Alltag einer deutsch-arabischen-Familie - "Die ist ja nett und trägt kein Kopftuch!"

Papa verfärbt die Wäsche, Mama ist keine Sterneköchin und die Tochter bringt mit der Matheklausur alle um den Schlaf: Die Familie von Iris Ibrahim ist wie jede andere auch. Mit dem Unterschied, dass Iris gebürtige Deutsche ist und ihr Mann Palästinenser. Wie das im Umfeld immer wieder für Irritationen sorgt, erzählt die Rheinländerin in der Leserkolumne "Stimmen".

Iris Ibrahim, 51, liebt das Theater und liest für ihr Leben gern. Sie ist seit 29 Jahren verheiratet, lebt mit ihrer Familie in Bonn und arbeitet in Köln bei einer privaten Krankenversicherung.

Frei nach dem Motto "Jeder Jeck ist anders" gelten die Rheinländer als ein kontaktfreudiges und tolerantes Völkchen. Nur das Verhältnis zwischen Kölnern und Düsseldorfern wird auf eine harte Probe gestellt - aber das ist eine andere Geschichte.

Entspannt geht man mit Ehen unterschiedlicher Herkunft um. Münchner und Hamburger sind okay. Auch Franzosen und Italiener stellen kein Problem dar. Die sind ja fast wie "wir". Aber muss es ausgerechnet ein Araber sein? Und dazu auch noch ein Moslem. Und das, "obwohl ich doch einen Deutschen abbekommen hätte" (Zitat). Hätte ich das mal früher gewusst...

Dabei sind wir eigentlich eine ganz normale Familie. Mutter-Vater-zwei-Kinder. Die bevorstehende Matheklausur unserer Jüngsten, die auch mit 17 Jahren noch unsere "Kleine" ist, treibt uns den Angstschweiß auf die Stirn und sorgt für schlaflose Nächte. Die Frage, ob man - und vor allem wer - mal wieder sein Zimmer aufräumen sollte, kann von existentieller Bedeutung werden. Das Problem, wer den Esstisch abdeckt und den Geschirrspüler einräumt ("Oh nö, der muss ja auch noch ausgeräumt werden!") führt zu heftigen Diskussionen, die manchmal mit einer äußerst diktatorischen Entscheidung enden.

Mein Mann schmeißt gerne die Waschmaschine an, wobei das rote T-Shirt - zugegebenermaßen äußerst kreative - Muster auf den weißen Blusen hinterlässt. Auf der anderen Seite würden uns meine Kochkünste wahrscheinlich schnell den Hungertod erleiden lassen.

Shoppen mit den Mädels, gemeinsame Theaterbesuche, ein gemütlicher Fernsehabend - alles keine ungewöhnlichen Aktivitäten also. Der unangefochtene Chef der Familie ist unsere Katze. Keine kann so arrogant aussehen und einen mitten in der Nacht mit durchdringendem Miauen dazu bringen, aufzustehen und schlaftrunken in der Wohnung herumzutorkeln, um doch noch ein paar Leckerlis für sie zu finden. Welche Rasse? Natürlich ein Mix aus einer Perser- (nein, keiner Araber-) und einer deutschen Hauskatze. Was sonst!

Wir haben uns nie Gedanken darüber gemacht, dass wir eine "binationale" Familie sind. Wir sind einfach eine Familie, die gemeinsam durch dick und dünn geht. Natürlich gibt es auch Streit, aber der beruht nie darauf, dass mein Mann und ich aus verschiedenen Ländern stammen. Manchmal schleicht sich bei uns aber das Gefühl ein, dass wir in den Augen anderer doch nicht so ganz "normal" sind.

Im Land der Dichter und Denker (wobei ich mich manchmal frage, wohin die gerade ausgewandert sind) wird unser Name gerne phantasiereich abgewandelt. Da wird aus Ibrahim schon mal Abraham, Ibraham, Abrahim oder Himi.

Mein Familienname führt bei Telefonaten manchmal zu falschen Rückschlüssen. Ich freue mich natürlich, wenn mir deutsche Gesprächspartner anerkennend bestätigen, dass ich sehr gut Deutsch spreche. Das Kompliment gebe ich in der Regel gern zurück.

