Günstige Kleidung oder Fair Trade? "Ich habe mich für die Grauzone entschieden"

Es ist nicht einfach, "nachhaltig" zu bleiben, wenn die Kinder ständig neue Klamotten brauchen. Leserin Carolin Schubert versucht es trotzdem - aber schleppt auch immer wieder Tüten der Textilgiganten nach Hause. Warum sie mal "Fair Trade" und mal "Made in Bangladesh" kauft, erklärt sie in den "Stimmen".

Etwas beschämt und mit einem leicht unbehaglichen Gefühl schaue ich auf die Tragetaschen an meiner rechten Hand, deren Herkunft unverkennbar zwei große Buchstaben verkünden und in denen sich Kleidung für meine drei Kinder befindet. Es war mal wieder diese Zeit, Sie wissen schon: die Zeit, in der der gut gefüllte Wäscheschrank über Nacht auf einmal kein einziges passendes Kleidungsstück mehr parat hält. Die Hosenbeine gehen mit Ziehen und Zerren maximal bis zum Knöchel, das Unterhemd endet ungefähr am Bauchnabel und die Schuhe könnte man nur noch mit Aschenputtels Stiefschwestern-Methode anziehen. Denn es ist so: Kinder wachsen. Ständig. Meine Freundin sagt gern: wie Basilikum! Wenn sie noch klein sind, auch gern mal in Schüben oder Puma-ähnlichen Sprüngen. Hat man dann noch mehr als ein Kind in seiner Familie, das diesem Phänomen unterliegt - nun, dann ist guter Rat teuer. Oder vielmehr eine neue Garderobe.

Ich habe mich seit meinem Mutterdasein, was nun immerhin schon mehr als sechs Jahre andauert und drei Kinder umfasst, sehr viel und ausführlich mit dem Thema "fair hergestellte Kinderkleidung" befasst, habe gelesen und recherchiert, habe mich mit anderen Müttern ausgetauscht und versucht, mir eine Meinung zu bilden. Die wichtigste Erkenntnis dabei war, dass es jede Menge Grauzonen gibt. Und das Überraschende daran: Grau ist gut, es ist sozusagen das neue Schwarz-Weiß. Lassen Sie mich erklären, warum.

Ich bin ein Mensch der klaren Maximen. Ganz oder gar nicht - das ist genau mein Ding. Aber wie geht das bei Kinderkleidung? "Ganz" hieße: Jedes einzelne Stück, das ich anschaffen möchte, wird auf seine Herstellungsweise geprüft. Von der Socke bis zum Haarband, vom Unterhemd bis zur Winterjacke, vom Gürtel bis zum Hausschuh - egal, was in den Kleiderschrank meiner Kinder einziehen soll, es muss unter fairen und ethisch einwandfreien Bedingungen hergestellt worden sein. Keine zwangsrekrutierten und weggesperrten Kinder; keine ausgebeuteten Näherinnen, die für ein bis zwei Euro im Monat T-Shirts im Akkord nähen; keine Fabriken, in denen es nicht mal ein Mindestmaß an Sicherheitsvorkehrungen gibt; keine Baumwollpflücker, die während ihrer Arbeit den lebensbedrohlichen, vom Flugzeug aus abgeworfenen Düngemitteln ausgesetzt sind. Wenn auf all dies zu verzichten also "ganz" bedeutet, brauche ich über das "gar nicht" so gar nicht nachzudenken.

Vielleicht werden Sie jetzt aber sagen: Das ist doch unglaublich anstrengend, so viel Zeit habe ich nicht! Oder Sie werden entsetzt rufen: Das kann ich mir nie im Leben leisten! Oder vielleicht werden Sie auch etwas resigniert seufzen, dass man - so schlimm das ja alles ist - letztlich doch nichts machen kann und schließlich auch selbst sehen muss, wo man bleibt. Und ganz vielleicht sind sie insgeheim erleichtert, dass es nicht ihr Kind ist, das diesen Preis zahlen muss.

Und was soll ich sagen? Sie haben Recht, absolut und vollkommen Recht! Wenn man einmal bedenkt, was man - vor allem jetzt, in den kälteren Jahreszeiten - alles anziehen muss und dies nun um die Anzahl der Kinder und die Mindestanzahl der notwendigen Outfits (Sie wissen schon: das Klecker-Backup) potenziert und sich anschließend vorstellt, all diese vielen, vielen Kleidungsstücke auf ihre Herkunft zu überprüfen - ich kann Ihre und meine grauen Haare wachsen sehen. Und was den finanziellen Aspekt angeht: Qualität und vor allem soziales Engagement haben nicht nur ihren sprichwörtlichen Preis, das wissen Sie wohl so gut wie ich.

"Gar nicht" ist deswegen trotzdem keine Option für mich. Ich habe mich für die Grauzone entschieden. In dieser ist nicht alles fair gehandelt - aber manches. Weil auch ein kleines bisschen einen sehr großen Unterschied macht. Vieles ist neu - aber nicht alles. Weil gute Qualität auch ein paar Kinder mehr aushält. Ein überwiegender Teil ist selbst genäht. Weil ich das nun mal kann und das mein Beitrag gegen Kinderarbeit ist. Und einiges gekauft. Weil wir nur wenig Geld haben, weil auch mein Tag nur 24 Stunden hat und weil auch meine drei Kinder wie Basilikum wachsen. Also packe ich meine Plastiktüten aus, schneide die Schildchen ab, freue mich leise und verhalten über die schönen Farben und Schnitte. Und während ich alles in die Kleiderschränke meiner Kinder räume, habe ich eine lautlose und von Herzen kommende Entschuldigung auf den Lippen. An das Kind gerichtet, das für diesen Pullover, dieses Shirt und diese Hose unter unvorstellbaren Bedingungen arbeiten musste und nicht mit seinen Freunden oder Geschwistern spielen konnte - so wie es meine Kinder gerade neben mir tun.

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