"Du bist überall": Mein Brief an die verstorbene Frau meines Partners

Der Partner von BRIGITTE.de-Leserin Sophie* ist verwitwet. Doch seine verstorbene Frau ist auch nach sechs Monaten Beziehung noch überall präsent. Nun hat Sophie ihr einen Brief geschrieben. 

Liebe Susanne,

ich habe dir deinen Mann geklaut! Ich habe ihn dir weggenommen, obwohl du nicht mehr bei ihm sein kannst. Zumindest nicht körperlich, auf dieser Welt. Doch deine Energie ist überall vorhanden. Ich spüre sie in jeder Ecke deines Hauses, in jedem Winkel deines Gartens, in jeder Pore deiner Kinder, ich spüre sie in deinem Mann.

Jedes Mal, wenn ich dein Haus betrete, fühle ich mich wie ein Eindringling. Du bist so präsent, ich fühle mich beobachtet und rechne damit, dass du gleich um die Ecke kommst.

Deine Urne auf dem Schrank im Flur erinnert mich greifbar daran, dass dies nicht mein Zuhause ist. 

Noch deutlicher aber tut dies euer großes Familienfoto über dem Esstisch. Es sagt mir: Hier wohnt diese Familie! Nicht du!

Und es ist doch wirklich egoistisch, sich zu wünschen, es würde nicht da hängen. Sich zu wünschen, dass nicht beim Frühstück dieses Mahnmal über mir schwebt. Ich habe schon verschiedene Plätze am Tisch ausprobiert. Entweder du starrst mich vorwurfsvoll von vorne an, oder deine Blicke sitzen mir im Nacken. 

Du bist gestorben und es ist dein Recht, noch dazu zu gehören, nicht vergessen zu werden. Es ist das Recht deiner Familie, sich an dich zu erinnern. 

Doch egal, was ich tue in diesem Haus, es fühlt sich verboten an. Ich benutze deine Küche, deine Dusche, deinen Garten, schlafe mit deinem Mann! Letztens habe ich deinen alten, verrosteten Gurkenschäler weggeworfen. Entschuldige. Ich habe noch heute ein schlechtes Gewissen: Ich habe eine Erinnerung an dich vernichtet. 

So geht es mir mit vielen Dingen, die mich stören. Sind es persönliche Dinge von dir? Sind sie wichtig für deine Familie? Darf ich sagen, dies und jenes gefällt mir nicht? Ich fühle mich wie gelähmt in deinen Energien.

Wärst du die Ex-Frau, zickig, eifersüchtig oder streitsüchtig- ich hätte kein Problem mit dir. Aber das alles bist du nicht. Du bist die liebende Mutter, das Herz der Familie, die Frau des Mannes, der dich jahrzehntelang geliebt hat.

Dass du nicht mehr hier bist, war keine freiwillige Entscheidung. Du wurdest dieser Welt durch eine heimtückische Krankheit genommen. Niemand ist böse auf dich, alle vermissen dich schmerzlich. Und wenn mich nur ein kleiner Hauch negativer Gefühle überkommt, dann schäme ich mich dafür. Solche Gefühle sind nicht zulässig. Nicht einer Verstorbenen gegenüber. Aber vielleicht sind sie nur menschlich? 

Wie soll ich mich denn fühlen? Wie soll ich mich einfinden in einer Familie, die dich so schmerzlich vermisst?

Was ich auch mache, es kann eigentlich nur falsch sein. Versuche ich nett zu deinen Kindern zu sein, wirkt es vielleicht so, als würde ich deine Position einnehmen wollen. Dabei wissen wir beide nur zu gut, dass das niemals möglich wäre. DU warst, bist und bleibst ihre Mama. 

Deine Tochter lässt mich deutlich spüren, dass sie keine andere Frau an der Seite ihres Vaters duldet. Sie verteidigt deine Position. Ihr Bruder zeigt sich solidarisch und geht auf Distanz zu mir. Ich weiß, dafür muss man Verständnis haben. Jede andere Frau an der Seite deines Mannes hätte höchstwahrscheinlich diese Emotionen ausgelöst. Aber ich bin nun mal der personifizierte Grund für diese Probleme. Ich habe diese Gefühle ausgelöst! Das und die damit verbundene Ablehnung schmerzen mich. 

Ich weiß, du wolltest nicht, dass Max alleine bleibt. Ihr habt viel geredet, es gemeinsam so beschlossen. Es ist in deinem Sinne. Aber ist es wirklich in Ordnung für dich? Ist es in Ordnung für ihn?

Fühlt es sich für ihn nicht auch ein wenig wie ein Verrat an dir an? 

Liebe Susanne, ich respektiere dich, ich bewundere die Stärke, mit der du gegen deine Krankheit gekämpft hast, wie du dich um deine Familie gekümmert hast, über deinen Tod hinaus.

Aber ich wünsche dir und mir, dass du deinen Frieden findest, dass Max dich in positiver Energie gehen lassen kann, und dass ich einen Weg finde, mit dem Wissen um dich zu leben, aber nicht mit dir. Denn das kann ich nicht.

Herzlichst, 

deine Sophie!

*Name ist der Redaktion bekannt

"Du bist überall": Mein Brief an die verstorbene Frau meines Partners

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