Zwei Zuhause sind eins zuviel? Was "Heimat" bedeutet

Seit fast einem Jahr wohnt Jennifer Schatz bei ihrem Freund in einem französischen Dorf. Nur: Zuhause fühlt sie sich dort nicht. In den "Stimmen" schreibt sie darüber, was Heimat bedeutet - und warum die in der Ferne nicht so leicht zu finden ist.

Wie ich meine Heimat verlor (oder: Wie ich auf einmal zu viele Heimaten hatte)

Wo bin ich Zuhause? Eine Frage, die ich mir bis vor Kurzem nicht stellen musste. Denn bis vor wenigen Wochen gab es diese Frage einfach nicht. Heimat war für mich immer an dem Ort, an dem ich geboren wurde, gemeinsam mit den Menschen, die ich gerne habe. Familie. Freunde. Später, mit Ausbildung und Studium, kam neben der eigentlichen Heimat noch eine Wahlheimat dazu. In mir pochten also zwei Herzen. Poch, poch. Alles kein Problem. "Das muss auch jetzt möglich sein!", sage ich mir. Doch dieses Mal ist das irgendwie anders.

Seit fast fünf Jahren habe ich einen französischen Freund, den ich in Neuseeland kennengelernt habe. Vier dieser fast fünf Jahre wurden dabei liebevoll gefüllt mit einer Fernbeziehung der Extraklasse. Er in Frankreich lebend, ich in Deutschland, jedes Wochenende ich hin oder er her. 4 Jahre. 208 Wochen. 2103840 Minuten. Unendlich viele gefahrene Kilometer. Und schließlich, viele hunderte Bahn- Tickets und Tankfüllungen später und nach Beendigung meines Studiums der Entschluss: Wir ziehen nach Frankreich. In seine Heimatstadt. In das Haus, das mein Freund von seinem Großvater geerbt hat. Das Abenteuer-Feeling beginnt in mir zu kribbeln. Ein Haus mitten im Wald, mitten in einer kleinen Stadt (oder ist das ein Dorf?), mitten im "Nirgendwo". Was man dort alles machen kann... Tausend tolle Gedanken schweben durch meinen Kopf und bestätigen mich weiter darin, dass ich alles richtig gemacht habe.

Vor elf Monaten kam dann der große Tag: auf Wiedersehen, Deutschland. Bonjour la France! Bereits mit dem Moment der Ankunft in meiner neuen "Heimat" wurde mir jedoch eins klar: Das ist kein Urlaub, bei dem man nach einer gewissen Zeit einfach wieder nach Hause kann. Das ist jetzt vielleicht für immer! Klar, "für immer" sind gewichtige Worte und in der heutigen Gesellschaft nicht mehr wirklich funktionstüchtig, aber trotzdem machen sie Angst. Ich werde hier jetzt leben. So ganz in echt. Mit Beruf und allem. Auch über die Sprachbarrieren hatte ich mir bis zu diesem Moment nie Gedanken gemacht. Mein Französisch ist zwar okay, aber lange nicht so gut, dass ich mich ganz unbeschwert mit den Menschen über alle möglichen Dinge, geschweige denn über meinen Job, unterhalten könnte. Und ja, der Job ist die dritte Sache, die mir auffiel: Medienpädagogen gibt es in dieser Gegend, geschweige denn in diesem Dorf, nicht unbedingt wie Sand am Meer. Präziser: Jede Antwort, die ich bekomme, wenn ich den Leuten hier meinen Beruf beschreibe: "Aha, klingt sehr spannend und ist auch wichtig! Aber ich habe noch nie davon gehört!" Und das dann auch noch auf Französisch. Tolle Aussichten!