"Gruselig" (O-Ton meiner Tochter) werde ich allerdings, wenn ich von einer Lehrerin einer "Schule ohne Rassismus" eine Mail mit dem Unterton "Du Ausländer - Du doof!" erhalte. Apropos Schule: Gespräch meiner Tochter mit einer Mitschülerin: "Sprecht ihr zu Hause nur Türkisch?" "Warum? Ich kann überhaupt kein Türkisch. Mein Vater ist Araber." "Aber du heißt doch Ibrahim". "Ja." "Also sprecht ihr doch Türkisch!!!" Ganz im Vertrauen: Wir sprechen zu Hause nur Alt-Griechisch.

Meine jüngere Tochter, die sich über einen sehr dunklen Hautton freuen kann (ich gehe eher als "Schneekönigin" durch), wurde von einer Mitschülerin erklärt, dass ich ja gar nicht ihre Mutter sein könne. "Die ist ja nett und trägt kein Kopftuch!" Im Restaurant wird meine Tochter dann auch eher für die Tochter des griechischen Besitzers gehalten als mir zugeordnet. Ich glaube, ich sollte doch mal auf die Sonnenbank gehen!

In Deutschland besteht leider oft der Drang, alles genau einordnen zu müssen. Das macht auch vor unserer Familie nicht halt. Nun passen schon mein Mann und ich nicht in die gängigen Vorstellungen, da muss doch wenigstens für die Kinder etwas gefunden werden! Meine Töchter werden daher des Öfteren gefragt, was sie denn seien. Die Antwort "Menschen" irritiert die Fragenden dann doch etwas. Die Aussage "Mutter: Deutsche, Vater: Palästinenser" führt wiederum zu der Gegenfrage: "Geht das denn?". Meine jüngere Tochter ist jetzt zu dem Schluss gekommen, dass sie eine "DeuPä" ist. Natürlich gibt es auch von arabischer Seite Besonderheiten.

Als vor Jahren mein Mann seiner Mutter mitteilte, dass sich bei uns Nachwuchs einstellen wird, folgte prompt die Antwort: "Hoffentlich wird es ein Junge!" Mein Mann: "Ich hoffe, es wird ein Mädchen!" - Stille am anderen Ende der Leitung.

Kennen Sie das? Sie sind im Urlaub und möchten sich vom Alltagstrubel erholen. Ein gutes Buch lesen oder einfach nur vor sich hinträumen. Dann sollten Sie keine arabische Familie besuchen! Man wird dort sofort bemerken, wenn Sie sich in ein Zimmer zurückziehen oder auch nur daran denken. Sofort wird die gesamte Familie von Panik erfasst. Nachdem zum gefühlten 100. Mal die Zimmertüre vorsichtig geöffnet wird, ein Kopf erscheint und sie mitfühlend gefragt werden, ob alles in Ordnung sei, geben Sie auf und stellen sich wieder dem Familientrubel.

Neben dem ganz normalen Familienleben gibt es allerdings doch ein Ereignis, das regelmäßig eine binationale Krise auslöst: Weihnachten! Um ausufernde Diskussionen in der Öffentlichkeit zu vermeiden, kauft mein Mann den Weihnachtsbaum nach dem Motto "Baum ist Baum" allein. Sache erledigt - denkt er. Beim Anblick des guten Stücks zu Hause komme ich dann ins Spiel. Ich versuche sehr einfühlsam, konstruktive Kritik zu äußern. Meistens beginnt das mit dem Ausruf: "Was ist das denn für eine Krüppeltanne!". Der Baum ist schief, die Zweige stehen zu eng beieinander oder alternativ auch zu weit auseinander. Der Baum nadelt schon und überhaupt... Männer können ja bekanntlich schlecht mit Kritik umgehen und so endet unsere Diskussion dann seinerseits mit einem ziemlich scharfen und bedrohlichen: "Dann kauf den Baum doch nächstes Jahr selbst!" Mache ich natürlich nicht!

Zu einer Zuspitzung der internationalen Lage kommt es beim Anbringen der Lichterkette. Ab einem gewissen Zeitpunkt trete ich lieber den taktischen Rückzug an. Heiligabend ist die Krise dann regelmäßig wieder beigelegt und die gesamte Familie genießt den Abend in gemütlicher Runde - wie die meisten Familien eben.

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