Mein Leben als Tochter einer Alkoholikerin

Als Kind dachte Anna, dass sie der Grund dafür sei, wenn ihre Mutter zu viel trank. Mit 26 Jahren weiß sie: Alkoholismus hat nichts mit Schuld zu tun. Aber leider noch sehr viel mit ihrem Leben.

Anna, 26, hat Soziologie und Geschlechterforschung studiert und bezeichnet sich als Feministin. Das Tabuthema Alkoholismus begleitet sie als Co-Abhängige schon ihr ganzes Leben lang. Dabei wundert sie immer wieder, dass Alkohol einerseits gesellschaftlich dazugehört und man sich erklären muss, wenn man mal nichts trinkt, man andererseits aber genauso außen vor ist, wenn man es übertreibt und zum Alkoholiker wird.

"Ich bin Alkoholikerin und muss in eine Klinik zum Entzug", sagte meine Mutter. "Ach was? Hast du endlich auch schon gemerkt, dass was nicht stimmt?", dachte ich.

Ich war 13 damals und brach erst einmal in Tränen aus. Aus Angst und Sorge, aber auch aus Erleichterung und Freude. Von da an dachte ich, dass alles gut werden würde, dass nun alles bergauf gehen würde, dass alles, was passiert war, der Vergangenheit angehören würde. Wie sehr ich mich irrte.

Meine Mutter trinkt, seit ich denken kann. Und seit ich denken kann, war da dieses Misstrauen. Sagt sie die Wahrheit, wenn sie mir versichert, nein, sie hätte nichts getrunken, oder lügt sie mich an? Aber wieso sollte meine eigene Mutter mir gegenüber unehrlich sein? Wenn sie sagt, sie ist nüchtern, dann ist sie es auch! Ist sie es? Aber wieso sollte sie etwas anderes sagen?

Weil das nun mal bei Alkoholikern so ist. Sie sind nicht generell unehrliche Menschen, aber wenn es um ihren Konsum und um die Verschleierung dessen geht, sind sie wahrhaft unglaublich gute Schauspieler. Hollywood wäre beeindruckt! Aber ich war es nicht. Ich sah es in ihren Augen, ich hörte es an ihrer Stimme, ich merkte es an ihren Bewegungen und nicht zuletzt: Ich roch es natürlich.

Trank sie wirklich oder bildete ich mir was ein?

Ich wusste einfach, wenn meine Mutter etwas getrunken hatte, und wenn es nur ein Schluck war. Darauf war ich konditioniert, seit ich ein Kleinkind war. Und doch: Sicher war ich mir nie, auch wenn ich mir sicher war. Ständig habe ich mich hinterfragt: "Was ist, wenn du nicht recht hast und sie damit konfrontierst?" - "Was ist, wenn es nicht stimmt und du nur paranoid bist?"

Heute weiß ich, ich war nie paranoid, ich hatte immer recht. Zumal sie, fragte ich nur konsequent genug nach, irgendwann zugab, dass sie getrunken hatte. Damals dachte ich, Druck würde helfen, man dürfe nichts tolerieren. Heute weiß ich, dass Druck überhaupt nichts bewirkt, allenfalls das Gegenteil.

Als meine Mutter 2002 aus dem Entzug kam, schien aber erst einmal alles in Ordnung. Sie hatte noch ein, zwei Rückfälle, im Alkoholiker-Jargon "Vorfälle", also einmalige Ausrutscher, die nur einen Tag andauerten, aber damit konnte ich umgehen.

Ich suchte Abstand zu meiner Mutter

Doch nach drei Jahren fing sie wieder an zu trinken und war seither nicht länger als ein paar Monate trocken. Es war ein ständiges Hin und Her: trocken, heimlich trinken, öffentlich trinken, Entzug, trocken, heimlich trinken... Als klar war, dass vollkommene Abstinenz nicht möglich für meine Mutter ist, hat sie es mit "kontrolliertem Trinken" versucht. Das heißt "normal" zu trinken, wobei hier die Frage aufkommt, was "normal" ist.

Manche finden jeden Tag zwei Bier nach Feierabend oder zwei Gläser Wein zum Essen normal, ich sehe da bereits eine gewisse Problematik. Aber auch das hat für meine Mutter nicht funktioniert, sie trank schnell wieder im Übermaß und nicht nur ich war ratlos. Als ich sich meine Eltern 2010 trennten, blieb ich bei meinem Vater und mittlerweile wohne ich gar nicht mehr zu Hause.

Der Abstand zu meiner Mutter tat mir gut, ich konnte Verantwortung abgeben und mich zunehmend abgrenzen. Wenn ich sie heute besuche, trinkt sie nichts, und wenn ich nicht da bin, dann muss mir egal sein, was sie tut.

Heute komme ich damit klar, dass sie trinkt

Konnte ich als Kind und Jugendliche noch nicht sehen, dass Alkoholismus eine (Rückfall-)Krankheit ist, weiß ich das mittlerweile und kann es akzeptieren. Ich habe verstanden, dass es keine Charakterschwäche ist, wenn sie nicht trocken bleibt, dass es verdammt hart ist, nicht zu trinken, wenn man sich über die Jahre antrainiert hat, dass es einem mit Alkohol zunächst einmal besser geht. Denn das war der Alkohol anfangs für meine Mutter: Es war ihr Versuch, sich selbst zu helfen.

So rational darüber denken kann ich erst, seit ich nicht mehr mit meiner Mutter unter einem Dach wohne. Es liegt vielleicht daran, dass ich älter geworden bin, vielleicht daran, dass wir mehr Abstand zueinander haben. Aber so wie es jetzt ist, ist es ganz in Ordnung. Ich komme damit klar, dass sie trinkt, so lange ich ihr nicht dabei zusehen muss.

