"Wie ich den Tod meiner Tochter überlebte" - eine Mutter erzählt

BRIGITTE.de-Leserin Ina Milert verlor ihre Tochter Lea (18), die keinen Lebensmut mehr hatte. Die Mutter blieb zurück, voller Selbstvorwürfe und Trauer.


Was hätte ich besser machen können?

Geboren wurde Lea in Düsseldorf, ein absolutes Wunschkind. Für ihre Geburtsanzeige wählten wir einen Spruch von Erich Fried: "Glaubst du, du bist noch zu klein, um große Fragen zu stellen? Dann kriegen die Großen dich klein, noch bevor du groß genug bist."

Wir hofften auf viele große Fragen und wollten ihr nie eine Antwort schuldig bleiben. Doch nun stehen wir, stehe ich vor so vielen Fragen. Wo habe ich mein fröhliches, begabtes, süßes Mädchen verloren? Was hätte ich anders, besser machen können?

Nichts deutete darauf hin, im Gegenteil. Sie war wunderbar, fantasievoll, kontaktfreudig. Auch wenn sie sich anfangs in der Schule schwer tat, sah ich sie doch schon auf der Uni. War ich naiv? Oder arrogant? 

Wir wollen nicht einfach nur, dass unsere Kinder glücklich sind, sie sollen auch so sein wie wir oder besser. Und so etwas wie schwere Krankheit, Drogensucht oder kriminelle Karrieren können wir uns gar nicht vorstellen. 

Würde man all das Schlimme, das Kindern passieren kann, vorausahnen, würde wohl niemand mehr welche bekommen. 

Nach Leas drittem Schuljahr zogen wir nach Hamburg. Neue Schule, neue Freunde und große Träume: Lea wollte berühmt werden. Welches Mädchen will das nicht? Wir bewarben uns bei Kindercasting-Agenturen, und Lea bekam tatsächlich einige Jobs, machte Katalogfotos und spielte in einem Kurzfilm mit. Sie malte, tanzte, ging segeln – auch nach dem Wechsel auf die Gesamtschule.

Die unbeschwerte Kindheit endete schleichend 

In der siebten Klasse begannen die Probleme. Nicht nur in der Schule, auch zu Hause. Sie schwänzte, blieb nachts weg, wurde beim Stehlen erwischt. Weil ich fürchtete, den Kontakt zu ihr zu verlieren, suchte ich bei einem Kinder- und Jugendtherapeuten und beim Jugendamt Hilfe.

Eine Familienhelferin kam zu uns nach Hause, wir saßen gemeinsam am Tisch, sprachen miteinander, und Lea schwieg. Sie saß die Zeit ab und verschwand. 

Das konnte sie zu dieser Zeit gut, einfach abtauchen, ohne Erlaubnis bis Mitternacht verschwinden. Sie war 13, noch. Und sie wusste, es blieb für sie ohne Konsequenzen, denn alle meine Versuche, ihr Grenzen zu setzen, fruchteten nicht. 

An Drogen habe ich nicht einmal gedacht 

Und dann fand ich diese Pläne: "Lass uns mal H besorgen ..." So naiv, wie ich vorher war, so drastisch habe ich nachher reagiert: Nach dem Lesen ihres ICQ-Chats habe ich mit Leas Vater beschlossen, dass sie künftig bei seiner neuen Familie auf Zypern leben soll. 

Doch schneller als gedacht war sie wieder zurück. Ich glaubte ihren Versprechungen, dass sie sich ändern würde: "Ich hab dich sooo lieb. Bloß in Hamburg hab ich sowas nie gemerkt, da warst du immer die Böse, die mir nichts erlaubt hat. Aber ich hab hier so viel nachgedacht und gemerkt, dass du vielleicht gar nicht immer was Schlechtes gemacht hast, damit ich mich ärgere, sondern damit es für mich gut ist.“

Ich versuchte, Leas Umgang zu beeinflussen – ohne Erfolg

Ich hatte sie so sehr vermisst und so sehr gehofft, dass sie die Kurve kriegt. Doch so schnell sie zurück in Hamburg war, so schnell war sie wieder in ihrer alten Clique. Fast täglich hing Lea im Park und auf dem Spielplatz rum. Später habe ich ihre Freundinnen gefragt, was sie an diesen Nachmittagen gemacht haben. "Drogen genommen und rumgehangen. Viel Gras geraucht ... ", war die Antwort. 

Es blieb nicht beim Marihuana. Speed kam dazu, Pillen und später auch Heroin. Wie sehr Lea unter dem normalen Leben gelitten hatte, erfuhr ich erst später aus ihren Tagebüchern. Hätte ich doch nur früher bemerkt, dass die Flucht in die Drogen ein Versuch war, der Traurigkeit und Hoffnungslosigkeit zu entkommen. 

