Wann ist der richtige Zeitpunkt für ein Kind?

Als Teenie dachte Raphaela Krause, mit Ende 20 habe sie Kinder. Heute ist sie 31, kinderlos glücklich und sich nicht mehr sicher: Ist jetzt der richtige Zeitpunkt für ein Kind? Oder soll der womöglich gar nicht mehr kommen? Ihre Leserkolumne "Stimmen" über eine Lebensfrage.

Raphaela Krause, 31, kommt aus einer Kleinstadt in Südbrandenburg und lebt seit fünf Jahren mit ihrem Freund, einem Portugiesen, in Berlin. Sie reist nicht nur privat gern und viel, als Internationale Touristikassistentin hat sie u.a. schon in Frankreich, Spanien, der Dominikanischen Republik und auf den Malediven gearbeitet. Derzeit ist sie in einem Berliner IT-Unternehmen angestellt. In ihrer Freizeit bloggt und fotografiert sie.

Seit ich mit 16 Jahren als Austauschschülerin in den USA war, war meine amerikanische Gastmutter mein Vorbild. Sie hatte ihr erstes von drei Kindern mit 28 Jahren bekommen und stand mit beiden Beinen fest im Leben. Sie hatte Hobbys, ihre eigene Firma und sich auch als aufopferungsvolle Mutter nie selbst vernachlässigt. Das fand ich damals erstrebenswert: Man ist mit Ende 20 schon im Job etabliert, hat sich selbst gefunden und ist im besten Fall viel gereist. Kurz gesagt, man hat nichts verpasst und kann sich besten Gewissens dem Kinderkriegen widmen. Dieses Ideal hatte ich damals als Teenager. Ich war ja so naiv... Als Gegenpol dazu hat meine Mutti direkt nach dem Abitur mit 18 Jahren geheiratet, und als sie 20 war, kam ihr erstes Kind - ich. In der DDR stand die Familie an erster Stelle. Vieles bekam man erst zugeteilt, nachdem man Kinder in die Welt gesetzt hatte, wie eine größere Wohnung. Niemand hat das in Frage gestellt, und wer mit 25 Jahren noch nicht Mutter war, galt als "unnormal".

Dieses Dogma gibt es zum Glück nicht mehr. Heute kann jeder nach seiner Façon leben und glücklich werden. Aber gerade deshalb stellt sich immer mehr jungen Frauen die Frage: "Was möchte ich überhaupt?" oder noch kritischer "Fühle ich mich bereit für Kinder?". Das heutige Leben stellt einfach zu viele Optionen und Möglichkeiten bereit. Wer diese, bewusst oder unbewusst, ausschlägt und frühzeitig Kinder bekommt, wird schlimmstenfalls sogar bemitleidet und belächelt. Es gibt zahlreiche Blogs und Ratgeber, die sich mit dem Thema "Kinderkriegen" beschäftigen. Diese lese ich regelmäßig, in der Hoffnung, dass dadurch die Lust auf ein eigenes Kind wächst. Doch bekomme ich durch die Ausführungen in der Presse noch mehr Panik. Nicht einmal meine Eltern drängen mich, Kinder zu bekommen. Sie meinen, irgendwann werde ich mich bereit fühlen, der richtige Zeitpunkt würde schon noch kommen, und so weiter.

Mein Verlobter ist seit einigen Jahren bereit für unseren Nachwuchs, was die Sache für mich nicht einfacher macht. Man liest immer von Frauen, die verzweifelt nach dem richtigen Partner suchen, um Kinder zu kriegen, denn meistens fühlen sich die Männer nicht reif genug dafür. Manche dieser Frauen verpassen dann ihre Chance und trauern dieser ihr ganzes Leben hinterher. Andere wiederum entscheiden sich ganz bewusst gegen Kinder. Sie sind karriereorientiert oder haben starke Interessen, die mit dem Kinderkriegen nicht vereinbar scheinen. Lustigerweise gehörte ich nie zu einer dieser beiden Kategorien. Wenn mich jemand fragte, ob ich Kinder möchte, hörte ich mich immer sagen: "Ja, natürlich. Später irgendwann." Nur, dass dieses "später" nie kam. Einige von euch werden jetzt einwerfen, dass ich doch noch sehr jung bin und viele Frauen erst mit Mitte 30 ihr erstes Kind bekommen. Auch spreche man erst ab einem Alter von 35 Jahren von einer Risikoschwangerschaft. Meine Frauenärztin lachte sogar und sagte: "Wenn die wüssten... 70 Prozent meiner Patientinnen, die zum ersten Mal schwanger sind, sind über 35."