Früher fühlte ich mich schuldig

Früher dachte ich, dass ich schuld bin, wenn sie wieder betrunken war, und der Umkehrschluss für mich war: Wenn ich nur ganz brav bin, sie nicht stresse und keine Schwierigkeiten mache, dann trinkt sie auch nicht mehr. Natürlich hat das nicht funktioniert, und wenn sie wieder getrunken hat, hieß das für mich lediglich, dass ich einfach noch nicht brav genug war und mich noch mehr anstrengen musste.

Dass das nicht lange gut ging, war abzusehen, noch heute kämpfe ich mit den Folgen und mache Therapie. Aber ich weiß mittlerweile, dass ich nicht schuld bin, dass niemand schuld am Alkoholismus meiner Mutter ist, beziehungsweise dass es nicht von Bedeutung ist, wer die Schuld trägt. Sie trinkt, weil sie krank ist.

Es geht mich nichts mehr an, wenn sie trinkt. Aber natürlich ist es mir nicht absolut egal. Da ist immer die Sorge: Was macht zuerst schlapp? Ihr Geist oder ihr Körper? Abstinenz hat nicht funktioniert, kontrolliertes Trinken auch nicht. Was ist also die Lösung?

Ein kleiner Teil in mir hoffte, sie würde sterben

Ich habe irgendwann versucht, mich mit dem Umstand anzufreunden, dass ich meine Mutter nur noch ein paar Jahre so als Mutter haben würde, wie ich sie jetzt habe. Entweder würde sich ihr Geist verabschieden und sie Alkohol-Amnesie (das sogenannte Korsakow-Syndrom) bekommen oder ihr Körper würde irgendwann nicht mehr funktionieren und sie qualvoll an einer Leberzirrhose sterben. Eine kleine Stimme in meinem Hinterkopf flüsterte mir dabei zu: "Dann ist es vorbei, dann hast du endlich Ruhe!" Ein schrecklicher Gedanke, aber für mich nackte Realität. Dachte ich.

Mittlerweile gibt es eine neue Studie, die die Tatsache berücksichtigt, dass nicht alle Alkoholiker es schaffen können, abstinent zu werden oder kontrolliert zu trinken. Es wurde ein Medikament entwickelt, dass die Rezeptoren im Belohnungszentrum blockiert, die sonst für das Wohlgefühl beim Trinken sorgen. Sprich der gewünschte Effekt, den Alkohol normalerweise hat, tritt nicht ein, und man trinkt nicht so viel.

Noch ist es nur eine Studie und noch ist nichts spruchreif, aber die Hoffnung keimt in mir, dass das für meine Mutter klappen könnte. Dass sie sich doch nicht zu Tode saufen wird, auch wenn die leise Stimme in meinem Hinterkopf anderes behauptet. Ich habe keine andere Möglichkeit, als an diese neue Chance zu glauben.

Inzwischen weiß ich, was ich an meiner Mutter habe

Denn ich möchte meine Mutter nicht verlieren, ich möchte, dass meine Kinder eines Tages eine Oma haben, die sie verwöhnt und die für sie da ist. Mit klarem Verstand und mit funktionierendem Körper. Von mir aus eine Oma, die Medikamente nehmen muss, damit sie kontrolliert trinken kann, eine Oma, die trinkt, wenn wir nicht da sind, aber eine Oma, die da ist.

Genauso wie ich eine Mama brauche, die für mich da ist, auch wenn ich dieses Jahr 27 werde. Denn meine Mutter hat Fehler gemacht, aber diese Fehler hat sie nicht aus Boshaftigkeit oder mit Absicht gemacht, die Fehler sind nun einmal passiert, weil sie krank ist.

Auch wenn vieles schief gelaufen ist und ich als Kind viele schwierige und kränkende Situationen aushalten musste und noch immer damit kämpfe, so weiß ich dennoch, was ich an meiner Mama habe, und dass sie versucht hat, es gut zu machen, trotz ihrer Krankheit.

Hätte sie Krebs oder ein anderes körperliches Gebrechen und wäre meine Kindheit von dieser Krankheit geprägt gewesen, dann würde ihr wahrscheinlich niemand einen Vorwurf machen und ich am allerwenigsten. Wer bin ich also, dass ich wegen ihrer psychischen Erkrankung wütend auf sie bin?

Es war ein langer Weg und ich bin seit fast 15 Jahren in Therapie, um in diesen Zustand zu kommen, aber nun verzeihe ich ihr. Ich verzeihe ihr aus ganzem Herzen.

Buchtipp: Die Geschichte von Nepomuk und Herrn Heinz

Wie kann man mit betroffenen Kindern über das schwierige Thema Alkoholismus reden? Moritz Honert hat ein Bilderbuch zum Vorlesen geschrieben, das die Ängste von Kindern alkoholkranker Eltern ernst nimmt und Mut macht. In der Geschichte geht es um den kleinen Hund Nepomuk. Der hat hat Hunger. Denn sein Herrchen Herr Heinz hat wieder mal vergessen, ihn zu füttern. Wie immer, wenn er den Abend zuvor lange in der Kneipe war. "Vielleicht hat Herr Heinz mich nicht mehr lieb" sorgt sich Nepomuk. Ein Buch, das nichts beschönigt und trotzdem Raum für Hoffnung lässt. (Moritz Honert: "Die Geschichte von Nepomuk und Herrn Heinz", Blaukreuz Verlag, 52 Seiten, 8,95 Euro, erhältlich zum Beispiel bei amazon.de)

Teaserbild: jsr548/Fotolia.com
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