Todessehnsucht und Schmerz: Mein Leben mit Depressionen

BRIGITTE.de-Leserin Jana* (20) leidet an Depressionen, seit sie 17 Jahre alt ist. Inzwischen hat sie Lebensmut gefasst.

Jana (20) lebt in Bayern und macht eine Ausbildung zur Erzieherin. Ihre Freizeit verbringt sie mit Freunden oder mit Sport. Am liebsten fährt sie mit ihrem Papa Mountainbike.

Ich habe niemandem gesagt, wie überfordert ich bin

Immer diese Leere in mir, das Gefühl, dass mich niemand liebt, dass ich versagt habe. Die Scham, es Freunden zu erzählen, was denken sie dann von mir. Psychisch krank? Noch immer ist das in unserer Gesellschaft verpönt. Sätze wie "Stell dich nicht so an!" und "Es ist doch gar nicht so schlimm", gehörten lange zu meinem Alltag. Seit ich 17 bin, bin ich  in psychiatrischer Behandlung.

Angefangen hat es aber schon viel früher. Meine Eltern trennten sich 2010. Von da an hatte ich das Gefühl, stark sein zu müssen. Setzte mir eine Maske auf, ich wollte doch meine Familie zusammen halten, stark sein für meine Mama. "Mama, das ist okay für mich, mir geht es gut", sagte ich immer wieder zu ihr.

Als meine Mama dann auch noch Brustkrebs bekam, ging ich völlig unter. Ich zog mich zurück, schmiss mit 14 Jahren den Haushalt, kümmerte mich um meinen kleinen Bruder. Ich fühlte mich überfordert, traute mich aber nicht, etwas zu sagen. Meiner Mama ging es doch eh schon nicht gut.

Und was machten meine Freunde? Fragten ab und zu mal, ob es uns gut ginge. Das habe ich dann immer bejaht. Zu groß war meine Angst, vor ihnen zu weinen. 

Doch dann kamen die Suizidgedanken. Ich zog mich mehr und mehr zurück, in der Schule begann ich oft zu weinen, die Pausen verbrachte ich im Klassenzimmer. Hier war es ruhig, ich musste mich nicht unterhalten und konnte meine Maske für 15 Minuten fallen lassen.

Im Dezember 2013 wollte ich mich von einer Brücke stürzen

Am nächsten Tag ging ich zu meiner Lehrerin. Ich wollte den Kampf nicht einfach aufgeben.

Ab diesem Zeitpunkt musste ich einmal in der Woche zu unserer Schulpsychologin. Doch sie konnte mir nicht helfen, sie gab mir lediglich Tipps wie "Schreib dir jeden Abend drei schöne Momente des Tages auf". Aber wenn man einen Tunnelblick hat, nimmt man nichts mehr wahr. Ich war abgestumpft, konnte keine Emotionen mehr zeigen.

Das wirkte sich auf den ganzen Körper aus. Ich hatte ständig Kopf- und Rückenschmerzen, nahm viele Schmerzmittel.

Irgendwann überwand  ich mich, zum Psychologen zu gehen. Ohne meinen Hausarzt, der mich immer unterstützt hat, wäre ich nie dort hingegangen. Ab dem ersten Termin beim Psychologen musste ich regelmäßig alle sechs Woche hingehen. Immer denselben Bogen ausfüllen und dabei immer alles runterspielen. Ich hatte Angst vor einer Zwangseinweisung, deshalb habe ich nicht alles gesagt.

Ich hasste mich und mein Leben

Als ich 18 Jahre alt war, bekam ich Psychopharmaka. Ich habe mich aber geweigert, sie zu nehmen. Es war wieder mein Hausarzt, der mir half. Er meinte, ich solle dann beginnen, wenn er abends Dienst hat, damit ich einen Ansprechpartner habe, falls etwas ist.

Mein Papa hat mich in dieser Zeit auch immer unterstützt, er stand hinter mir, egal wie es mir ging. Trotzdem begann ich, mich selbst zu verletzen, ich ritzte mich. Aber immer so, dass Außenstehende es nicht sahen.

Immer stärker wurde auch der Drang, Suizid zu begehen. Ich wollte nicht mehr leben, weinte mich abends in den Schlaf, bin nachts aufgewacht und weinte weiter. Ich schlief manchmal nur drei Stunden, danach weinte ich wieder stundenlang. Ich hasste mich und mein Leben.

Nach einigen Arztbesuchen wurde ich in eine Klinik eingewiesen. Neun Wochen war ich dort. Nach dem Aufenthalt dümpelte ich ein Jahr vor mich hin. 2016 begann ich dann eine Ausbildung zur Krankenschwester. Es hat Spaß gemacht, aber ich setzte mich zu sehr unter Druck und hatte Probleme mit dem Schichtdienst. Ich hörte auf zu essen.

Ich lernte, auf meine Bedürfnisse zu achten

Nach einem halben Jahr Ausbildung wurde ich krankgeschrieben. Erneute Suizidgedanken und Selbstverletzung. Ich begab mich zum zweiten Mal in die Klinik. UND ENDLICH! Ich bemerkte Fortschritte, lernte meine Gefühle kennen, auf meine Bedürfnisse zu achten, ehrlich auf die Frage "Wie geht es dir“ zu antworten.

Nach diesem Klinikaufenthalt ging es bergauf. Ich fand neuen Lebensmut und begann eine Ausbildung zur Erzieherin. Ich liebe die Arbeit mit den Kindern. Das Gefühl, für etwas gut zu sei. Auch die Liebe und die Freude der Kinder zu erfahren, tut mir gut.

Ich mache jetzt seit mehr als zwei Jahren eine ambulante Therapie, und endlich kann ich sagen: "Es geht mir gut!" Ich nehme noch immer Medikamente, aber ab April werde ich anfangen, die Dosis zu reduzieren.

Es wird noch dauern, bis ich "geheilt" bin. Allerdings weiß ich nicht, ob man überhaupt von Heilung sprechen kann. Ich weiß nicht, ob ich wieder Depressionen bekommen werde oder nicht.

Ich weiß nur: Es war richtig, mir Hilfe zu holen

Aber ich weiß ganz gewiss, dass es richtig war, mir Hilfe zu holen und die Hoffnung nicht zu verlieren. Ich werde nie zurückgeben können, was mir in dieser Zeit gegeben wurde. Ich habe so viel Liebe und Unterstützung erfahren, ich kann gar nicht in Worte fassen, wie dankbar ich war und bin. Besonders dankbar bin ich meinem Papa gegenüber, er hat so viel für mich getan und tut es noch immer. Ich sehe hoffnungsvoll und zuversichtlich in meine Zukunft.

Trotzdem wünsche ich mir, dass psychische Krankheiten genauso ernst genommen werden wie körperliche Krankheiten auch.

Depressionen sind nicht wie ein Schnupfen, den man nach zwei Wochen los wird. Um Depressionen zu besiegen, braucht man viel Zeit und diese sollte man uns geben. Arbeitgeber sollten uns mehr unterstützen. Es sollte mehr Therapieplätze geben und mehr Plätze in den Kliniken. Damit wir schneller Hilfe bekommen und uns nicht das Leben nehmen, weil wir denken, die Situation sei aussichtslos. Wir können es alle schaffen!

Todessehnsucht und Schmerz: Mein Leben mit Depressionen

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