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#neueoffenheit "Ich habe mich von meinen Silikonbrüsten befreit"

Samira (32) wollte den perfekten Körper - heute weiß sie, dass sie ihn bereits hat
Samira (32) wollte den perfekten Körper - heute weiß sie, dass sie ihn bereits hat
© privat
BRIGITTE.de-Leserin Samira (32) hatte sich Silikonbrüste implantieren lassen, um sich weiblicher zu fühlen - bis sie begriff, dass diese sie krankmachten. Die Geschichte einer Befreiung.

Nervös warte ich im OP-Kittel, ich bin die erste Patientin an diesem Tag. Die Ärztin meiner Wahl ist eine der wenigen Chirurginnen, die die Implantate samt Kapsel entnehmen, "en bloc" nennt man das. Bei der Entnahme samt Kapsel wird verhindert, dass sich der Biofilm, der sich zwischen Implantat und Kapsel gebildet hat, in den Körper ergießt. Das kann gesundheitsschädlich sein.

Ich werde in den OP-Saal geschoben, Tränen laufen über meine Wangen – sie sind ein Ventil für all die angestauten Emotionen, die Anspannung der letzten Zeit. Ich bin hier, es wird geschehen.

Meine zwei starren, harten und unverrückbaren Hügel, auf die ich ein letztes Mal herunterschaue, werden gleich weg sein.

Ich weiß noch genau, wie ich mich bei der ersten OP fühlte. Sie erschien mir als Lösung, die Silikonbrüste würden mich vollkommener, endlich weiblicher machen. Danach würde ich von mir als Frau sprechen können.

Neun Jahre später liege ich nun hier, denn meine Meinung hat sich komplett geändert. Das OP-Team kümmert sich liebevoll um mich und endlich schlafe ich ein. Ein paar Stunden später und um 770 Gramm Silikon leichter finde ich langsam wieder den Weg aus der Narkose. Ich schaue auf meinen Brustkorb. Er ist fest eingepackt in ein dickes Korsett aus Watte und Binden.

Ich war jahrelang erschöpft gewesen

Die OP war schwieriger als erwartet, sagt meine Ärztin. Mein Körper hatte stark auf die Implantate reagiert und nicht nur eine, sondern zwei Kapseln drumherum gebildet. Die OP musste kurz vor der kompletten Entfernung abgebrochen werden, da die Wunde an der rechten Brust zu stark blutete. Die Blutung deutete darauf hin, dass dort eine Entzündung war. Auch die Entzündungswerte waren sehr hoch, dabei hatte ich nie etwas davon gemerkt. Die rechte Brust hatte sich zwar verformt und nach oben gezogen, war aber nie heiß oder geschwollen gewesen.

Endlich hatte ich eine Erklärung für die letzten Jahre. Jahre, in denen ich mein Leben durch einen Schleier der Erschöpfung wahrgenommen hatte. In denen ich morgens aufstand und schon nach wenigen Minuten wieder ins Bett zurückkriechen wollte. Egal, wie viel ich schlief, egal, wie viel Kaffee ich in mich hineinschüttete, ich war nie richtig fit und wach. Klar, als junge Mutter ist man halt müde und erschöpft, sagte ich mir, das würde sich noch legen. Oder war ich einfach besonders empfindlich? Waren es aus dem Gleichgewicht geratene Hormone? War es der zu niedrige Eisenwert? Fehlender Sport?

Ein Bericht über "Breast Implant Illness" brachte mich auf die richtige Spur

Die Suche nach einer Antwort begleitete mich seit der ersten Schwangerschaft vor fünf Jahren. Darauf, dass meine Brust die Ursache war, wäre ich niemals von alleine gekommen. Erst ein zufällig entdeckter Bericht im Internet über BII - Breast Implant Illness - brachte mich auf die richtige Spur. Ich begann direkt mit der Recherche über diese Krankheit, für die Betroffene noch um Anerkennung kämpfen. Ich war schockiert, als ich von den vielfältigen Symptomen las, manche Frauen wurden sogar arbeitsunfähig: Neben Haarausfall, Schwindel, Gelenkschmerzen und chronischen Nasennebenhöhlenentzündungen stieß ich auch auf Erschöpfung und Müdigkeit.

Hinzu kam: Seit der Geburt meines ersten Mädchens hatte mich die Frage beschäftigt, wie ich diesen kleinen Menschen und seinen Körper perfekt finden und meinen eigenen bemängeln konnte.

Auch die Freude, die meine Töchter mit und durch ihren Körper erfuhren, ließ mich über mein Verhältnis zu meinem eigenen Körper nachdenken.

Das Kapitel der Selbstliebe und -akzeptanz war schon weit vorangeschritten, als ich nun auch den möglichen gesundheitlichen Faktor meiner Implantate in die Waagschale geworfen sah.

Die Ursache für meine Erschöpfung lag in meinen Brüsten

In der Hoffnung, die Wurzel meiner Erschöpfung gefunden zu haben, schaffte ich es in nur sieben Monaten auf den OP-Tisch. Nach weiteren acht Wochen waren die Wunden verheilt und die Entzündung war abgeklungen. Der Bluttest bestätigte, dass keine Entzündungen mehr vorhanden waren, aber mein Eisenwert war durch den Blutverlust bei der OP im Keller. Ich hätte nun allen Grund, müde zu sein, sagte der Arzt. Ich lachte und freute mich über den Zufall, der mich auf die richtige Fährte gebracht hatte. Ich hatte die Ursache für meine Erschöpfung in meinen Silikonbrüsten gefunden.

Mein Körper ist ein Wunderwerk und ich bin unendlich dankbar, dass er mir diesen Eingriff verzeiht und mich wieder ich selbst sein lässt.

Ich sehe wieder aus wie vor der Implantierung, und vor allem fühle ich mich wieder wie früher. Ich hatte ganz vergessen, was für ein Energiebündel ich bin. Wie viel Kraft und Geduld ich für meine Kinder haben kann. Zwar litt ich zum Glück nicht an BII, aber die Implantate hatten mich trotzdem krankgemacht.

Was nehme ich aus dieser Erfahrung mit? Zwei schöne Narben auf meinem Brustkorb, die langsam verblassen, und einen gesunden Körper, dessen Wert mir nun bewusst ist. Diese Erkenntnis verschonte mich zwar nicht von der Trauer über die verlorene, idealisierte Körperform, aber auch diese habe ich überwunden. Ich werde meinen Töchtern einmal von meinem Weg berichten und hoffe, dass sie die Freude an ihrem Körper - unvollkommen vollkommen wie er ist – immer behalten werden.

Brigitte

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