32. Schwanger. Krebs: "Die Angst bleibt - aber ich bin stärker als je zuvor"

BRIGITTE.de-Leserin Ella (32) freut sich auf ihr Baby. Nur ihre Blasenentzündung geht nicht weg. Dann findet die Gynäkologin Blut im Urin. Ella hat Krebs.

Die Blasenentzündung will nicht weggehen

Es ist der 5. Januar. Am Morgen bringe ich meinen Großen in die Kita und freue mich darauf, gegen Mittag meinen Bauchbewohner kennenzulernen. Ich bin in der 7. Schwangerschaftswoche, und heute steht der erste Arzttermin mit Ultraschall an. Ich muss einfach wissen, dass dieses kleine Herz schlägt.

Seit kurz vor Weihnachten quält mich allerdings eine Blasenentzündung. Ich bekomme sie einfach nicht in den Griff. Silvester war ich sogar in der Klink. Ich bekam ein Antibiotikum, aber so richtig gut ist es noch immer nicht.

Meine Gynäkologin findet ein paar Stunden später das Herzchen meines Babys. Es schlägt wie verrückt, und ich könnte nicht glücklicher sein. Sie findet allerdings auch Blut im Urin, und so soll ich mich so schnell es geht bei einer Urologin vorstellen.

„Schon wieder ein Antibiotikum?“, denke ich. Gerade in der Schwangerschaft will ich so wenige Medikamente wie möglich nehmen.

„Sie haben Blasenkrebs!“

Zwei Tage später sitze ich im übervollen Wartezimmer der Urologin Dr. Rüter in Aschaffenburg. Um mich herum nur Männer, ältere Männer. Es ist stickig und mir, dank Schwangerschaft, unglaublich übel.

Irgendwann halte ich es nicht mehr aus und frage am Empfang, wie lange es noch dauern würde. Ich glaube, die junge Frau am Tresen sieht mir an, wie schlecht mir ist. Ich darf mich am Empfang setzen, bekomme ein Glas Wasser und meine Karteikarte wandert heimlich ein wenig höher im Stapel.

Kurze Zeit später liege ich auf der Liege und Frau Dr. Rüter schallt die Blase. „Da ist etwas Suppiges“, sagt sie. Sie fragt, wie alt ich sei. „32“, sage ich. „Hm“, macht sie.

Sie möchte zur Sicherheit eine Blasenspiegelung machen. Für mich ist das alles neu. Blasenentzündungen kannte ich bis vor gut 18 Monaten gar nicht. Ich stimme der Spiegelung zu, obwohl sie sagt, dass es ein Fehlgeburtsrisiko gäbe. Mit den Gedanken bei meinem Baby klettere ich auf den Stuhl und warte. Dann kommt Frau Dr. Rüter und es geht los. Als sie fertig ist, soll ich mich anziehen und kurz warten. Wir würden gleich sprechen.

Einige Minuten später verändert sich plötzlich mein Leben. In meiner Blase ist ein Tumor. Daumendick, oberflächlich, vermutlich nicht eingewachsen. Ich habe keine Ahnung, was mir die Ärztin noch sagt. Meine Gedanken fahren Karussell. Was ist mit meinem Florian? Er braucht mich doch, er ist erst zwei Jahre alt. Was ist mit meinem Baby? Werde ich es verlieren? Werde ich sterben? Irgendwann sagt sie: „Sie müssen atmen“, und ich atme.

Nur fünf Tage später werde ich operiert

Frau Dr. Rüter sagt, ich könne das Kind behalten, und ich bekäme den Tumor schnellstmöglich entfernt. Anschließend würden wir die Geburt abwarten, eine zweite OP – zur Sicherheit – machen und mit der Chemo starten. Nach dem histologischen Befund könnten wir weiter planen.

Die nächsten Tage sind hart. Erst muss ich es meinem Mann sagen, dann meiner Familie. Es haut uns alle um.

Nur fünf Tage später wird der Tumor entfernt. Es verläuft alles nach Plan. Bei der OP bin ich hellwach, eine Spinalanästhesie reicht aus. Wegen meiner Schwangerschaft und der Übelkeit ist das die beste Option.

Einige Tage später ist der pathologische Befund da. Es ist ein oberflächlicher Tumor des 2. Grades. Alles in allem: mittelprächtig. Aber ich kann sowohl meine Blase als auch mein Kind behalten.

Mein Baby kommt gesund zur Welt - aber die Angst bleibt

Benjamin kommt im August zur Welt. Gesund! Danach gibt es die Sicherheits-OP, die ohne Befund verläuft. Anschließend startet die Chemo. Im Januar wird bei der Kontroll-Spiegelung eine Rötung entdeckt. Wieder geht es in den OP-Saal und wieder ist alles gut. och die Angst, die bleibt.

Es gibt und gab Stunden, in denen ich mir nur Eines gewünscht habe: Vergessen. Nur für einen Moment. Doch ich durfte weder Schlaftabletten noch Beruhigungsmittel nehmen. Manchmal dachte ich, es nicht aushalten zu können.

Todesangst überkommt mich auch heute noch

Todesangst ist etwas, das man nicht beschreiben kann. Sie überkommt mich auch heute noch. Diese Krankheit hat mir nicht nur meine Unschuld genommen. Das Gefühl: „Mir kann das doch nicht passieren!“, es ist für immer weg. Sie hat mir auch Illusionen genommen. Einige Menschen, von denen ich es nie erwartet hätte, standen mir nicht bei. Eine schmerzhafte Erfahrung.

Doch ich bin heute stärker als je zuvor.

Ohne meinen Mann, meine Kinder und meine Eltern hätte ich das alles nicht überstanden. Ich liebe das Leben. Ich traf auf meinem Weg neue und alte Freunde, die ich nicht missen möchte. Auch beruflich habe ich mich verändert. Gewagt, meinen Traum von der Selbstständigkeit nun in Vollzeit zu leben.

Ich habe aber auch erlebt, wie sorglos einige Ärzte mit einem Leben umgehen. Diverse Allgemeinärzte, bei denen ich seit der ersten Blasenentzündung war, hätten schon viel früher den Facharzt hinzuziehen müssen. Doch eine junge Frau hat nun mal Blasenentzündungen. Da wird gar nicht weitergedacht.

Massives, spontanes Blut im Urin ohne große Schmerzen ist keine Blasenentzündung. Der Rentnerkrebs ist schon lange keiner mehr. In den vergangenen Wochen traf ich zwei Frauen unter 40 mit derselben Diagnose.

Ich mache einen Schritt nach dem anderen

Mein Leben geht weiter. Jetzt allerdings im 4/4-Takt. Alle vier Monate muss ich zur Kontroll-Spiegelung. Die Chemo bleibt mir noch bis mindestens Dezember erhalten. Sie lässt sich aber gut aushalten, und man sieht sie mir nicht an. Die Kontrollen werden mich ein Leben lang begleiten.

Die Autorin: Ella lebt mit ihrer Familie in Hessen und hat nach der Diagnose Blasenkrebs ihr Leben neu geordnet: raus aus der unflexiblen Teilzeitanstellung - rein in die kreative Selbstständigkeit. 

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