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Allein um die Welt "Die beste Entscheidung meines Lebens"

Allein um die Welt: "Die beste Entscheidung meines Lebens"
© privat
Ann-Kathrin Bendixen stieg mit 19 aufs Motorrad und fuhr los. Ihr einziger Begleiter ein Plüschaffe, der ihr in einsamen Momenten Trost spendet.
Blind vor Schmerz lag ich im Krankenwagen. Ich ballte meine Hände zu Fäusten und versuchte, Ruhe zu bewahren. Hoffnungslos. Vor einigen Monaten war ich an den Nebenhöhlen operiert worden - eine kleine OP, die mich nicht gesünder, sondern kranker machte. Man hatte sich im OP-Saal verschätzt und nahm zu viel Knochen weg. In meiner Augenhöhle hatte sich daraufhin Schleim, Narbengewebe und Eiter gesammelt - eine Mukozele, die Raum forderte und mich für einige Tage blind werden ließ. Durch den entfernten Knochen konnte sich die Entzündung blitzschnell auf mein Gehirn ausweiten. Ich musste sofort operiert werden.

Ich hatte schon so viel Lebenszeit verloren

Monate, fast schon Jahre, hatte ich mit vielen verschiedenen Krankheiten gekämpft. Ob es eine langwierige Nagelbettentzündung war, die Not-OP an meinen Nebenhöhlen oder Clostridien, verursacht durch Antibiotika. Ich hatte schon unglaublich viel Lebenszeit verloren. Jedes Mal musste ich erneut den Willen aufbringen, mich ins Leben zurückzukämpfen. Ich hatte ständige Angst vor Schmerzen und zum Schluss sogar vor dem Tod.
Als ich mich im Krankenhaus langsam wieder erholte, schossen mir plötzlich 1000 Fragen durch den Kopf, die ich mir mit meinen 19 Jahren noch nie gestellt hatte. Ich hinterfragte mein Leben: Jeden Tag um sechs Uhr aufstehen, zur Schule gehen, nach Hause kommen, lernen, essen und wieder schlafen gehen. Am nächsten Tag das Gleiche. Und nach dem Schulabschluss würde es genauso weitergehen: Ausbildung, Studium, Arbeit - um dann erst im Rentenalter endlich frei zu sein.
"Ich fragte mich, wo Zeit für mich blieb. Zeit, um meine Talente, Fähigkeiten und mein Glück zu finden."
Ich strebte immer nach guten Noten, wollte meine Eltern und Lehrer:innnen stolz machen. Doch bei all dem Drang, Leistung zu bringen, hatte ich mich selbst verloren.

Ich wollte nicht ins Hamsterrad

Ich stellte mir das etablierte Leben vor wie ein Hamsterrad. Ich hatte Angst vor einem langweiligen, geregelten Leben. Plötzlich stand für mich fest: Ich wollte leben. So richtig. Das erste Mal begrenzte ich mein Denken nicht mehr und sah plötzlich 1000 Türen, die mir offen standen. Ich wollte mich selbst finden, mich unabhängig fühlen und einmal komplett frei sein, bevor ich im Arbeitsalltag versinken würde. Ich wollte meinen Traum leben. Denn eins hatte ich gelernt: Nur weil man jung ist, heißt das nicht, dass man auch alt wird.
Wochen der Genesung waren vergangen. Ich schaffte es zurück auf den öden Holzstuhl in der Schule, absolvierte mein Abitur und nahm mir vor, dieses Leben erstmal hinter mir zu lassen. „Nur ein Stück Papier“, dachte ich, als ich mein Abizeugnis in der Hand hielt,  und sah im Gegensatz zu meinen Mitschüler:innen keine Zukunft darin. 

Hauptsache weg!

