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Leben mit Beinamputation Wer Flügel hat, braucht keine Beine!

Cristina ist beinamputiert
Christina Wechsel
© Andrea Mühleck
BRIGITTE.de-Leserin Christina Wechsel verlor auf ihrer Traumreise um die Welt ein Bein. Hier erzählt sie, was sie dadurch gewonnen hat.

Alles begann mit einem großen Traum

Meine Geschichte hat mich vor allem eines gelehrt: Wir können um die ganze Welt reisen, aber letztlich landen wir bei uns selbst. Das war mir allerdings noch nicht mal ansatzweise klar, als ich mich mit Mitte 20 daran machte, mir meinen größten Traum zu erfüllen. Den Traum von einer Weltreise. Australien, Neuseeland, USA, Kanada – ich wollte die Welt sehen, Erfahrungen machen und natürlich Spaß haben.

Ich hatte bereits mein „Around the World“-Ticket gebucht, als meine Mama, zu der ich ein sehr enges Verhältnis hatte, an Krebs erkrankte und starb. Mir zog es buchstäblich den Boden unter den Füßen weg, und ich blieb zunächst bei meinem Bruder und meinem Vater, um gemeinsam mit ihnen zu trauern.

Der Unfall im Outback

Knapp ein halbes Jahr später saß ich im Flugzeug nach Australien, um die Reise nachzuholen. Ich wusste, meine Mutter hätte gewollt, dass ich mir meinen großen Traum erfülle. Doch am anderen Ende der Welt schlug das Schicksal ein zweites Mal zu.

Auf dem Weg zum Uluru, wie die australischen Ureinwohner ihren heiligen Berg nennen, hatten drei Freunde und ich einen schweren Unfall – mitten im Outback. Mein Kumpel starb und ich kämpfte wochenlang auf der Intensivstation um mein Leben. Diesen Kampf gewann ich, allerdings musste mir mein linker Unterschenkel amputiert werden. Ein großer Schock für jemanden, dem Sport so wichtig ist wie mir. Denn so war meine dringlichste Frage nicht nur: Werde ich jemals wieder laufen können? Sondern: Werde ich jemals wieder Sport machen können? Und was ist mit dem Reisen?

Momente größter Verzweiflung waren meine Chance, zu heilen

In den Monaten nach dem Unfall lernte ich nicht nur, mit einer Prothese zu laufen. Ich tastete mich auch Schritt für Schritt zurück in mein Leben. Kämpfte ich anfangs noch mit Verzweiflung, Hilflosigkeit und der Frage „Warum ist das alles ausgerechnet mir passiert?!“, lernte ich mit der Zeit, dass es darauf keine Antwort gibt. Wir können nicht beeinflussen, was uns im Leben zustößt. Aber wir haben Einfluss darauf, wie wir damit umgehen.

Wir können um die ganze Welt reisen, aber letztlich landen wir bei uns selbst.

Ich begriff, dass unsere Möglichkeiten nahezu grenzenlos sind, wenn wir unserem Herzensweg folgen. So lernte ich nicht nur, mit der Prothese zu laufen, sondern konnte mit der Zeit auch wieder Sport machen. Ich durchschwamm den Zürichsee, klettere an den höchsten Felsen, spiele wieder Tennis und habe sogar gelernt, auf einem Bein Ski zu fahren.

Viele Menschen fragen mich, wie ich es geschafft habe, trotz dieser Schicksalsschläge so positiv und lebenslustig zu bleiben. Ich denke, das habe ich einem Mix aus innerer Stärke, spirituellem Glauben und den vielen lieben Menschen in meinem Leben zu verdanken.

Schicksalsschläge bedeuten nicht das Ende

Umso wichtiger ist es mir, meine Learnings aus dieser Zeit weiterzugeben. Heute behandle ich als Heilpraktikerin mit eigener Naturheilpraxis Menschen, die unter Phantomschmerzen leiden und unterstütze auch das Pik-Projekt. Dabei helfen amputierte Menschen anderen Betroffenen, mit der schweren Situation umzugehen.

Zudem teile ich meine Geschichte und meinen Weg zurück in ein neues altes Leben mit möglichst vielen Menschen. Jeder von uns kann im Leben vom Schicksal so richtig durchgerüttelt werden. Das Wichtigste ist, zu erkennen, dass es oft die schwersten Momente im Leben sind, die uns die Chance auf ganzheitliche Heilung ermöglichen. Dass wir nie den Glauben an das Unmögliche verlieren und immer unseren Weg gehen sollten.

Übrigens: Mein Herzenswunsch hat sich bis heute nicht erfüllt. Der Uluru wartet und ich kann es kaum erwarten, diese Reise endlich zu vollenden.

Leben mit Beinamputation: Wer Flügel hat, braucht keine Beine!
© HarperCollins

Die Autorin: Christina Wechsel wuchs in Kanada und Griechenland auf, bevor ihre Familie ins bayerische Freising zog. Sie arbeitet als Heilpraktikerin und Coach mit eigener Praxis und begleitet mit dem "PiK-Projekt" andere Betroffene mit einer Beinamputation. In ihrem Buch Wer Flügel hat, braucht keine Beine - Wie ich das schlimmste Jahr meines Lebens überstand und dabei über mich selbst hinauswuchs“ (HarperCollins, 16 Euro) schreibt sie über ihr Leben. Auf Instagram findet ihr sie unter christina_change_


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