Meine Wende: Von der DDR in die ganze Welt

Dass sie mal Reisebloggerin werden würde, hätte Christina Nagel-Gasch vor 25 Jahren sicher nicht gedacht. Damals lebte sie in der DDR - und mit dem Trabbi ging es maximal bis nach Ungarn. Für die "Stimmen" reist sie gedanklich zurück in den Herbst 1989.

Zur Zeit der Wende am 09.11.1989 stand ich kurz vor meinem 12. Geburtstag. Ich wohnte in Dresden, ging in die 7. Klasse und war ein ziemlich zufriedenes und glückliches Kind.

Meine Eltern waren beide berufstätig und wir Kinder, mein jüngerer Bruder und ich, waren nachmittags allein zu Hause. Im Wohnzimmer stand eine kleine Dose, in der immer 50 Mark lagen. Geld für unvorhersehbare Ereignisse. Solch ein unvorhersehbares Ereignis waren beispielsweise jene Tage, an denen es im Konsum Bananen gab.

Dies bedeutete für uns Kinder, dass wir den Nachmittag in der Warteschlange im Konsum verbrachten. Das Anstehen in schier endlos langen Schlangen haben wir schon früh gelernt. Wir nahmen die uns pro Kopf zugeteilten fünf Bananen (ich weiß nicht mehr, wie viele es genau waren) und brachten sie nach Hause. Wenige Minuten später standen wir in anderen Klamotten wieder in der Schlage. Das dauerte oft Stunden, ging aber so lange, bis die Bananen alle oder die 50 Mark aufgebraucht waren.

Ebenfalls seltenes Westgut waren Pfirsiche. Ich weiß nicht mehr, ob wir jemals frische Pfirsiche kaufen konnten. Aber ich kann mich noch an jenen Urlaub im September 89 erinnern, der mir aufgrund frischer Pfirsiche in Erinnerung geblieben ist.

Als DDR Bürger konnten wir nicht einfach dahin reisen, wohin wir gern wollten. Typische Urlaubsziele für die damalige Zeit waren die Ostsee, unsere Tschechischen Nachbarn, unsere Russischen Freunde oder Ungarn.

Zuerst waren wir zu viert im Trabbi unterwegs. Einen Trabbi mit Gepäck für zwei Wochen für vier Personen zu packen, erforderte eine besondere Technik. Auf der Rücksitzbank lagen die Luftmatratzen, Decken und alles, was flach war. Wir Kinder haben einfach einen halben Meter höher gesessen. Damals gab es noch keine Anschnallpflicht - der Trabbi hatte hinten noch nicht mal einen Gurt dafür. Mein Bruder stand mit Vorliebe hinten in der Mitte und schaute zwischen den beiden Vordersitzen nach vorn. Oft ist er während der Fahrt genauso im Stehen eingeschlafen. Umfallen konnte er nicht, der ganze Fußraum war voller Gepäck. Ebenfalls mit dabei, der kleine Kofferfernseher im Fußraum bei meiner Mutter vorn. Das Auto war so voll gepackt, wenn meine Mutter ihre Tür zumachte, ging die bei meinem Vater drüben wieder auf.

Meine Eltern waren wahre Verpackungskünstler. Wenn wir heute unseren Scoda Kombi für zwei Wochen Urlaub zu dritt packen, frage ich mich oft, wie sie das damals alles in die kleine Pappschachtel bekommen haben.

Etwas später bekamen wir nach langer Wartezeit einen Wartburg. Mit vier Türen. Wir Kinder waren so stolz und glücklich, endlich eine eigene Tür hinten zu haben. Mit diesem Warti ging es im September 1989 in den Urlaub nach Ungarn. Unser Ziel: der Balaton. Noch heute liebe ich Palatschinken und ungarischen Gulasch. In diesem Urlaub waren wir auf einer Pfirsichplantage. Um uns herum gab es so viele reife und saftige Pfirsiche und wir konnten sie kaufen und essen. Wir haben so viele Pfirsiche gegessen, bis uns der Bauch weh tat.

Der 30. September 1989 war jener denkwürdige Tag, an dem Hans-Dietrich Genscher vom Balkon des Prager Palais aus die Möglichkeit der indirekten Ausreise aus der DDR in der BRD verkündete.

