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Emotionale Gewalt "Meine Narben sieht man nicht"

Emotionale Gewalt
© fizkes / Symbolfoto / Shutterstock
BRIGITTE.de-Leserin Ines* (37) ist eine Überlebende emotionaler Gewalt. Sie brauchte viele Sitzungen bei ihrer Therapeutin, um sich darüber klar zu werden, was mit ihr geschah.

Die Therapie hatte ich begonnen, weil mir sieben Monate Homeoffice, der Druck im Job und die Arbeitslast so zugesetzt hatten, dass ich depressiv war und am Anfang eines Burnouts stand. Zum Glück hatte ich eine Ärztin mit Erfahrung in der Arbeitsmedizin. Sie schrieb mich sofort krank und empfahl mir eine Psychotherapie.

Ich war das erste Mal in meinem Leben in Therapie, und in den ersten Sitzungen war ich angespannt und verkrampft. Meine Therapeutin war geduldig, ließ mich erzählen, fasste zusammen, fragte nach und dann kamen die ersten Durchbrüche.

Ich hatte das Gefühl, nichts richtig machen zu können

Emotionale Durchbrüche mit Tränen, als ich endlich aussprechen konnte, dass ich überfordert war, dass ich das Gefühl hatte, nicht zu können, was von mir verlangt wurde, dass von der Abteilung, in der ich arbeitete, immer mehr und mehr verlangt wurde. Meine Reaktionsmuster auf Stress zu erforschen und zu hinterfragen, war der nächste Schritt.

Ich weiß nicht mehr genau, bei welcher Aussage meine Therapeutin hellhörig wurde, aber es ging um meine Angst vor Fehlern und vor der Reaktion meiner meist männlichen Projektleiter. Sie bat mich darum, bis zur nächsten Sitzung darüber nachzudenken, woher dieses Gefühl kam, dass ich nichts richtig machen konnte.

Am Beginn der nächsten Sitzung hatte ich Angst. Ich hatte darüber nachgedacht, und es war Einiges an die Oberfläche gekommen. Aber ich kam mir dumm vor, denn so schlimm war das doch damals nicht. Oder doch? Meine Therapeutin spürte, dass ich nicht genau wusste, wie ich anfangen sollte. Sie bat mich, einfach eine Situation zu beschreiben, die mir eingefallen war.

In seinen Augen war ich absolut unfähig 

Ich begann: Ich hatte vom Achselrasieren eine Rötung und überlegte, ob ich riskieren sollte, Deo zu verwenden oder ob es zu sehr brennen würde. "Wie schafft man es, sich beim Rasieren so zu verletzen?" Er stand hinter mir in der Badezimmertür und sah mich fragend an. Ich schwieg, anscheinend schaffte ich das. Wieder etwas, das ich nicht richtig machen konnte.

An anderen Tagen konnte ich den Geschirrspüler nicht richtig einräumen, die Frischhaltedosen nicht richtig in den Schrank einräumen, das Bett nicht richtig neu beziehen – meine Methode war ja wahnsinnig umständlich. Wenn ich sagte, dass ich das eben so machte, verhielt ich mich seiner Meinung nach wie ein Kleinkind und sollte sofort damit aufhören. Vergaß ich seinen Kaffee oder Toast am Morgen herzurichten, war ich egoistisch. Genauso, wenn ich es abends mal wagte, ohne ihn zu essen.

Meine Pläne für Unternehmungen am Wochenende waren nie gut genug. Er konnte immer noch etwas optimieren und dann folgten wir natürlich seinem Plan, aber er meinte es ja nur gut. Er meinte es auch nur gut, wenn er mit mir, so wie ich angezogen war, nicht aus dem Haus gehen wollte, weil mir der Rock oder die Hose nicht standen, oder er die Schuhe schrecklich fand. Er wollte doch allen nur zeigen, wie hübsch seine Freundin war.

Meine Freunde waren komisch, also trafen wir sie nicht mehr. Wenn ich meine Freunde ohne ihn traf, wollte er immer genau wissen, wo wir gewesen waren und mit wem ich worüber geredet hatte. Wollte ich das nicht im Detail erzählen, war er beleidigt. Weil ich mich ihm angeblich nicht öffnen konnte, war ich komisch, egoistisch, emotional verkrüppelt und nicht beziehungsfähig.