Trotzdem habe ich nicht das Gefühl, dass in mir gerade etwas passiert, das mich letzten Endes darauf vorbereitet, selbst einmal Kinder zu bekommen. Eigentlich wäre alles perfekt: Wir sind im richtigen Alter und verantwortungsbewusst, haben eine gut funktionierende Beziehung, wir haben beide feste Jobs, genügend finanzielle Rücklagen, eine schöne Wohnung in Berlin, engagierte Eltern, die notfalls aushelfen könnten. Trotzdem schiebe ich das Thema immer wieder von mir fort. Ich bin 31 Jahre alt, die biologische Uhr tickt und ich war noch nie weiter vom Kinderkriegen entfernt als jetzt.

Gespräche mit frischgebackenen Eltern schrecken mich eher ab, als dass sie mich dazu anregen, Kinder zu bekommen. Sie sprechen von schlaflosen Nächten, Männern, die im Haushalt nicht mithelfen, von eingeschlafenen Beziehungen und totaler Erschöpfung. Ich mag jetzt oberflächlich und egoistisch klingen, aber ich liebe mein Leben, so wie es jetzt ist. Wir gehen gern ins Kino und zu Events und Konzerten, gehen gern gut essen und verreisen oft und weit. Seit einem Jahr blogge ich auch regelmäßig und bekomme viele positive Rückmeldungen. Kurzum: Wir führen ein aufregendes und abwechslungsreiches Leben in der Hauptstadt Deutschlands. Warum sollten wir das aufgeben wollen?

Auch unsere engsten Freunde sind entweder Singles oder Paare ohne Kinder. Das regt nicht gerade dazu an, selbst den ersten Schritt zu tun. Ich ertappe mich selbst dabei, wie ich dieses Ziel in der Rangfolge meiner Wünsche mehr und mehr nach hinten schiebe. So haben mein Verlobter und ich uns entschlossen, erst einmal zu heiraten, um unsere zehnjährige Beziehung zu legitimieren, bevor wir Kinder bekommen. Das lenkt uns beide vorerst ab und wirkt hoffentlich als Booster für das Langzeitziel. Ich glaube aber nicht mehr so richtig daran. Ich denke, dass der Staat zumindest teilweise Schuld an dieser Misere hat: Studienzeiten sind zu lang, befristete Verträge an der Tagesordnung, die bürokratischen Hürden zu hoch. Das finanzielle Risiko ist auch nicht zu verachten. Ich müsste sofort wieder in Vollzeit arbeiten, um unseren derzeitigen Lebensstandard einigermaßen halten zu können. Aber bekommt man eigentlich Kinder, damit man sich sofort wieder und ohne Rücksicht auf Verluste ins knallharte Arbeitsleben stürzt? Die Prioritäten sollten sich ja eigentlich zu Gunsten der Kinder verschieben.

Außerdem rede ich andauernd von Kindern im Plural. Wer hat denn heute überhaupt noch mehrere Kinder? Diejenigen, die sowieso nichts zu verlieren haben, noch nie gerne gereist sind, hoffnungslose Romantiker sind oder selbst aus Großfamilien kommen. Da mein Verlobter acht Jahre älter ist als ich, hat sich der Plural wahrscheinlich sowieso erledigt. Ich will ja nicht, dass er irgendwann als Opa des Kindes identifiziert wird. Das wäre sowohl für ihn als auch für mich ein Schlag in die Magengrube. Die krasseste Rückmeldung erhielt ich kürzlich von einer Arbeitskollegin (ein Kind, 3 Jahre alt), die zu mir sagte: "Das wirst du auch erleben, wenn du in 10 Jahren Mutter bist." Das brachte selbst mich zum Nachdenken. Bin ich wirklich noch nicht reif genug für diese Verantwortung oder will ich es einfach nur nicht sein?

Themen in diesem Artikel

Unsere Empfehlungen

Guten Morgen, Welt!

Guten Morgen, Welt!

Wir servieren euch täglich Trends, Top-Stories und kuriose Netzfundstücke zum Frühstück!

Brigitte-Newsletter

Brigitte-Newsletter

Trends und Tipps aus den Bereichen Mode & Beauty, Reise, Liebe und Kochen - lies zum Wochenstart das Beste von Brigitte.