"Liebe Landsleute,? wir sind zu Ihnen gekommen,? um Ihnen mitzuteilen,? dass heute Ihre Ausreise? (Tausendfacher Aufschrei und Jubel)? ... möglich geworden ist."

Wir waren in Ungarn. Wir durften aus der DDR ausreisen. Meine Eltern haben lange hin und her überlegt. Keiner konnte damals erahnen, dass wir nur wenige Monate später ein freies Land sein würden und es die DDR nicht mehr geben wird. Dennoch haben sich meine Eltern entschlossen, wieder zurück nach Hause zu fahren. Die Familie einfach so zurücklassen und unser Grundstück, das wollten sie nicht. So fuhren wir nach unserem Urlaub wieder nach Hause - mit unserem Wartburg, bis unters Dach voll bepackt mit reifen Pfirsichen.

Meine Tante erinnert sich noch heute, wie meine Mutter damals sagte: "Wir waren die einzigen, die zurückgefahren sind. Die Autobahn auf unserer Seite war leer, die Gegenrichtung war überfüllt. Alle sind nach Ungarn gefahren."

In der Nacht vom 9. November auf den 10. November 1989 kündigte die DDR-Führung die direkte Ausreise an. Die Berliner Mauer galt ab diesem Moment als "offen". Von dieser Nacht selbst habe ich als Kind nichts mitbekommen. Ich habe dieses Ereignis im wahrsten Sinne verschlafen. Erst am nächsten Tag erzählten uns unsere Eltern, was in der Nacht passiert ist. Auch in der Schule war dies das Thema des Tages. An Unterricht war nicht zu denken, weil keiner so richtig wusste, wie es weitergeht.

Viele sind direkt am Tag nach der Grenzöffnung nach Berlin gefahren, haben sich in Menschentrauben angestellt und haben sich ihr Begrüßungsgeld abgeholt. Die Bilder im Fernsehen zeigten chaotische Szenen, lange Schlangen und viel Gedränge. Meine Eltern haben gewartet, bis sich der ganze Rummel gelegt hat. Etwas später haben wir es auch gewagt und sind einfach "rüber" gefahren. Es war kaum zu glauben! Wir im Westen! Wir holten unser Begrüßungsgeld ab - 100 DM für jeden DDR-Bürger. An den Kassen nur noch kleine Schlangen, in denen sich immer wieder wildfremde Menschen vor Freude in die Arme fielen.

Unser erster Streifzug durch die Westgeschäfte war überwältigend. Dieses Angebot! Im Supermarkt gab es Obst, dass wir noch nicht einmal kannten. Noch nie zuvor hatten wir eine Kiwi gesehen. Im Warenhaus lagen Plastiktüten einfach so an der Kasse herum. Ich weiß noch, wie ich mit meiner Mutter einen ganzen Stapel schnöde weiße Plastiktüten mitgenommen habe. Das war was ganz Besonderes. Das war der Westen. "Drüben" war es total spannend.

Von da an hatten wir DDR-Bürger Reisefreiheit. Doch zunächst waren wir damit etwas überfordert: Wo reist man denn jetzt hin?

Unsere nächste Reise war eine Rundreise mit dem Auto. Über die Alpen ging es nach Österreich. Auf der Autobahn haben sich alle Ost-Autos zugehupt und zugewunken. An der österreichischen Grenze schaute man fragend auf unser Kennzeichen und begrüßte uns dann mit den Worten: "Guten Tag! Ach, sie sind also die neuen Deutschen."

Heute können wir überall hinreisen. Als Familien- & Reisebloggerin berichte ich über die Reisen mit meiner Familie. Viele Reiseziele in Europa haben wir schon abgegrast, nun soll es endlich mal etwas weiter weg gehen. Ganz weit in den Süden. Nach Südafrika.

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Christina Nagel-Gasch, 36, mag Sonnenuntergänge, bunte Turnschuhe und Cafés  mit Spielplätzen. Ausserdem hat sie eine Vorliebe für gutes Essen und ist  Schokoholikerin. Seit 2010 betreibt sie das Familien- & Reiseblog  MrsBerry, in dem es neben Rezepten und DIY-Tipps auch jede Menge Geschichten über die Reise-Abenteuer mit ihrer Familie gibt.
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