Bei der Krankheit Alzheimer gibt es keine Idylle

Das Thema Alzheimer bekommt eine ganze Menge Aufmerksamkeit durch Filme wie zum Beispiel "Honig im Kopf" von Til Schweiger. Dort geht es lustig zu, trotz der Krankheit. Die Realität sieht anders aus, weiß Kerstin A.

Kerstin A. ist 45 Jahre alt, hat BWL studiert und wohnt im Rheinland. Die letzten 10 Jahre waren für sie stark geprägt durch die Krankheit ihrer Mutter. In dieser Zeit hat sie sich intensiv damit auseinandergesetzt, wie man helfen kann und man als Helfer seine Grenzen zieht.

Gefühlt ist das Thema Alzheimer derzeit in den Medien omnipräsent. Ich finde, das Thema wird dabei oft viel zu verklärt dargestellt. Viele Berichte über die Krankheit sind versehen mit idyllischen Fotos: Da sitzt zum Beispiel eine ältere Dame in der Sonne mit beim Kaffeetrinken, in manchen Fällen ist auch noch die Verwandtschaft mit am Tisch und alle strahlen um die Wette... In Talkshows berichten Angehörige von den schönen, ergreifenden Erlebnissen mit den erkrankten Familienmitgliedern.

Es berichten Erkrankte selber sehr reflektiert, fast schon entspannt über ihren Zustand und es gibt lustige Komödien und romantische Liebesfilme zu dem Thema. Da kriegt man fast den Eindruck, dass das alles ja gar nicht so schlimm ist. Es gibt sogar Autoren, die behaupten, die Krankheit gäbe es gar nicht, Senioren müssten einfach nur genug Flüssigkeit zu sich nehmen. Mir bleibt dabei immer das Lachen im Hals stecken.

Als Angehörige eines Alzheimer-Patienten - leider hatte meine Mutter diese Krankheit - habe ich erlebt, dass es auch eine andere Seite gibt: Es gibt Situationen, in denen man nicht helfen kann, da die Hilfe nicht angenommen wird und man zusehen muss, wie der Angehörige leidet. Und das wiederum stößt auf Unverständnis des nicht ganz so direkt betroffenen Umfeldes.

Die Realität sieht anders aus

Ich habe mich zeitweilig am Pranger gefühlt, weil ich augenscheinlich nicht geholfen habe. Ich hatte den Eindruck, dass die Leute, die die Krankheit nicht schon selber im direkten Umfeld erlebt haben, oft vorschnell geurteilt haben - eben basierend auf den schönen Bildern, die in Büchern, Filmen und Medien gezeigt werden.

Diese "Verurteilung" durch das Umfeld auszuhalten - zusätzlich zu den Sorgen um die erkrankte Person - war nicht einfach. Andererseits habe ich aber auch viel Unterstützung erfahren, was mich auch sehr positiv überrascht hat.

Niemand will die Wahrheit aussprechen

Der Weg bis zum Erkennen der Krankheit und Eingreifen können war bei meiner Mutter extrem langwierig und schwierig. Meine Mutter war immer schon ein sehr eloquenter und selbstbewusster Typ und als ihr Verhalten dann von der Krankheit beeinflusst wurde, konnte sie es noch sehr lange Zeit nach außen hin gut kaschieren: Wenn ihr die Geheimzahl für ihr Konto nicht mehr einfiel, dann lag dass doch daran, dass sie gerade erst eine neue Karte bekommen hatte? Wenn sie ihr Handy nicht mehr richtig bedienen konnte - wer von uns Jüngeren versteht noch alle Funktionen seines neuen Handys? Die Nachbarn fingen an sie zu ärgern und haben Dreck auf ihre Terrasse geworfen und machten Lärm - die hatten es halt auf ihre Wohnung abgesehen und versuchten sie aus genau dieser raus zu ekeln. Alles Dinge die durchaus vorkommen können.

Als sie dazu überging, mehrfach am Tag die Polizei anzurufen, schaltete sich der Sozialpsychiatrische Dienst ein. Meine Mutter behauptete, dass jemand etwas aus ihrer Wohnung geklaut hätte oder sich in ihre Wohnung eingeschlichen. Zu diesem Zeitpunkt dachte man zwar an Demenz, aber konnte noch keine Anzeichen nachweisen.