Mit morgendlichem Yoga erkämpfte ich mir einen Freiraum, bevor der Tag losging. Doch da ich deswegen früher aufstand, war ich nun schuld, dass er nicht gut weiterschlafen konnte. Außerdem konnte ich sowieso kein richtiger Yogi sein – ich schaffte es ja nicht einmal bei dieser Dehnungsübung, dass sich meine Hände in der Mitte des Rückens trafen.

Irgendwann resignierte ich

Ich erzählte meiner Therapeutin, wie ich irgendwann resignierte. Und wenn doch mal der Trotz aufflammte, wurde ich mit Liebesentzug bestraft. Vor allem, als ich zweimal versuchte, ihn zu verlassen. Meine Argumente ließ er nicht gelten, sie waren nicht rational, sondern "Kleinkindlogik". Außerdem wollte er gleich seine Mutter und seinen Onkel anrufen, damit sie beim Ausräumen meiner Sache halfen. Die Vorstellung, mit seiner Familie, die sich überall einmischte, diskutieren zu müssen, versetzte mich derart in Panik, dass ich blieb. Ich erzählte, wie ich mich schließlich doch befreite und wie schlecht ich mich fühlte, weil ich sein Herz gebrochen hatte. Ich hatte das Gefühl, der schrecklichste Mensch auf der Welt zu sein, aß wenig und bestrafte mich mit Muskelschmerzen durch Sport.

Ich hatte ihn damals um einen Monat Abstand gebeten. Danach meldete er sich bei mir, wollte wissen, ob ich jemand anderen hätte. Über die sozialen Medien hatte er von meinen neuen Hobbys und Aktivitäten erfahren – er sagte, das hätte ich ja alles auch machen können, als ich mit ihm zusammen war. Er wünschte sich, dass wir es nochmal versuchen. Ich blockte ab.

Nach der Trennung konnte ich wieder atmen

Meine Therapeutin fragte, warum ich es nicht getan hatte. Ich sagte, dass ich damals das Gefühl hatte, endlich wieder atmen zu können. Ich konnte wieder zufrieden sein und hatte aufgehört, an meinen Nägeln zu kauen. Am Ende der Sitzung sagte sie zu mir: "Sie sind eine Überlebende von emotionaler Gewalt. Zweifeln Sie nicht gleich komplett an sich, wenn Sie Fehler machen. Wir alle machen Fehler."

Ich, eine Überlebende? So schlimm war das doch damals gar nicht gewesen, oder?

Ich konnte mich mit dem Begriff "Überlebende" nicht wirklich anfreunden. Aus meiner Sicht hatte ich mich aus einer schwierigen Beziehung befreit – die Langzeitwirkungen waren einfach schwerer als vermutet.

Es brauchte noch einige Sitzungen, bis ich begriff: Ich bin eine Überlebende und ich bin glimpflich davongekommen. Ich bin meiner Therapeutin dankbar, wie behutsam sie mir geholfen hat, mich mit dem Thema emotionale Gewalt und deren Auswirkungen zu beschäftigen.

"Ich bin eine Überlebende von emotionaler Gewalt"

Ich arbeite nach wie vor an meiner Reaktion auf Fehler und Stress. Doch da ich die Ursachen und Trigger nun besser verstehe, kann ich besser damit umgehen als früher. Ich kann mittlerweile auch sagen: "Ich bin eine Überlebende von emotionaler Gewalt." Ich tue es aber nur bei Menschen, die mich lange kennen und denen ich absolut vertraue. Aus dem Umfeld meines Ex-Partners würde mir niemand glauben.

Unsere Gesellschaft beschäftigt sich noch zu wenig mit emotionaler Gewalt. Die Opfer werden oft als empfindlich oder übersensibel abgetan. Dadurch fühlen sie sich dumm und schweigen. Die Verletzungen und Narben emotionaler Gewalt sind oft nicht sichtbar, bis dem Mann dann doch mal die Hand ausrutscht, oder die Frau sich selbst verletzt. Wir alle müssen besser auf uns selbst und auf andere achten, um emotionale Gewalt zu erkennen und entsprechend zu handeln.

*Die Autorin: Ines (37, Name der Redaktion bekannt) lebt in Wien in einer offenen Beziehung. Sie ist eine freiheitsliebende, offene Persönlichkeit, die gerne lacht, reist, Zeit mit Freunden verbringt und ihre Umgebung aktiv erforscht. 

Brigitte

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