Wie ich anfing zwischen den Stühlen zu leben

Wenn man ein Haus renoviert, das eingangs nur aus den Grundmauern bestand, hat man so einiges zu tun. So auch wir. Entsprechend schnell verging die Zeit. Und entsprechend viel hatte ich im Kopf, außer der Frage "Wo bin ich Zuhause?", denn schließlich baute ich mir ja gerade eins. Doch wenn das Haus auf einmal steht, die Einrichtung gekauft und die Deko angebracht ist - alles also heimisch aussieht - und man dann Bauchschmerzen bekommt bei dem Gedanken, hier jetzt zu leben, dann, so behaupte ich, stimmt etwas nicht. Doch was? Ich habe alles getan, um mit dem Mensch, den ich gerne habe, zusammenzusein, um endlich diese anstrengende Fernbeziehung und das "zwischen den Stühlen leben" zu beenden. Und jetzt? Eigentlich müsste ich doch jetzt glücklich sein. Stattdessen habe ich das Gefühl, noch mehr zwischen den Stühlen zu hängen als jemals zuvor. Denn irgendetwas fehlt.

Meine neue "Heimat" - Das Gegenteil des Ursprünglichen

Ich bin ein Stadtkind. Und wohnt man als Stadtkind in einem Haus, das beinahe im Zentrum steht, findet man sich haustiertechnisch mit Kleintieren wie Hamstern, Hasen oder Fischen ab. Man ist außerdem zu Fuß in zehn Minuten in der Innenstadt und kann - dank der heutigen Strukturen - auch irgendwie alles Notwendige in der Nähe erledigen. Und - ganz wichtig! - es gibt Cafés, in denen man nachmittags Kuchen essen kann! Nun ein Einblick in meine neue "Heimat": Ich wohne im Wald. Mittendrin. Ich habe keine Nachbarn und muss, um in das Zentrum der Kleinstadt zu gelangen, mein Auto nutzen. Und dort gibt es keinen Kuchen! Zumindest nicht in Cafés, wie es in Deutschland so üblich und (wie ich gelernt habe) einmalig ist. Ich habe auf einmal einen Hund, zwei Katzen und, ja, Hühner! Nachts höre ich Eulen und Waldgeräusche und muss mich gleichzeitig mit exotischen (Wenn man aus der Stadt kommt, ist vieles exotisch!), mehrbeinigen Krabbeltierchen auseinandersetzen. Klingt alles nach einem aufregenden und wunderbaren Abenteuer. Ist es sicherlich auch, wenn man sich darauf einlassen kann. Doch ist genau dieser Schritt wesentlich schwerer, als ich ihn mir vorgestellt habe.

Erst hier, zehn Stunden entfernt von meiner alten Heimat, fällt mir auf einmal auf, wie viel mir diese wert ist. Wie sehr ich all das schätze, was ich dort gehabt und als selbstverständlich wahr- und hingenommen hatte. Das fängt bei der Familie und den Freunden an, geht weiter mit kulturellen Angeboten, wie Kunstmuseen oder Theatern, und hört mit einfachen Dingen, wie Drogeriemärkten und Kuchen, auf. Der einzige rote Faden, die letzte Verbindung zu meinem alten "Ich" ist mein Job, denn durch die wunderbare Unterstützung meiner Arbeitgeber kann ich meinem Beruf auch aus der Ferne nachgehen - dank Internet. Ich glaube schon, dass ich hier, fernab von dem Leben, das ich die letzten 26 Jahre geführt habe, glücklich werden kann. Gleichzeitig habe ich aber auch gelernt, dass das größere meiner vielen Heimatherzen für Deutschland schlägt. "Ich bin einfach deutsch!", denke ich, im Stillen lachend, wenn mal wieder ein französisches Klischee mit einem deutschen zusammenprallt oder ich alte Fotos wiederfinde, auf denen alles so einfach aussieht.

Wie ich mir meine eine Heimat vorstelle

Der Vergangenheit soll man nicht nachtrauern. Klar! Tue ich auch nicht. Denn schließlich sammle ich hier, egal ob mein Freund und ich in Frankreich bleiben, wertvolle Erfahrungen. Ich habe mich selbst ein ganzes Stück besser kennengelernt. Ich weiß jetzt, warum was wie pocht. Nach wie vor schlagen also mehrere Heimatherzen in mir. Deutschland, poch. Frankreich, poch. Und das wird auch so bleiben, egal wo uns der Wind in Zukunft hintreibt. Doch wünsche ich mir, dass mich in Zukunft beide Herzen gleichermaßen glücklich machen und weniger hin- und herreißen, so wie es im Moment der Fall ist.

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