Ich habe immer wieder versucht, Leas Umgang zu beeinflussen. Vergeblich. Auch gegen ihren Freund kam ich nicht an. Obwohl er sie wieder und wieder schlug, ihr sogar die Nase gebrochen hat, alles kaputt machte, was ihr wichtig war – sie kehrte immer wieder zu ihm zurück. Sie hatte sich so hineingefunden in diese Rolle, nichts wert, sein Mülleimer zu sein. Alles bloß, um ihn nicht zu verlieren. "Sonst ist alles Scheiße, wenn er nicht bei mir ist, aber ich weiß, er ist sauer. Ich muss dann bei ihm sein, dass er alles auslassen kann an mir", schrieb sie in ihr Tagebuch.

Mit 17 begann sie, Crack zu rauchen

Trotz allem schaffte Lea den Weg raus aus den Drogen: Sie machte einen super Schulabschluss – und stürzte danach richtig ab. Normalität reichte ihr nicht. Gerade 17 geworden, begann sie Crack zu rauchen. Immer wieder fand ich die Pfeifen, aber auch blutige Nadeln in ihrem Zimmer.  

Ich stand hilflos daneben, konnte sie längst nicht mehr erreichen. Es folgten einige Therapieversuche, die sie immer wieder abbrach, wenn sie den Suchtdruck nicht aushielt. 

Wie gern hätte ich sie einfach festgehalten, bis sie wieder klar ist, wieder mein Mädchen. Aber sie sah mich nicht mehr, klammerte sich an ihren neuen Freund. Mit ihm schaffte sie es, noch einmal von dem Stoff loszukommen. 

Bis alles wieder kippte. Nach einem Rückfall verlor sie jede Hoffnung, sprang von einer Brücke und wurde schwerverletzt ins Krankenhaus eingeliefert.    

Wenn das Herz denken könnte, würde es stillstehen  

Ich wurde vom Telefon geweckt. Eine Ärztin sagte mir, dass Lea nicht überleben würde. In weniger als 20 Minuten war ich bei ihr. Da lag sie, an Geräte angeschlossen, mit Tampons im Mund und atmete. Sie lebte! Die Ärzte mussten sich geirrt haben. Alles wird wieder gut, dachte ich. Nichts wurde gut. Man hatte Lea bis zu meinem Eintreffen beatmet, erst in meiner Gegenwart wurden die Geräte abgeschaltet. 

Auch, wenn sie da so warm vor mir lag: Sie war tot. 

Am liebsten wäre ich mit ihr gestorben

Wochenlang lief ich auf Autopilot. Ich weiß nicht, wie ich ohne meine Mutter überlebt hätte. Ich konnte nicht mal richtig trauern, ich war so voller Schuldgefühle. Ihren Tod nicht verhindern zu können, war schon schlimm genug, und dann noch Dinge getan zu haben, von denen ich mir im Nachhinein wünschte, sie nicht getan zu haben: Wie sollte ich damit weiterleben? 

Heute, mehr als elf Jahre später, lebe ich immer noch. Wie ich das geschafft habe, weiß ich nicht. Auch heute vergeht kein Tag, an dem ich nicht an sie denke. Die Erinnerung fällt mich in unerwarteten Momenten an: gemeinsame Orte, Sätze, Gerüche, Kleidung. Aber sie bringt mich nicht um. 

Ich bin nicht umgezogen, ich habe kein Bild von Lea abgehängt – ich lebe einfach mit ihr weiter. 

Die Autorin: Ina Milert wurde 1961 in Brandenburg geboren. Sie studierte in Berlin (Ost) Asienwissenschaften und arbeitete bis zu ihrer Übersiedlung nach Düsseldorf als Dolmetscherin. Später machte sie noch einen Abschluss in Publizistik. Seit fast 20 Jahren arbeitet sie als Redakteurin beim Burda-Verlag in Hamburg. Lea ist ihr einziges Kind. Über den Verslust ihrer Tochter schreibt sie in ihrem Buch "Tagebuch einer Sehnsucht: Wie ich meine Tochter an die Drogen verlor" (Hansanord Verlag, 14,90 Euro).

Du hast suizidale Gedanken? Die Telefonseelsorge bietet Hilfe an. Sie ist anonym, kostenlos und rund um die Uhr unter 0800/1110111 und 0800/1110222 erreichbar. Eine Beratung über E-Mail ist ebenfalls möglich. Eine Liste mit bundesweiten Hilfsstellen findet sich auf der Seite der Deutschen Gesellschaft für Suizidprävention.

Wenn du dich mit anderen Betroffenen austauschen möchtest, empfehlen wir dir unser Forum „Tod, Trauer, Trauerbewältigung“ in der BRIGITTE-Community.

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