Ich hatte eine Virusinfektion - und die Wahl: abtreiben oder abwarten?

Conny Stark war 43 und auf alles vorbereitet, als sie schwanger wurde. Dachte sie. Bis es hieß, sie habe Cytomegalie - und ihr Baby sei daher vielleicht behindert.

Conny Stark, 45, wurde mit 43 zum ersten Mal Mutter. Mit Mann und Sohn lebt sie seit Kurzem wieder in ihrer Heimat im Vordertaunus. Als Texterin und Autorin arbeitet sie freiberuflich für Werbeagenturen, Tonstudios und internationale Unternehmen.

Ich bin ein vielseitig interessierter Mensch. Mein Allgemeinwissen wäre gewissermaßen Günther-Jauch-tauglich. Und so entwischte mir auch zum Thema "Schwangerschaft im Generellen und Risikoschwangerschaft im Speziellen" nicht die geringste Information. Ich wusste jedes Detail über alles, was optimal zum Ziel führt. Jenseits der 40 darf man sich keine Fehler mehr erlauben.

Nachdem mein Frauenarzt mir grünes Licht gegeben hatte, kontrollierte ich regelmäßig Zyklus, Temperatur und Essgewohnheiten. Ich hatte Sex, aber nicht zu viel, schluckte Folsäure und klopfte sogar meine Thymusdrüse. Kurz: Ich tat alles, um mit 15 Jahren Verspätung endlich Mutter zu werden. Erfolgreich. Ich wurde schwanger - 43 Jahre alt und überglücklich!

Jetzt ging es richtig zur Sache. Ich ließ testen, was getestet werden konnte, auch Krankheiten, von denen selbst ich als Informations-Junkie noch nie zuvor gelesen hatte. Mein Arzt belehrte mich, dass es für das ein oder andere ohnehin kein zugelassenes Mittel gäbe und ich gegen Diverses mit 43 vermutlich sowieso immun wäre. Hartnäckig testete ich trotzdem und startete tiefenentspannt in die bevorstehenden neun Monate.

"Sie müssen eine Entscheidung treffen"

Der Anruf kam in der achten Woche. Wie eine Lawine rollte er in mein Leben und das meines gerade mal anderthalb Zentimeter großen Embryos. "Es tut mir so leid. Sie haben Cytomegalie." "Bitte, was habe ich?" "Sie müssen eine Entscheidung treffen." Das klang ernst. Cytomegalie? Nie gehört. Mein Herz rutschte in die Hose. Als ich wieder denken konnte, drehte ich gezielt das Internet von rechts auf links. Am nächsten Tag ging ich in die Praxis.

Nach dem Gespräch kannte ich meine Alternativen: Abtreiben oder Abwarten. Was ich in der Zeit des Abwartens tun konnte, darüber klärte mich mein Arzt auf. Er war so verzweifelt und zugleich entschlossen, mich und mein Kind mit allen vorhandenen beziehungsweise nicht vorhandenen Mitteln zu retten, dass ich mich plötzlich sagen hörte: "Herr Doktor, es ist ein Kämpfer. Keine Sorge bitte." Auf diesen Knirps hatte ich ein halbes Leben lang gewartet. Das konnte es nicht gewesen sein! Mir selbst würde die Virusinfektion nicht ein Haar krümmen. Ich bemerkte sie nicht einmal. Die Wahrscheinlichkeit aber, dass unser Kind sich anstecken könnte, lag bei 40 bis 50 Prozent!

Ungefähr die Hälfte der infizierten Kinder trägt deutliche Einschränkungen davon. Hörverlust und Schädigung der Augen zählen hier noch zu den besseren Varianten. In der Frühschwangerschaft infizierte Föten trifft es besonders hart: mit Organanomalien, Gehirnverkalkungen und schweren, körperlichen wie geistigen Behinderungen ist zu rechnen. Es gibt hierzulande KEIN zugelassenes Medikament.

Peng! Das war's. Aufgeben kam nicht in Frage. Mein Arzt besaß sämtliche Kompetenzen und Geräte zur Beurteilung unseres Nachwuchses. Er schaltete seine Schweizer Kollegen ein, beauftragte ein spezialisiertes Labor und recherchierte in einschlägigen Forschungsberichten. Wir schlossen ein Bündnis zur Rettung des Kindes und so trug mich nicht nur mein großartiger Ehemann, sondern auch mein Arzt auf wehenden Fahnen durch die folgende Zeit.

