"Ich ließ mir die Brüste abnehmen - und fühle mich weiblicher denn je!"

Sigrid Leis-Püschel stand vor einer schweren Entscheidung: Lasse ich eine Brustamputation machen? Oder riskiere ich es, an Brustkrebs zu sterben? In der Leserkolumne "Stimmen" erzählt sie von dem Gentest, der ihr Leben veränderte.

Sigrid Leis-Püschel, 46, lebt in Freiburg im Breisgau, ist verheiratet und hat eine Tochter, 23, die wie sie den Gendefekt BRCA 1 hat. Leis-Püschel arbeitet als Friseurmeisterin, geht gern wandern und liebt Nähen und Stricken.

November 2007, Diagnose Brustkrebs. Mein Leben wurde von einem Tag auf den anderen auf den Kopf gestellt. Ich änderte alles, sortierte Freunde aus, die mir nicht gut taten, begann, alles mit anderen Augen zu sehen. Als die Krankheit überstanden war, dachte ich mir: So schlecht die Diagnose war, so gut war sie, um ein neues Leben anzufangen. Aber ich dachte auch: Vielleicht sollte ich einen Gentest machen lassen. Schließlich waren in meiner Familie mütterlicherseits noch zwei Cousinen an Brustkrebs erkrankt. Trotzdem verwarf ich den letzten Gedanken schnell wieder, nach dem Motto "Was ich nicht weiß, macht mich nicht heiß".

Im Juni 2011 bekam meine Mutter die Diagnose Eierstockkrebs. Wieder dieser Gedanke, wieder drängte ich ihn weg. Bis meine 23-jährige Tochter es wissen wollte. So ging ich mit ihr zur Humangenetischen Beratungsstelle. Dort entschied auch ich mich dazu, es doch zu tun: Ich ließ mich testen. Zuerst erstellte ich mit der Ärztin eine Familienanamnese, einen Art Stammbaum, an dem man erkennt, wie viele Familienmitglieder schon an Brust-, Eierstock- oder Prostatakrebs erkrankt sind. Ein Computerprogramm wertet diesen aus, das Ergebnis ist die Basis für einen Gentest.

Ein paar Wochen später bekam ich es: Da stand, dass ich zu 85 Prozent an Brustkrebs und 45 Prozent an Eierstockkrebs erkranken würde. Ich hatte natürlich gehofft, dass der Prozentsatz nicht so hoch ist, daher ging es mir nach dem Ergebnis schlechter, als ich vorher gedacht hätte. Vielleicht zeigt der Bluttest ja, dass sie sich geirrt haben, hoffte ich.

Drei Monate später, Anfang Januar, wir hatten meine Mutter erst vor drei Tagen beerdigt, kam der Anruf vom Arzt: Das Ergebnis wäre jetzt da und, ja, es sei so, ich hätte den Gendefekt BRCA 1. Als wir noch am selben Tag beim Arzt saßen, meine Tochter, die das gleiche Testergebnis hatte, und ich, war ich sehr entspannt. Ich war selbst überrascht, wie gelassen ich die Nachricht hinnahm. Vielleicht stand ich unter Schock, vielleicht war es einfach zu viel, der Tod meiner Mutter und das Ergebnis. Vielleicht hatte ich aber auch genug Zeit gehabt, mich ein wenig an den Gedanken zu gewöhne.

Worüber ich in den drei Monaten auch viel nachgedacht hatte: Was tue ich, wenn ich den Gendefekt wirklich habe? Gehe ich den nächsten Schritt? Für mich war klar, ja, ich gehe ihn, denn einfach damit weiterleben, das könnte ich nicht. Zuerst ließ ich mir die Eierstöcke entfernen, nur sechs Wochen später, ich wollte sie einfach nur noch loswerden. Nach zwei Tagen war ich wieder zu Hause. Erleichtert, aber auch ganz schnell in den Wechseljahren, die nun einsetzten, mit Schlaflosigkeit, Hitzewallungen und allem, was dazu gehört. Ich versuchte, dem nicht so viel Raum zu geben - das Gefühl, keine Angst mehr haben zu müssen, überwog.

