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Eine berufstätige Mutter klagt an: „Das Stillen wird uns schwer gemacht!“


BRIGITTE.de-Leserin Anke arbeitet als Lehrerin und versucht, ihr Baby trotzdem zu stillen. Doch sie trifft auf viel Unverständnis. 

„Also, wenn du drei zehnte Klassen in Politik unterrichtest, musst du schon mit auf die Klassenfahrt nach Berlin!“ Schluck, mit dieser Antwort hatte ich nicht gerechnet. Stattdessen hatte ich gehofft, dass die Kollegin sagen würde: „Dein Kind ist dann doch noch nicht mal ein Jahr alt. Bleib du mal zu Hause, wir kriegen das auch ohne dich hin.“

Der Termin der Reise lag in weiter Ferne und so gab ich mich optimistisch, dass die Kleine wohl bald nicht mehr gestillt werden wollte, und mein Mann ihre Versorgung über mehrere Tage und Nächte schon hinbekommen würde.

Meine Tochter wollte nicht aufs Stillen verzichten 

Die Monate bis zur Fahrt verflogen, und allmählich wurde ich unruhig, denn meine Tochter machte keine Anstalten, auf ihre heißgeliebte Muttermilch zu verzichten. Besonders nachts war sie nur durch Anlegen zum Weiterschlafen zu bewegen. Einen Monat vor der Berlin-Reise meinte ich deshalb zu meiner Kollegin, dass ich die Kleine mitnehmen würde. Ihrem Blick merkte ich an, dass sie alles andere als begeistert war, und sie entgegnete mir: „Also, ich hab’ meine Kinder ja mit einem Jahr abgestillt, das solltest du dir vielleicht auch überlegen.“

Entrüstet über so viel Einmischung in meine Privatsphäre, sagte ich: „Meine Tochter braucht die Brust, um die fehlende Körpernähe während meiner Arbeitszeit zu kompensieren, und nur wegen einer Klassenfahrt höre ich damit bestimmt nicht auf.“ 

Zehn Tage vor der Reise machte ich Nägel mit Köpfen und reservierte ein Hotelzimmer mit Küchenzeile für meinen Mann, meine Tochter und mich. Die kläglich eingerichteten Zimmer des Hostels wollte ich meiner Familie ersparen. Der stattliche Übernachtungspreis war mir egal. Nachdem das Zimmer gebucht war, informierte ich zwei Kolleginnen im Lehrerzimmer davon.

Meine konstruktiven Vorschläge wurden "überhört"

Am Tag der Abfahrt hatten wir zunächst noch Unterricht, anschließend setzten sich die Kollegen mit den Schülern in den Reisebus. Mein Mann hatte unser Auto bereits bepackt und so fuhr ich nach der Schule nach Hause, um Mann und Baby abzuholen und den 280 Kilometer langen Weg anzutreten.

Im Hotel angekommen, verstauten wir unsere Habseligkeiten und ich raste weiter, um ja nicht zu spät zu kommen. Glücklicherweise traf ich zeitgleich mit den Bussen ein, so dass ich meine Aufsichtspflicht wahrnehmen konnte.

Die 90 Schüler sollten nun auf ihre Zimmer aufgeteilt werden, doch da gab es schon den ersten Aufstand: Zwei Jungen wurden einem Zimmer zugewiesen, in dem bereits Jungs aus einer anderen Klasse untergebracht waren. Als sich die aufgebrachten Schüler von uns Lehrern entfernt hatten, machte ich den Vorschlag, dass sie doch mein leeres Zimmer beziehen könnten. Der Vorschlag schien wohl ziemlich schlecht gewesen zu sein, denn er wurde überhört.

Als der Klassenlehrer der beiden Jungen dazukam und darüber klagte, dass seine Schüler sehr unzufrieden seien, schlug ich erneut die Vergabe meines Zimmers vor und bekam wieder keine Reaktion. Wie ich am nächsten Morgen erfuhr, wurde mein Vorschlag dennoch in die Tat umgesetzt.