Der Verlauf der Krankheit

Nach bisherigem Verständnis verläuft die Krankheit in verschiedenen Stufen. Ganz am Anfang äußert sich die Krankheit mit Stimmungsschwankungen, danach mit leichter Vergesslichkeit, der Kranke kann sich sprachlich nicht mehr so gut ausdrücken und vernachlässigt schließlich sein Äußeres.

Das können Anhaltspunkte sein, aber jeder Krankheitsverlauf ist individuell. Ihr Selbstbewusstsein und ihre rhetorischen Fähigkeiten hat meine Mutter noch sehr lange behalten. Und genau das hat es so schwierig gemacht, Außenstehenden verständlich zu machen, dass hier etwas aus dem Ruder läuft und Hilfe nötig ist. Als allen Beteiligten klar wurde, dass meine Mutter dement ist und man Eingreifen konnte, wurde sie direkt in Pflegestufe 2 eingestuft. Bis dahin hat sie noch alleine gelebt und kaschierte ihre Auffälligkeiten.

Aber wie gesagt, nur nach außen hin hatte meine Mutter sich noch im Griff - mich hat sie Tag und Nacht angerufen, weil wieder jemand in ihrer Wohnung sei, die Nachbarn Klingelterror machen, ihre Schlüssel geklaut wurden...

Einfach nur mehr Mühe geben?

Sie wollte Hilfe, aber für sie bedeutete dass, dass ich mich 24 Stunden am Tag zu ihr auf die Couch setze, um zu beobachten, ob jemand und wer einbricht. Besuche am Wochenende oder nach der Arbeit reichten aus ihrer Sicht nicht, da die "Anderen" natürlich schlau seien, und nicht kämen, wenn sie Besuch hat. Niemand, weder ich, noch ihre Geschwister noch der sozialpsychiatrische Dienst konnten sie dazu zu bewegen, zum Arzt zu gehen. Jeder, der nicht ihrer Meinung war, war böse und wurde von ihr fortan bekämpft. Sie hat meinen Arbeitgeber angerufen und sich über mich beschwert, hat mit dem Rechtsanwalt und der Polizei gedroht und mich regelmäßig am Telefon beschimpft. Selbst als sie umgezogen war und ich die Adresse gar nicht mehr hatte, rief sie mich noch an und beschwerte sich, dass ich sie ständig mit Telefonanrufen und Türklingeln belästigen würde.

Von einigen Bekannten habe ich in dieser Zeit das Feedback bekommen, ich müsse mir doch einfach nur mehr Mühe geben. Das fand ich sehr frustrierend. Normalerweise geht man ja davon aus, dass ein Problem rational gelöst werden kann, wenn man es denn nur will. Wenn aber jemand Hilfe nicht annehmen will, dann kann man sie ihm auch nicht geben. Man kann erst dann eingreifen, wenn jemand konkret für sich selber oder für andere zur Gefahr wird. Und das heißt dann abwarten - in meinem Fall zwei Jahre: Meine Mutter ist in dieser Zeit mehrfach umgezogen und hat alle Kontakte zu Verwandten und Bekannten abgebrochen. Schließlich war die Krankheit soweit fortgeschritten, dass man sie orientierungslos auf der Straße fand. Nun endlich konnte man eingreifen und helfen.

Zum Ende gab es doch noch schöne Momente

Sie hat endlich medizinische Hilfe bekommen und ist in ein betreutes Wohnheim umgezogen. Dort hat sie sich sehr wohl und sicher gefühlt. Und hier gab es dann auch noch ein paar von den schönen Momenten, zusammen beim Kuchenessen oder Singen. Der Weg dahin war aber wie gesagt sehr schwierig - sowohl für meine Mutter, die sich Hilfe gewünscht hat, aber keine annehmen konnte, als auch für ihr eigentlich nahe stehende Leute, die helfen wollten aber nicht konnten.

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.

Diesen Inhalt per E-Mail versenden

Bei der Krankheit Alzheimer gibt es keine Idylle

Das Thema Alzheimer bekommt eine ganze Menge Aufmerksamkeit durch Filme wie zum Beispiel "Honig im Kopf" von Til Schweiger. Dort geht es lustig zu, trotz der Krankheit. Die Realität sieht anders aus, weiß Kerstin A.

Du kannst mehrere E-Mail-Adressen mit Komma getrennt eingeben

Deine Mail wurde versendet
Deine Mail konnte leider nicht versendet werden