Da das Brustkrebsrisiko auf 45 Prozent sinkt, wenn man keine Eierstöcke mehr hat, wollte ich mir für die Amputation der Brüste mehr Zeit lassen. Und doch war jeden Morgen mein erster Gedanke: Bist Du noch gesund oder ist da wieder was? Ich begann, meine Brüste zu hassen, wollte sie nicht mehr berühren oder von meinem Mann berühren lassen. Ich hatte keine Lust mehr auf Sex, weil die Angst ständig da war, man könnte wieder etwas in meinem Busen ertasten. Meine Brüste waren meine Feinde geworden. Ich nahm zu, wurde jeden Tag unglücklicher. Ich hatte schlicht nicht damit gerechnet, dass ich nach dem Ergebnis des Gentests nun noch mehr Angst hätte. Davor, wieder an Brustkrebs zu erkranken. Alle drei Monate Brustultraschall, jedes halbe Jahr zur Mammographie, ständig daran denken zu müssen, wieder einen Termin zu machen für die nächste Nach- oder Vorsorge. Der Brustkrebs bekam in meinem Leben wieder ein Gesicht, er machte sich in meinen Gedanken breit. Das wollte ich nicht mehr.

Zwei Monate später ging ich daher zu einer Beratung bei einem Plastischen Chirurgen. Er riet, mit Eigenfett meine Brüste wieder aufzubauen, bei einer bestrahlten Burst könnten sich Implantate verkapseln, meinte er. Diese OP aber hätte zwölf bis vierzehn Stunden gedauert, ob das verpflanzte Gewebe wirklich nicht abgestoßen wird, konnte mir keiner beantworten, und auch drei Monate warten zu müssen, bis ich wieder arbeiten gehen könnte, wollte ich nicht.

"Wie wäre es, mir einfach meine Brüste entfernen zu lassen und gut ist?" fragte ich meine Frauenärztin. "Dann hätte ich zwar keine Brüste mehr, aber wäre auf jeden Fall gesund." Sie empfahl mir stattdessen einen Plastischen Chirurgen, der auch Plantate einsetzt, wenn er es für machbar hält.

Als ich bei ihm war und sein Votum positiv ausfiel, war alles stimmig für mich und ich vereinbarte noch am selben Tag den OP-Termin. Drei Monate später war ich wieder in der Klinik, ließ mir die Brustdrüsen und Brustwarzen entfernen. Dafür bekam ich Expander unter den Brustmuskel. In die wurde jede Woche ein bisschen mehr Kochsalzlösung gefüllt, bis es nach einem Monat hieß: Ausgangsgröße wieder erreicht.

Schon unmittelbar nach der OP war ich einfach nur glücklich. Endlich ist der Dreck weg, dachte ich. Ja, das klingt nicht schön, aber mit dem Gedanken an Brustkrebs leben zu müssen, war noch viel weniger schön. Es war wie bei "Und täglich grüßt das Murmeltier", jeden Morgen ist er wieder da, ich stehe mit ihm auf und gehe mit ihm ins Bett, egal, was ich tue.

In ein paar Monaten werden die Expander entfernt, die eigentlichen Implantate eingesetzt und die Brustwarzen rekonstruiert. Darauf freue ich mich. Aber ich fühle mich schon jetzt mehr denn je als Frau. Ich habe wieder Lust, begehrt und berührt zu werden. "Jetzt will ich mir ein schönes Kleid kaufen", habe ich zu meinem Mann gesagt, "ich will wieder Frau sein". Es gab niemanden, der mich hätte beeinflussen können, es nicht zu tun. Ich habe es ganz allein für mich entschieden. Meinen Mann fragte ich erst, wie er meine Entscheidung fände, als ich diese längst getroffen hatte. Er fand sie gut, er stand und steht die ganze Zeit hinter mir, wofür ich ihm sehr dankbar bin. Nur eine Freundin meinte, sie würde es nicht tun, sie würde ihre Weiblichkeit nicht verlieren wollen. Aber, wie schon erwähnt, ich fühle mich weiblicher denn je.

Meine Brüste sind zwar nicht echt, aber, als netter Nebeneffekt, viel schöner und ich brauche noch nicht mal einen BH. Wenn ich 70 bin und alles erschlafft, kann ich sagen, meine Brüste hängen nicht und wer kann das schon? Mir geht es gut. Ich weiß noch immer nicht, was noch kommt oder was auch nicht kommt, aber es ist schön, sich als Frau wieder zu lieben.

KORREKTUR: Wir haben den Vergleich mit Angelina Jolie aus dem Vorspann herausgenommen, weil er so nicht zutreffend war. Anders als Sigrid Leis-Püschel hat sich Angelina Jolie keiner kompletten Brustamputation unterzogen, sondern einer Mastektomie, bei der beide Brustdrüsen entfernt wurden.

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