Ich wurde mit spöttischem Unterton begrüßt

Mit meiner Kollegin, mit der ich ein Team bildete, hatte ich abgesprochen, dass ich an den Abendveranstaltungen, bei denen sieben Lehrer anwesend sein würden, nicht teilnehme, da für mich ab 20 Uhr ein Arbeitsverbot herrscht (Mutterschutzgesetz § 8 (1)). Die erste Frage darauf lautete, was denn mit dem Abend sei, an dem sie mit ihren 19 Schülern allein essen gehen würde. Ich versicherte, trotz Arbeitsverbotes dabei zu sein. Sie schien zufrieden zu sein.

Als ich bei meiner kleinen Familie im Hotel ankam, war ich sehr froh über die Entscheidung, sie mitgenommen zu haben, denn mir wurde klar, wie sehr mich meine Tochter abends noch brauchte, um sich in den Schlaf zu nuckeln. Die Nacht war furchtbar und ich bekam aufgrund der Schlafsituation kein Auge zu.

Morgens stand ich zu einer unmenschlichen Zeit auf, um rechtzeitig im Hostel beim Frühstück dabei zu sein. Ich traute meinen Ohren kaum, als eine Kollegin mich mit „Na, du siehst aber erholt aus“ begrüßte. Der spöttische Unterton war nicht zu überhören. Nachdem die Kollegen sich der Reihe nach über ihre Nacht im Einzelzimmer beschwert hatten, starteten wir unser Programm.

Ich machte mit - und bekam eine Brustentzündung

Nach dem ersten Museumsbesuch hatten wir Lehrer etwas Zeit und tranken einen Kaffee.  Dabei sagte mir ein Kollege, den ich wegen seiner Offenheit sehr schätze,  dass die Kollegen sich am Vorabend über mich unterhalten hätten, und „es alle sehr komisch fänden, wie das mit mir gelaufen sei. Zum Beispiel, dass ich nicht von Anfang an gesagt hätte, dass ich woanders schlafen würde.“

Vor meinem geistigen Auge sah ich die Kollegen, die beim gemütlichen Zusammensitzen über mich als Abwesende herzogen. Das erklärte auch das kollektive Gejammer am Morgen. Ich sagte dem Kollegen, dass es zehn Tage vor der Fahrt überhaupt erst zu diesem Entschluss gekommen sei und ich, als dies feststand, zwei der sieben Kollegen darüber informiert hatte. Er erwiderte, dass ich schon bei der Planung alle hätte informieren sollen, dass ich eventuell woanders schlafe.

Im Nachhinein halte ich dies auch für eine gute Lösung, um Irritationen zu vermeiden. Jedoch glaube ich nicht, dass dies etwas daran geändert hätte, dass die Kollegen sich über mich „austauschen“. Dass § 8(1) des Mutterschutzgesetzes durchaus Sinn macht, sollte ich schmerzhaft erfahren, als ich bis spätabends die Schüler begleitete und am nächsten Morgen eine Brustentzündung hatte.

Warum fällt es uns so schwer, unsere Rechte wahrzunehmen?

Im Nachhinein frage ich mich, warum es stillenden Müttern so schwer fällt, auf ihre Rechte zu pochen. Vielleicht weil wir nicht jedem Kollegen, besonders den männlichen, auf die Nase binden wollen, dass wir stillen (Kopfkino), weil Sonderrechte leider immer noch Neid hervorrufen und weil wir den Kollegen zeigen wollen, dass wir trotz Säuglings  genauso hart arbeiten wie sie.

Wenn die Klassenfahrt für die Schüler nur halb so lehrreich war wie für mich, dann hat sie sich wirklich gelohnt. Ich werde beim nächsten Kind selbstbewusst meine Rechte einfordern - und zwar schon lange im Voraus.


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