewesen sein muss, als sie ohne meinen Bruder von der Klinik zurückkam. Und dann macht man ihr obendrein solche Vorwürfe.

Meine Mutter hat es sich nie leicht gemacht, keine Entscheidung seit der Diagnose wurde ohne gründliche Überlegung getroffen. Meine Mutter hat viel gekämpft. Eigentlich ständig. Für ein besseres Medikament, für eine andere Schule, gegen Vorurteile und Beleidigungen.

In der Regelschule wurde mein Bruder nicht von den Schülern, sondern von Lehrern gemobbt. In der dritten Klasse setzte die Klassenlehrerin ihn monatelang für die Dauer des gesamten Unterrichts vor die Tür. Er bekam vom Unterricht so nichts mit. Dank meiner Mutter und ihrer Hartnäckigkeit kam mein Bruder danach auf ein Internat, das sich unter anderem auf ADHS spezialisiert hatte. Die Klassen waren mit maximal acht Kindern sehr klein, die Kinder wohnten dort unter der Woche in sehr familiären Wohngruppen. Er lebte dort richtig auf, schrieb Bestnoten, machte viel Sport, ging in Frankreich Kanufahren und spielte mit der Schulband für den Bundespräsidenten. Ich glaube, es war eine tolle Zeit für ihn. Und die hatte er dringend gebraucht.

Neben allem, was ich erzählt habe, bleibt auch vieles ungesehen und unerzählt. Kinder mit ADHS stoßen oft auf Unverständnis. Sie begegnen nicht nur ständig denselben Sprüchen und Vorurteilen, sondern bekommen auch Dinge wie "Du bist dumm" oder "Du wirst sicher mal kriminell" zu hören und können sich dagegen kaum wehren.

Familien, die von AD(H)S betroffen sind, haben oft einen schweren Alltag. Die Eltern haben viele Termine, wenig Zeit für ihre anderen Kinder oder sich selbst. Oft leiden die Geschwister darunter, dass ein Kind mehr braucht und sie selbst dadurch wenig bis gar keine Exklusivzeit mit den Eltern haben. Bringt dann das Umfeld keinerlei Verständnis auf und wirft noch mit blödsinnigen Vorurteilen um sich, hilft das niemandem. Es macht die Sache nur noch schwerer. Hätte meine Mutter nicht so verbissen darum gekämpft, einiges zu ändern, glaube ich, hätte mein Bruder sich irgendwann selbst aufgegeben. So aber hat er gesehen und erkannt, dass es auch anders geht. Ohne Kampf, ohne Mobbing. Dass er nicht blöd ist, dass er auch gute Noten schreiben kann.

Mein Bruder lebt heute ohne Medikamente, aber weiterhin mit ADHS. Das verschwindet nämlich nicht immer. Es wird in der Pubertät oft nur schwächer. Er hat einen guten Abschluss gemacht und absolviert nun eine Ausbildung zum Fachinformatiker. Und ich bin verdammt stolz auf ihn!

Liebe Leser: Wenn in Eurem Umfeld jemand die Diagnose ADS oder ADHS bekommt, dann schaut euch doch mal in der Bücherei nach Fachliteratur um oder nutzt Suchmaschinen im Internet. Verzichtet auf dumme Kommentare. Versucht, Verständnis aufzubringen. Fragt "Wie kann ich helfen?" und meint es auch so! Andernfalls sagt lieber gar nichts. Das ist wenigstens besser als verletzende Worte.

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Jennifer Büntemeyer, 28 und gebürtige Pfälzerin, lebt mit Mann, Sohn und Hund in Weyhe bei Bremen. Nach der Elternzeit möchte sie wieder im Einzelhandel arbeiten. In ihrer Freizeit spielt sie gern Computerspiele, strickt und spinnt ihre Wolle selbst. Darüber schreibt sie auch in ihrem Blog Meinhexengeflüster.
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