„Ich suchte die große Liebe - und fand einen Psychopathen“

BRIGITTE.de-Leserin Karin suchte die große Liebe - und traf einen Mann, der sie emotional missbrauchte. Mit ihrer Geschichte möchte sie andere Frauen ermutigen, auf ihr Bauchgefühl zu hören.

Irgendwas störte mich von Anfang an

Im Oktober 2017, nachdem mir wieder bewusst geworden war, dass ich mein Leben nicht allein verbringen möchte, habe ich mich entschieden, eine Kontaktanzeige in der Zeitung aufzugeben: „Große Liebe gesucht“. 

Es meldeten sich gefühlt 200 Männer. Mit einer Freundin habe ich dann drei nette Briefeschreiber ausgewählt und angeschrieben. Der erste sagte ab, er wollte keine Fernbeziehung. Mit dem zweiten habe ich ausführlich gemailt. Er heißt D., ist Ingenieur, 63 Jahre alt. Er schrieb gleich, dass er viel körperliche Nähe brauche, und ich war ausgehungert nach Zuwendung, seelischer wie auch körperlicher Natur. 

Wir trafen uns in Baden-Baden und sind uns gleich in die Arme gefallen. Allerdings gab es etwas, das mich störte, ich kann nicht genau sagen, was es war. Ich war verunsichert. Der Tenor meiner Freundinnen war aber: Gib ihm eine Chance, das geht alles nicht so schnell. Auch er gab nicht auf. Wir trafen uns nochmal, und bei mir hat es gefunkt. 

Eine Woche später bin ich dann zu ihm gefahren und übers Wochenende geblieben. Er erzählte mir die traurige Geschichte seines Lebens: Er war geschieden und hatte danach seine "große Liebe und Seelenpartnerin“ gefunden. Leider verstarb sie nach zwei Jahren Beziehung an Lungenkrebs. Nach der Geschichte liebte ich ihn noch mehr.  Er habe danach noch eine Freundin gehabt, die allerdings getrunken hätte. Von ihr hätte er sich vor einigen Wochen getrennt.

Allerdings hat er erst nach unserem ersten gemeinsamen Wochenende seine Sachen aus ihrer Wohnung geholt. Das und noch viel mehr ist mir aber erst viel später aufgefallen. 

Er war sexsüchtig und es gab viel und harten Sex. Ich habe getan, als gefiele mir das, habe die Höhepunkte meist vorgespielt und ihn bewundert. Und er hat sich bewundern lassen. Ob er gemerkt hat, dass meine Orgasmen nicht echt waren? Ich weiß es nicht. Aber auf meine Einwendungen, dass ich gern mehr Zärtlichkeit hätte, ist er kaum eingegangen. 

Er fing an, mich zu kritisieren und zu ignorieren

Kurz vor Sylvester bin ich nachts bei ihm aufgeschreckt, habe mich umgesehen und gesagt: „Hier stimmt was nicht, ich gehe heim.“ Er hat mich dann beruhigt. Er war in dieser Zeit sehr lieb und aufmerksam.  Im Januar 2018 fingen dann meine Unterleibsschmerzen an. Ich dachte, ich hätte eine Blasenentzündung, allerdings fand kein Arzt etwas, und die Schmerzen nahmen stetig zu.

Ab April änderte sich sein Verhalten. Er fing an, alles an mir zu kritisieren. Waren wir mit seinen Bekannten zusammen, hat er mich nicht beachtet. Habe ich etwas gesagt, hat er nicht geantwortet.  Sein Verhalten wurde auch anderen gegenüber immer rücksichtsloser. Einmal ist er im Schwimmbad rücksichtslos durchs Wasser gepflügt und hat andere Badegäste angerempelt. Ohne Rücksicht auf Verluste. 

Im Mai, kurz nach meinem Geburtstag, hat er mir dann gesagt, er könne verschiedene Menschen verschieden lieben, und hat dann auch erwähnt, dass er schon nach einer neuen Frau gesucht hat, während seine "große Liebe" noch im Sterben lag. Spätestens hier hätte ich aufmerksam werden müssen. Gehen müssen.