Ich kratzte mein weniges Geld zusammen, kaufte eine alte, günstige Suzuki Bandit von 1996 und sah meine Zukunft weit weg von Deutschland. So naiv, wie ich damals war, schwang ich mich auf den Sattel und brach auf in die Ungewissheit. Mein Plüschaffe, den mir meine Freunde zum Abschied geschenkt hatten, die Bandit und ich. Mein Gepäck hatte ich auf dem Heck des Bikes festgeschnürt. Schlafsack, Isomatte, Hängematte und ein Zelt, Klamotten, Kocher und ein Messer. Viele Gedanken hatte ich mir über mein Gepäck nicht gemacht. Hauptsache los!
Von Norddeutschland zog es mich in den Süden Europas, in die Schweiz, nach Österreich, Italien, Slowenien und Kroatien. Ich schlief in meinem Zelt oder in meiner Hängematte. Weil ich knapp bei Kasse war, ernährte ich mich öfters nur von Äpfeln, Weintrauben oder Tomaten. Manchmal nahm ich sie von einem Feld oder Garten – ich hatte zwar ein schlechtes Gewissen, aber eben auch Hunger.
"Das eine oder andere Mal musste ich mit leerem Magen zu Bett gehen und wünschte mir nichts sehnlicher als eine Pizza."
So zogen die ersten Wochen meiner Reise dahin. Das Rattern meiner Suzi wurde meine Heimat. Ich gewöhnte mich daran, mir selbst zu helfen und nicht mehr nur auf andere zu vertrauen. Keine Ärzte, die mir Zeit und Hoffnung nahmen, keine Schule oder Arbeit, die mich ins etablierte Leben zwangen. Ich fühlte mich unfassbar frei. 

Die beste Entscheidung meines Lebens

Ich fuhr einsame Landstraßen entlang, bestaunte die Landschaft und beobachtete die einheimischen Familien, wie sie auf ihren Feldern arbeiteten. Wenn sie dann am Abend zusammen draußen saßen, bestaunte ich oft ihren Zusammenhalt. Ich stand am Wegesrand und liebte es so sehr, ihren Stimmen zu lauschen. Die Höfe im Süden Europas waren häufig grün umwachsen. So idyllisch. So schön. Es wurde viel gegrillt und das duftete immer herrlich.
Irgendwann hielt ich es nicht mehr aus vor Hunger, stellte mein Bike ab, betrat das Grundstück einer Weinfarm und sprach die Besitzer an. Es war die beste Entscheidung meines Lebens. Ich bekam ein fettes Steak, einen Platz für mein Zelt und Arbeit für eine Woche. „Ausnahme“, dachte ich zu dem Zeitpunkt noch, bis ich kurz darauf noch einen Hof fand. Und dann noch einen.
Die Monate flogen dahin, nie hätte ich gedacht, dass ich so lange unterwegs sein könnte. Nur selten gab es Schwierigkeiten. Aber wenn, dann richtig. Damit meine ich nicht die Fälle, als meine Suzi den Geist aufgab und ich mir stundenlang Youtube-Videos reinzog, um sie wieder zum Laufen zu bringen. Damit meine ich emotionale Tiefen, die ich ohne diese Abenteuerreise wahrscheinlich nie erlebt hätte.  

Ein Abenteuer hat nicht nur schöne Seiten - aber auch

Ich habe oft geweint, war verzweifelt und wollte aufgeben. Meine Reise. Mich. Ich hatte Erlebnisse, die ich lieber verdränge: eine schmerzhafte Trennung, sexuelle Übergriffe und Unfälle. Die Vergangenheit lehrt mich Dinge, aber sie soll mich nicht aufhalten. Meine Reise geht weiter, den Blick in die Zukunft gerichtet. Trotz aller Tiefpunkte, die es gab. Gegen kein Geld der Welt würde ich mein Leben hergeben. All die schönen Erfahrungen machen die schlechten wieder wett.
Bikergirl
© riva Verlag
Ann-Kathrin Bendixen ist jetzt seit 21 Monaten unterwegs und hat ein Buch über ihre Erlebnisse geschrieben: "Bikergirl - Wie ich die Freiheit suchte und das Leben fand" (riva Verlag, 13 Euro).
Brigitte

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