Generation Elterngeld: "Kinder zu haben ist alles andere als Urlaub!"

Das Elterngeld ist eine gute Idee - wenn man es nicht als "ein Jahr bezahlten Urlaub" missversteht, sagt Kathrin*. Die zweifache Mutter stellt in der Leserkolumne "Stimmen" fest, dass viele frischgebackene Eltern nach der ersten Euphorie enttäuscht sind. Und plädiert daher für weniger Erwartungen ans Kinderkriegen - und Mut, die Dinge auf sich zukommen zu lassen.

Immer häufiger kommt bei mir das Gefühl auf, dass das Kinderkriegen aufgrund des Elterngeldes als "ein Jahr bezahlter Urlaub vom Job" angesehen und von angehenden Eltern auch teilweise so "geplant" wird. Ein Jahr bezahlter Urlaub, in dem die frisch gebackenen Mamis (die ja hauptsächlich "zu Hause" bleiben) ein bisschen mit anderen Mamis Kaffeetrinken gehen, dafür ab und zu ein paar Windeln wechseln müssen, zwar etwas weniger schlafen werden, aber dafür auch mal länger mit dem Partner in den Urlaub fahren können. Und dafür kriegen sie ja auch noch Geld! Klingt doch super und super einfach, oder?

Ich weiß! Das hört sich jetzt sehr überspitzt an. Wie komme ich bloß darauf? Ich stelle fest, dass viele Eltern etwas enttäuscht sind, sobald das Kind da ist, auf das sie sich eigentlich so gefreut hatten. Denn sie merken: Kinder zu haben ist alles andere als Urlaub und ist, vor allem, nicht nur auf ein Jahr befristet. Vieles ändert sich mit einem Schlag und das unwiderruflich. Denn auch nach dem einen Jahr geht das Leben nicht so weiter, wie es vor dem Kind war. Man kann vorerst Dinge nicht mehr tun, wann und wie man sie machen möchte oder immer gemacht hat. Vielleicht bedeutet es sogar, erst einmal komplett auf gewisse Dinge verzichten zu müssen.

Die Struktur des Tages (und natürlich der Nacht) ändert sich und richtet sich nach den Bedürfnissen des Kindes. Teilt sich in ein vor oder nach dem Mittagsschlaf, wird zu einem "aber nur bis so und so viel Uhr", denn sonst endet der Abend mit einem Schreikonzert. Strandurlaub bedeutet, nicht mehr tagsüber nett Bücher zu lesen und abends bei einem schönen Glas Rotwein den lauen Sommerabend ausklingen zu lassen.

Die Idee, ins Restaurant essen zu gehen, die Fahrt mit dem Bus oder auch nur ganz gewöhnliches Einkaufen kann in einem absoluten Desaster enden. Das eigene Hobby wird eingetauscht gegen PEKiP-Kurse und Spielplatzaufenthalte. Dazu kommt, dass nahezu jedes Paar (zumindest in meinem Freundeskreis) durch die Veränderungen des Elternseins in eine Krise rutscht. Ganz schön frustrierend, sollte das Baby doch die Krönung der Liebe und Beziehung sein! Mit all dem und noch vielem mehr muss man erst mal klarkommen. Kein Wunder, dass man da enttäuscht ist.

Hatte man nun ganz falsche Vorstellungen und Erwartungen? Hatte man das alles unterschätzt oder nicht geahnt? Ist man einfach zu streng mit sich selbst, wenn man erwartet, dass man in dieser neuen Rolle alles reibungslos hinbekommen muss? Ist es der Druck von außen, die Blicke, das Beobachten, wie man die neue Situation, die ja im Grunde das Natürlichste auf der Welt ist, meistert? Wahrscheinlich von allem etwas. Aber wie bereitet man sich am besten darauf vor, wenn man es doch nicht üben kann? Wieso zeigt die Windelwerbung anstelle der Super-Idylle nicht wenigstens auch mal ein schreiendes, heulendes Kind?

Die Uroma meiner Kinder, eine Mexikanerin (die ihr viertes Kind im Auto auf der Fahrt zum Krankenhaus bekommen hat), sah mir vor zwei Jahren mit meiner damals einjährigen Tochter, die schreiend auf dem Boden lag, zu und sagte: "Womit sind wir Menschen und besonders wir Frauen, eigentlich von Natur aus ausgestattet, um das alles ertragen zu können? Und gleichzeitig diese unglaublich große Liebe zu empfinden?" Wir mussten beide lachen.

Und tatsächlich: Es gibt nichts Ambivalenteres als Mutter zu sein. Es raubt mir manchmal die letzte Energie und an manchen Tagen hangele ich mich von einem Nervenzusammenbruch zum nächsten. Meine Töchter bringen mich teilweise zur Verzweiflung. Und trotzdem: Sie zu haben, ist unbeschreiblich schön, und es erfüllt mich mit sehr viel Glück. Denn sie bringen mich zum Lachen, ich spüre, wie sehr sie auch mich lieben und brauchen, ich bin durch sie effizienter geworden, habe mir ein dickeres Fell bei gewissen Dingen zugelegt.

Ich bin selbstbewusster geworden und es gibt nichts Wichtigeres für mich, als meine Töchter gesund und glücklich zu sehen. Was es für einen selbst bedeutet, Kinder zu haben, kann man nur herausfinden, wenn man sie hat. Das Elterngeld ist eine tolle Unterstützung für den Start, die einem finanziell mehr Planungssicherheit gibt. Besonders für die Mamas, die in der Regel mit dem Kind zu Hause bleiben (mir ist zumindest kein gegenteiliges Beispiel bekannt).

Aber man sollte nicht denken, dass es die Lebensaufgabe, Kinder zu haben, leicht macht. Und wie soll man diese Aufgabe angehen? Am besten ohne Erwartungen, wie es zu sein hat, sondern mit Neugier, was es alles sein kann. Mit weniger Druck und Vergleichen von außen, dafür mit mehr Souveränität und Vertrauen, das Richtige zu tun. Mit weniger Strenge mit sich selbst, aber mehr Gelassenheit im Alltag. Mit weniger Angst, sein "Ich" zu verlieren oder aufgeben zu müssen, sondern mit mehr Freude, etwas dazuzubekommen. Und, natürlich, mit sehr viel Liebe!

Und was bedeutet es für mich? Für mich ist es die Entscheidung für ein schöneres Leben, trotz aller Hindernisse, die es unweigerlich mit sich bringt. Die Windelwerbung lügt nicht. Sie zeigt eben nur die eine Seite der Wahrheit. Und was die andere Seite betrifft, da sind wir ja zum Glück von der Natur aus mit diesem unbekannten Etwas ausgestattet.

* Name von der Redaktion geändert

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