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"Die Angst vor dem Erbrechen zerstört mein Leben"

"Die Angst vor dem Erbrechen zerstört mein Leben"
© privat
Sich zu übergeben, finden viele Menschen eklig. Judith Straub aber leidet an einer "Emetophobie" - die Angst vor dem Erbrechen bestimmt ihr Leben.

Vor 20 Jahren fing alles an ...

Alles fing im Februar 1996 an. Ich war nach einer Faschingsparty in der Straßenbahn unterwegs. Von einer Sekunde auf die andere hatte ich das Gefühl: ICH MUSS HIER SOFORT RAUS! Mehr war es nicht. Aber ich wusste: Wenn ich jetzt nicht aussteige, wird etwas Schreckliches passieren.

Ich bin aus der Bahn gestürmt, und draußen ging es mir sofort besser.

Damals wusste ich noch nicht, dass die nächsten 20 Jahre Jahre der Flucht werden würden.

Ich habe Emetophobie. Es handelt sich um eine Angsterkrankung, die leider noch viel zu selten erwähnt wird. Dabei kann sie Leben zerstören. So wie meines.

Emetophobie ist die Angst vor dem Erbrechen. Dabei spielt es keine Rolle, ob es das eigene Erbrechen ist oder das einer anderen Person oder eines Tieres.

Ich erzähle hier meine eigene Geschichte. Ich betone das, weil der Verlauf der Phobie sehr unterschiedlich sein kann.

Alle Gedanken drehen sich ums Erbrechen

Seit einigen Monaten bin ich dabei, die letzten Jahre Revue passieren zu lassen. Das liegt wohl daran, dass ich 40 geworden bin. Vor der Zahl hatte ich keine Angst. Aber sie macht mich unendlich traurig, denn ich wollte mit 40 mehr erreicht haben.

Das sagen viele Menschen, die 40 werden, ich weiß. Die meisten Menschen aber haben eines: Gesundheit. Ich nicht.

Deshalb konnte ich in meinem Leben nichts erreichen. Ich konnte keinen Job finden, der mir ein Dach über meinem Kopf sicherte. Ich konnte keinen Führerschein machen, weil ich keinen Job hatte, der mir den Führerschein kaufen konnte. Ohne Führerschein fehlt mir ein großes Stück Freiheit. Ich kann auch keine öffentlichen Verkehrsmittel benutzen. Ich kann meine Träume nicht leben.

Seit 20 Jahren stecke ich in einem Leben, das ich nie gewollt habe. Ich habe es mir nicht ausgesucht. Ich habe alles dafür getan, mich aus diesem Leben zu befreien. Aber bis jetzt hat nichts wirklich geholfen.

Ich habe schon etliche Therapien gemacht, alle sind gescheitert. Ich war in einer Klinik. Ohne Erfolg. Keiner konnte es nachvollziehen, was es bedeutet, wenn man an Emetophobie leidet. Wie es sich anfühlt, wenn man nicht mal einen stinknormalen Eimer ansehen kann, weil im Kopf gleich Filme abgespielt werden, weil Eimer mit Erbrechen gleichgesetzt werden.

Das Gleiche passiert, wenn ich eine Toilette sehe. Ich kann nicht mal in Ruhe pinkeln gehen. Immer, immer, immer drehen sich die Gedanken ums Erbrechen.

Ich kann nicht einkaufen gehen

Wenn man mir eine Alltagssituation nennen würde, wie zum Beispiel „auf dem Markt einkaufen“, spielt sich Folgendes in meinem Kopf ab:

„Wenn ich auf den Markt will, muss ich erst auf die Uhr schauen. Denn wenn zu viel los ist, dann müsste ich vielleicht Schlange stehen, und das kann ich nicht. Denn in der Schlange könnte mir ja schlecht werden. Wie peinlich das wäre! Vielleicht wird aber auch jemand anderem dort schlecht, und ich müsste alles mit ansehen! Das könnte ich nicht ertragen. Wenn nicht so viel auf dem Markt los ist, reduziere ich wenigstens die Gefahr: weniger Menschen, weniger Möglichkeit, jemandem beim Erbrechen zusehen zu müssen. Hoffentlich sind keine Kinder auf dem Markt! Kinder sind immer eine Gefahr. Was ist, wenn ein Kind, das krank ist, den Apfel angefasst hat, den ich jetzt kaufen will? Was, wenn ich den kranken Apfel kaufe? Was, wenn zu Hause jemand vergisst, den Apfel vor dem Essen zu waschen und uns alle ansteckt mit einer Magen-Darm-Grippe? Und wenn das Kind nun gerade eine Magen-Darm-Grippe hatte? Man kann auch noch nach der Erkrankung ansteckend sein, wenn man selbst keine Symptome mehr zeigt. Und was ist, wenn mir auf der Fahrt zum Markt im Auto schlecht wird? Das kann ich nicht riskieren.“

Übertrieben? Ja, das sehe ich genauso. Aber ich kann nichts dagegen tun. Die Angst ist größer. Jeder Gedanke, jeder Schritt, jede Handlung, alles macht Angst.

