"Wie wichtig Berührung für mich ist, habe ich erst beim Zahnarzt begriffen"

Viele von uns haben nicht genug davon: Berührung. Dabei brauchen wir Umarmungen, um gut zu leben. Ein Plädoyer von BRIGITTE.de-Leserin Gerlinde Ullmann.

Ich war ausgehungert nach Berührung - und wusste es nicht

Ich kann mich noch gut erinnern, wie überrascht ich war, als ich ausgerechnet in der Praxis meines Zahnarztes bemerkt habe, wie ausgehungert ich nach einer Umarmung war. Das war nicht die Schuld des Zahnarztes, er musste sich über mich beugen, weil er sonst den "Siebener links oben" nicht erreicht hätte. Und natürlich war seine Berührung ohne jeden Hintergedanken. Aber mich hat sie berührt. Weil ich erst dadurch bemerkt habe, wie einsam ich war. 

Damals war ich schon seit einiger Zeit Single und auch ein paar Kurzzeitbeziehungen haben mein Bedürfnis nach Berührung nicht gestillt. Weder körperlich noch emotional. Der Witz an der Sache war aber, dass mir das überhaupt nicht bewusst war. Deshalb musste ich auch erst Zahnschmerzen bekommen, ehe mir ein Licht aufging.

Nach außen habe ich funktioniert

Geholfen hat mir das allerdings nicht, ganz im Gegenteil. Denn nach der Behandlung war ich zwar das Loch im Zahn los, das war aber auch schon alles. So habe ich mich dann auch weiterhin durchs Leben geschleppt, mal besser, mal schlechter.

Angemerkt hat mir das niemand, nach außen war ich fröhlich und habe gut funktioniert. Trotzdem hat es immer wieder mal Zeiten gegeben, in denen ich dachte, die Einsamkeit nicht einen einzigen Tag länger ertragen zu können. Aber auch das ging vorbei und als dann ein paar Jahre später zwei Kolleginnen im Rahmen einer Ausbildung "hugs for free" angeboten haben, habe ich mich an das Erlebnis bei meinem Zahnarzt erinnert.

Mittlerweile war ich in einer festen Beziehung und glücklich. Und eigentlich ging es bei der Ausbildung um eine Präsentation zum Thema Mediation und Konfliktmanagement. Aber der Stand, an dem die kostenlosen Umarmungen verteilt wurden, hatte Hochkonjunktur.  „Anderen geht es scheinbar auch so“, habe ich mir damals gedacht und am Ende der Präsentation haben sich der Reihe nach alle umarmt.

Schnell war eine Art Spiel daraus geworden, die ganze Gruppe hat gelacht und in meiner Erinnerung war das einer der schönsten Tage unserer gemeinsamen Ausbildungszeit. 

Umarmungen können innere Blockaden lösen

Und auch danach ist mir das Thema Berührung und die Möglichkeit, sich von etwas berühren zu lassen, immer wieder begegnet. Ein paar Jahre später sollte ich während eines Praktikums im Krankenhaus eine Patientin zu einem Spaziergang begleiten. Ihr Mann war vor einiger Zeit gestorben und sie war innerlich wie erstarrt. Und obwohl uns im Rahmen der Ausbildung beigebracht wurde, dass körperliche Berührungen im professionellen Umgang ein No Go sind, habe ich einen Moment lang die Hand auf ihren Rücken gelegt, als wir nebeneinander auf der Parkbank saßen. In dem Moment hat sich etwas in ihr gelöst und sie konnte zum ersten Mal seit langer Zeit weinen. Das war mehr, als sie in den Wochen davor in unzähligen Therapiesitzungen erreicht hatte. 

Gesprochen haben wir damals nicht darüber. Nachdem sie aufgehört hatte zu weinen, habe ich sie zurück in ihr Zimmer begleitet und sie danach nie wieder gesehen. 

Heute bin ich der festen Überzeugung, dass Berührungen etwas sind, was viel zu oft zu kurz kommt. Denn jenseits der Bussi-Bussi-Freundschaften ist eine echte Umarmung etwas, was man nirgends kaufen kann.

Wenn mein Mann und ich uns gleich morgens nach dem Aufstehen das erste Mal umarmen, muss ich an Virginia Satir denken. Die US-amerikanische Familientherapeutin war der Ansicht, dass jeder Mensch pro Tag vier Umarmungen braucht, um zu überleben. Um zu leben, brauchen wir allerdings täglich acht Umarmungen. Man beachte den feinen Unterschied. Und um zu wachsen, brauchen wir täglich zwölf Umarmungen. 

Im Zweifel umarme ich meine Hunde

Gerlinde Ullmann (49) ist Mediatorin und psychologische Beraterin. Sie hat ihre Praxis in Wien und ihren Lebensmittelpunkt im Waldviertel. Seit sie vor einiger Zeit das Schreiben für sich entdeckt hat (und auch mutig genug ist, es zu tun), veröffentlicht sie Kurzgeschichten in Zeitschriften und bei einer Online-Beratung.

Trotzdem sind Berührungen immer noch etwas, was kaum jemanden leicht fällt. Wir machen den Rücken steif, wenn uns jemand zu nahe kommt. Oder wir halten die Wange hin, damit der andere ganz gezielt an uns vorbei küssen kann. Manchmal ist das ja ganz gut, allerdings bin ich mittlerweile dazu übergegangen, dass ich Menschen, von denen ich weder geküsst noch umarmt werden will, gnadenlos die Hand hinstrecke. Damit ist klar, dass ich Abstand brauche und keinen Wert auf oberflächliches Getue lege.

Dafür gönne ich mir im Gegenzug den Luxus, Menschen, die ich wirklich gern habe, oft und gerne zu umarmen. Inzwischen bin ich sogar mutig genug, nicht mehr auf eine Einladung zu warten, sondern einfach nachzuspüren, was für mich und die andere Person stimmig ist. Das ist gar nicht so schwer und ich habe mich noch nie getäuscht. 

Ich habe noch nicht mitgezählt, aber wenn ich an manchen Tagen rein intuitiv nicht auf das notwendige Pensum komme, umarme ich eben meine beiden Hunde. Ich gebe zu, an manchen Tagen müssen die ganz schön was aushalten. 

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