Es half nur Hoffen

Neben den üblichen Vorsichtsmaßnahmen für "ganz normale" Risikoschwangere musste ich alle 14 Tage zur Herz- und Nierenprüfung des Kleinen, zum Feinultraschall und hielt jedes Mal die Luft an, ob alles da ist, wo es hingehört. Die eigentliche Therapie wurde trotz immenser Kosten des inoffiziellen Präparats von der Kasse übernommen. Sie bestand aus einer Behandlung mit Fremd-Antikörpern via Infusionen in der Klinik. Diese sollten die Infektion in Schach halten und das Kind schützen, solange mein Körper noch nicht ausreichend eigene Antikörper produziert hatte.

Das Damoklesschwert einer Abtreibung, Früh- oder Totgeburt schwebte zwei Drittel der Schwangerschaft über uns. Was sollten wir tun, falls Behinderungen festgestellt würden? Es half nur Hoffen. Alle paar Wochen legte ich mich einen halben Tag an den Tropf und lernte viele besorgte Schwestern und Ärzte kennen. Es war das erste Mal, dass diese Behandlung in der renommierten Klinik durchgeführt wurde. Warum gab es das bisher nicht? Warum wusste niemand Näheres über die Krankheit? Warum geht es zahlreichen Medizinern und Müttern bis heute so?

Ich zitterte bis zum Schluss

Cytomegalie ist die häufigste Infektion, die während der Schwangerschaft auf den Fötus übertragen wird. Vor allem Kleinkinder sind die Überträger. Jede, die nicht schon immun ist, kann sich über alle Körperflüssigkeiten infizieren. Auch wenn sich nur ein Prozent der Schwangeren ansteckt, so werden in Deutschland jedes Jahr mehr als 1000 Kinder mit Cytomegalievirus-bedingten Behinderungen geboren, zirka 60 davon sterben. Dunkelziffer und Spätfolgen exklusive.

Verharmlosen hilft nicht und Panik wäre nicht nötig, wenn ausreichend und rechtzeitig informiert würde. Bei Kinderwunsch könnte das Risiko schon im Vorfeld durch Antikörpertests und einfache Hygienemaßnahmen vermindert werden. Bei bestehender Infektion ist es möglich, den Fötus über die Nabelschnur zu behandeln. Infizierte, aber "gesunde" Neugeborene könnten geimpft und damit vor Spätfolgen geschützt werden.

Wir hatten Glück! Die Ultraschalle sprachen im sechsten bis siebten Monat so deutlich für ein gesundes Kind, dass wir sogar auf eine Fruchtwasseruntersuchung verzichteten. Sie hätte uns Auskunft über eine Infektion unseres Sohnes gegeben, aber nicht über seinen tatsächlichen Gesundheitszustand.

Wir konnten die Therapie nach der fünften Infusion einstellen, da ich inzwischen genügend Antikörper gebildet hatte. Klar zitterte ich bis zum Schluss, führte ein Selbsthilfetagebuch und feuerte unseren kleinen Kämpfer kräftig an. Der kam putzmunter auf die Welt und hatte sich nicht infiziert. Wir mussten zahlreiche Tests mit ihm machen lassen. Es blieb dabei: Keine Spätfolgen zu befürchten.

Das Restrisiko ist das Leben selbst

Eine Garantie auf Gesundheit gibt es nicht. Leider. Das Restrisiko ist das Leben selbst. Aber es gibt Spezialisten und klinische Studien, die optimistisch stimmen. Welche Behandlung individuell die richtige ist, muss jede Betroffene selbst entscheiden. Für mich war eine Kombination aus Optimismus, intravenösen Antikörpern und regelmäßigen Kontrollen die sanfteste Art, unserem Kind die größte Chance auf Gesundheit zu geben. Mein Wunsch ist seither, dass Cytomegalie von allen Seiten endlich die Aufmerksamkeit bekommt, die diese Krankheit verdient.

Teaserbild: istock/Thinkstock
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