Dabei kann ich nicht erklären, warum gerade Erbrechen und Übelkeit so schlimm für mich sind. Wer übergibt sich schon gerne? Warum also diese Panik davor?

Ich kann keinen Sport machen

Es ist unerklärlich, und ich weiß nicht, ob sich jemand wirklich in diese Krankheit hineinfühlen kann, wenn er es nicht schon einmal am eigenen Leib erfahren hat, wie es ist, in ständiger Angst vor dem eigenen Körper zu leben.

Ich habe vor gut zwei Jahren mit dem Rauchen aufgehört (Ich habe übrigens nicht aufgehört, weil ich Angst vor Krebs habe, sondern weil ich Angst vor Krebs habe, da man dann eine Chemo-Therapie machen muss, von der man sich übergeben muss). Seither kämpfe ich mit den überflüssigen Pfunden. Aber Sport ist keine Option für mich. Ich kann in kein Fitness-Studio, weil ich dort ständig Angst hätte, dass ich mich an den Geräten mit irgendwas anstecken könnte. Und wenn ich nur Kurse besuche, dann bekomme ich ganz sicher Kreislaufprobleme und kippe mitten in der Stunde um.

Spazieren gehen, walken, joggen – die gleichen Probleme. Wenn ich merke, dass die Panik kommt, oder auch nur der Puls hochgeht, muss ich sofort nach Hause. Dort bin ich sicher. Gefühlsmäßig jedenfalls.

Also ist auch die Freiheit draußen, die schöne Natur und die große weite Welt nichts für mich. Weil ich nicht gesund bin.

Ich musste meine Kinder verlassen

Judith Straub ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie lebt für ihre Hobbys: Stricken, Häkeln, Nähen. Upcycling und Bloggen. Ein Traum von ihr: ein Buch zu schreiben, dass Emetophobikern hilft, ihre Phobie loszuwerden.
Judith Straub ist verheiratet und hat zwei Kinder. Sie lebt für ihre Hobbys: Stricken, Häkeln, Nähen. Upcycling und Bloggen. Ein Traum von ihr: ein Buch zu schreiben, dass Emetophobikern hilft, ihre Phobie loszuwerden.
© privat

Eine Freiheit wurde mir gewährt. Ich durfte vor vier Jahren ausziehen, weil ich es bei meiner Familie nicht mehr ausgehalten habe. Meine Kinder waren eine ständige Gefahr für mich. Und ich war nicht gesund für meine Kinder. Ich konnte sie nicht mehr versorgen, in den schlimmsten Zeiten konnte ich sie nicht einmal umarmen oder küssen. Das ist furchtbar für Kinder.

Ich habe den besten Mann der Welt, denn er hat verstanden, dass es für mich keine andere Wahl gibt. Ich weiß nicht, wie lange ich noch hätte weiterleben können. Immer der Gedanke an Flucht, die nicht möglich ist. Immer diese Angst, dass jede Sekunde eines der Kinder brechen könnte.

Es kam von keinen Seiten ein böses Wort. Im Gegenteil. Denn wenn eine Mutter sich räumlich von ihren Kindern trennen muss, muss etwas Ernstes dahinter stecken. Ich glaube, mein Auszug war für viele Menschen in meinem Umfeld ein Zeichen, dass ich eben nicht nur zu faul bin, morgens aufzustehen und arbeiten zu gehen.

Seit einigen Wochen mache ich wieder eine Therapie. Diesmal fühlt es sich richtig an. Ich fühle mich aufgehoben, verstanden und sicher. Es ist jedes Mal eine kleine Weltreise für mich, wenn ich einmal die Woche hingehe. Aber meine Helferlein um mich herum unterstützen mich gerne, denn vielleicht steht hinter der ganzen Arbeit diesmal auch die Heilung.

Ich weiß, ich bin ein extremes Beispiel für diese Krankheit. Wenn jemand das Gefühl hat, dass er an Ängsten oder Zwängen oder ähnlichem leidet, bitte scheut Euch nicht und sucht Hilfe! Es ist nichts dabei, Hilfe in Anspruch zu nehmen. Je früher, desto besser!


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