"Ich arbeite meinem Kind zuliebe"

Aus eigener Erfahrung weiß Rebecca M., dass es nicht gut ist, den Kindern zuliebe zu Hause zu bleiben. Sie hat daher beschlossen: Sie will Mutter sein und einen Job haben - zum Wohl ihrer Tochter.

Rebecca M., 32, ist vor wenigen Wochen mit ihrer Familie aus Madrid zurückgekehrt, wo sie wegen des Jobs ihres Partners 14 Monate gelebt hat. Jetzt wohnt sie wieder in Hamburg und promoviert im Fach Kulturwissenschaften in Lüneburg.

Viele Mütter stellen sich noch immer und unabhängig von ihrer finanziellen Situation die Frage, ob sie ihren Kindern gerecht werden, wenn sie arbeiten und nicht jede denkbare Minute für sie da sind. Sie haben Angst, dass sich ihre Kinder vernachlässigt fühlen und darunter leiden.

Aber wer weiß eigentlich wirklich, was Kinder brauchen? Und wer sagt, dass man nur Mutter werden darf, wenn man acht Stunden am Tag im Sandkasten mit Baggern spielen kann? Wer sagt, dass es in jedem Fall besser für Kinder ist, wenn man ihnen sein ganzes Leben widmet?

Ich bin Tochter einer nicht arbeitenden und mit den Jahren alkoholkrank gewordenen Mutter aus einem wohlhabenden Hamburger Stadtviertel und denke, dass es für Kinder nichts Besseres gibt als ausgeglichene und glückliche Eltern. Auch wenn das heißt, dass beide berufstätig sind.

Ich habe mir immer gewünscht, meine Mutter wäre berufstätig oder hätte zumindest eine gleichwertige, verantwortungsvolle Aufgabe, die sie erfüllen und zeitlich einnehmen würde. Arbeit ist sicherlich keine Pauschallösung, aber sie hätte unsere Situation deutlich verbessert. Die große Liebe meiner Mutter allein hat in unserem Fall nicht gereicht.

Das heißt nicht, dass Mütter, die es sich finanziell leisten können, mit ihren Kindern zu Hause zu bleiben, automatisch Gefahr liefen, alkoholkrank zu werden oder etwa die schlechteren Mütter seien. Im Gegenteil: Ich finde es jedes Mal unheimlich schön und zugleich in heutigen Zeiten fast schon überraschend, wenn mir Mütter erzählen, dass sie in der Erziehung ihrer Kinder den Auftrag ihres Lebens gefunden haben.

Diese Mütter, die mit größter Leidenschaft ihr Leben den Kindern widmen, sind die besten Mütter für ihre Kinder. Aber es kann unter Umständen, neben den vielen Vorteilen für Mutter und Kind, auch Gefahren in sich bergen, wenn man aus Liebe zu seinen Kindern und nicht aus tatsächlicher Überzeugung sein Berufsleben aufgibt.

Eine ernstzunehmende Gefahr sind Depressionen. Menschen, die nicht arbeiten, das aber eigentlich gern tun würden, haben ein deutlich höheres Risiko an Depressionen zu erkranken als arbeitende Menschen. Es bleibt eben viel Zeit zum Nachdenken. Das Leid eines in solchen Verhältnissen aufwachsenden Kindes ist groß.

Die Gefahr von Übermutterung ist eine weitere. Manche Kinder müssen und dürfen keinen Schulweg allein gehen und bis zum Alter von Zwanzig keine Waschmaschine selbst anstellen. Man hat ja Zeit. Das Resultat sind Fünfzehnjährige, die von der Schule nicht nach Hause finden und erst im Uni-Alter lernen, ihre Wäsche zu waschen.

Eine unangemessene Kontrolle nimmt den Kindern jeglichen Raum für freie Entwicklung. Und als einziges Lebensprojekt eines Menschen zu fungieren - diese Vorstellung ist spätestens im Erwachsenenalter erschreckend. Was, wenn Erwartungen der Eltern unerfüllt bleiben?

Ohne eine berufliche oder andere herausfordernde Aufgabe bildet der Auszug der Kinder dann manchmal auch den Anfang vom Ende einer Ehe, weil mit dem Nachwuchs oftmals auch der letzte Gesprächsinhalt zwischen den Ehepartnern buchstäblich auszieht.

Dabei werden Mütter, die nie wieder in den Beruf finden oder wollen, von ihren erwachsenen Kindern oft nicht vollends ernst genommen. Das Aufgeben eigener Wünsche dankt einem keiner, vor allem die Kinder nicht. Kinder werden anspruchsvoller und würden gern ihr ganzes Leben von ihren Eltern lernen. Umso besser also, wenn man ihnen auch beruflich ein Vorbild sein kann.

Die Liebe zu den Kindern kann nicht daran gemessen werden, wie sehr man sein berufliches Leben für sie aufgibt. Denn was daraus resultiert, kann viel schlimmer sein als eine Kindheit mit zwar - vielleicht sogar in Vollzeit - arbeitenden, dafür aber glücklichen Eltern. Vielleicht sind sie nicht rund um die Uhr physisch, dafür aber mit ganzem Herzen und vollem Verstand bei den Kindern.

Ich bin Mutter einer Dreijährigen und bin zu Hause geblieben, bis heute. Zeitgleich promoviere ich. Ich kann drei Stunden mit Baggern spielen, aber den Rest der Zeit spielt meine Tochter mit ihren Freunden im Kindergarten oder allein, während ich schreibe. Wir verstehen uns blendend.

Die beste Mutter für ihr Kind ist die, die glücklich ist und ihr Kind liebt. Aber als Tochter einer nicht arbeitenden Mutter werde ich arbeiten - meiner Tochter zuliebe.

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