Die Kritik wurde immer massiver, die Manipulationen ebenfalls. Aber ich traute meiner eigenen Wahrnehmung nicht mehr oder habe sie ignoriert. 

In seinem Bad lag ein kleiner Karton mit einem Parfum und einer Duschcreme, er fiel mir schon am Anfang unserer Beziehung auf. Als wir Einjähriges hatten, sagte mir meine innere Stimme schon, bevor ich zu ihm gefahren bin: „Du wirst diesen Karton als Geschenk bekommen.“ Und so war es dann auch. Das wäre nicht so schlimm gewesen, aber er hatte diesen Karton schon vor unserer Beziehung für eine andere Frau gekauft. Als ich ihn darauf ansprach, stritt er es ab. Ich zweifelte wieder an meiner Wahrnehmung.  

Als ich einen Unfall hatte, ließ er mich einfach stehen 

Irgendwann hatte ich in seinem Beisein einen Fahrradunfall, bei dem ich mich am Fuß verletzte. Doch anstatt seinen Kombi zu holen und mich und mein Fahrrad nach Hause zu fahren, fuhr er mit seinem Bike zu meiner Wohnung und wartete, bis ich angehumpelt kam. Danach wollte er schnell nach Hause, es war Sonntagnachmittag. 

Wenig später fand ich auf seinem Esstisch einen Zettel, der private Sexkontakte bewarb. Als ich ihn darauf ansprach, sagte er nur, der sei alt. Auf seinem Laptop gab es den Verlauf "Junge Mädchen, gefesselt und missbraucht". Ich habe so getan, als ob ich es nicht sehen würde. 

Seine Kritik war inzwischen so massiv, dass ich in seiner Wohnung kaum mehr etwas anfasste, aus Angst, etwas falsch zu machen. Eines Abends schrieb ich ihm über WhatsApp: “Du liebst mich nicht.“ Er konnte mich wieder beruhigen und sagte mir zweimal, dass er mich liebt. Das genügte mir. Doch meine Schmerzen im Bauch wurden stärker, ich konnte kaum noch aufrecht gehen.

Drei Wochen später, wir waren im Elsass unterwegs, war er den ganzen Tag nervös. Am Abend hatten wir Sex, und ich lag in seinem Arm in der Löffelchenstellung. Da sagte er mir in den Hinterkopf, nicht ins Gesicht, er mache Schluss, er liebe mich nicht. Ich fiel in einen Abgrund, ganz tief.

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Ich wollte nicht mehr leben, als er mich verließ

Es ging dann alles sehr schnell, er brachte mir meine Sachen und holte seine, zum Abschied gab er mir noch einen Stick mit Fotos von unseren Unternehmungen. Ich war am Ende, wollte nicht mehr leben.

Aber ich habe angefangen, sehr viel zu lesen und weiß nun, dass dieser Mensch niemals lieben kann, weder mich noch sonst jemand. Meine Nachfolgerin wird das Gleiche durchmachen, er wird sich nehmen, was er braucht, und sie dann zurücklassen. 

Ich bin inzwischen in Therapie, habe einen großen Freundeskreis, der mich unterstützt, und ich werde überleben. Meine Bauchschmerzen sind weg. Sie wurden nach und nach besser. 

Meine Geschichte soll anderen Frauen in einer ähnlichen Situation zeigen, dass sie ihrer inneren Wahrnehmung folgen und ihrem Bauchgefühl vertrauen sollen, denn dieses Gefühl stimmt. Wenn sich nur eine Frau in meiner Geschichte wiedererkennt und für sich positive Konsequenzen zieht, habe ich am Ende gewonnen. Auch meine Selbstachtung.   

Die Autorin: Karin (56) ist Diplom-Betriebswirtin, geschieden und kinderlos. Sie lebt in Pforzheim.

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