VG-Wort Pixel

Leserin erzählt Mein Leben mit Lymphödem

Leben mit Lymphödem
Alina (29) leidet an einem angeborenen Lymphödem
© privat
Man sieht es ihr nicht auf den ersten Blick an, doch sie leidet an einer chronischen Krankheit: BRIGITTE.de-Leserin Alina (29) hat ein angeborenes Lymphödem. Hier erzählt sie, wie sie gelernt hat, damit klarzukommen.

Seit meiner Geburt leide ich an einem primären Lymphödem am rechten Bein. Ein Lymphödem entsteht durch die vermehrte Ansammlung von Lymphflüssigkeit im Gewebe, die nicht richtig abtransportiert werden kann. Dadurch schwillt der betroffene Körperteil an, in meinem Fall ist es das Bein. Ein Lymphödem kann aber am ganzen Körper entstehen, da wir überall Lymphe und Lymphbahnen haben. Wegen meiner Krankheit muss ich jeden Tag für mindestens 14 Stunden einen Kompressionsstrumpf tragen.

"Elefantenfuß" und Co: Als Teenager wurde ich oft mit blöden Sprüchen beleidigt.

Früher habe ich mich nie wohl in meiner Haut gefühlt und fand mich nach solchen Anfeindungen oft hässlich. Beim Schwimmen bin ich immer schnell ins Wasser gerannt und habe mich möglichst lange mit einem Handtuch bedeckt, um keine blöden Sprüche oder Blicke zu kassieren. Hinzu kam der tägliche Kampf mit den Schmerzen: Durch das Wasser im Bein entsteht permanent ein schmerzhaftes Druckgefühl.

Ich konnte mein Selbstmitleid nicht mehr ertragen

Doch irgendwann kam der Tag, an dem ich anfing, mein Schicksal anzunehmen. Vor ungefähr zwei Jahren beschloss ich, mich nicht mehr für mein Lymphödem zu schämen und auf meine chronische Erkrankung aufmerksam zu machen. Ich konnte mein eigenes Gejammer und mein Selbstmitleid einfach nicht mehr ertragen und sagte mir, dass Gott mich für diese Krankheit ausgesucht hat, weil ich es aushalten kann, damit zu leben.

Jeden Tag sage ich mir, dass es mich auch schlimmer hätte treffen können. Ich kann laufen, bin selbstständig und kann für mich selbst entscheiden, was für ein Leben ich lebe. Irgendwann habe ich auch gelernt, die Sprüche und Blicke zu akzeptieren. Aber klar, wenn ich einen schlechten Tag habe, bin ich immer noch der Teenager von damals.

Ich denke auch, dass viele Menschen gar nicht wissen, wie verletzend das Anstarren sein kann. Menschen mit einer offensichtlichen Behinderung wurden schon immer begutachtet, ob aus Neugier oder Abscheu. Doch auch wer an einer Krankheit leidet, möchte von der Gesellschaft akzeptiert werden.

Das Lymphödem ist ein Teil von mir

Heute frage ich mich manchmal, ob ich ohne diese Krankheit überhaupt leben könnte. Sie ist schon immer ein Teil von mir, und ich glaube, dass ich ausgewählt wurde, diesen körperlichen und seelischen Schmerz auszuhalten. Die Behinderung lehrt mich jeden Tag, dankbar zu sein und als selbstständiger Mensch die Dinge zu tun, die ich möchte. Natürlich würde ich trotzdem ein Heilmittel ausprobieren, wenn es eines gäbe, nur um zu wissen, wie es ist, ohne Schmerzen zu leben.

Allen anderen Betroffenen mit Lymphödem möchte ich sagen: Jede:r von uns ist ein Unikat, alle haben mal schwere Zeiten. Und es gibt immer Menschen, denen es schlechter geht als uns.

Die Autorin: Alina lebt in Nordrhein-Westfalen. Da sie sich mit ihrem Lymphödem oft alleine gefühlt hat, suchte ich nach Betroffenen zum Austausch und hat den Instagram-Account Leben_mit_einem_lymphoedem ins Leben gerufen.

Brigitte

Mehr zum Thema