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Empty Nest Syndrom "Und plötzlich sind sie weg"

Sabine erlebt das "Empty Nest Syndrom"
Sabine erlebt das "Empty Nest Syndrom"
© privat / Brigitteonline
BRIGITTE.de-Leserin Sabine (57) trauert um die Zeit mit ihren drei Söhnen - der letzte zieht gerade aus. Wie haben das nur die Milliarden anderen Mütter überstanden?

Für alles rund ums Kinderkriegen gibt es Gruppen. Vor der Geburt veratmet man mit wildfremden Menschen imaginierte Wehen, sind die Kinder auf der Welt, geht es in die Pekip-Gruppe, zum Babyschwimmen oder in eine Krabbelgruppe. Hat man Probleme mit dem Stillen, geht man in eine Stillgruppe, will man einfach nur mit anderen Müttern reden, besucht man ein Müttercafé.  Erst wenn das Kind in den Kindergarten kommt, lassen wir zum ersten Mal ein bisschen los.                               

Für alles gibt es Gruppen - aber keine Vorbereitung für die Zeit danach

Dann folgt die Schule, mit Elternabenden, Elternsprechtagen und Elternstammtischen. Wenn sich Probleme einstellen, gibt es Anlaufstellen. Es gibt Angebote für Eltern, deren Kinder unter ADHS leiden, und für Eltern, die nicht wissen, wie sie ihr Kind zum Schlafen oder Essen bringen sollen. Es gibt auch Gruppen für Mütter und Väter, die Schwierigkeiten mit ihrer Rolle als Eltern und der veränderten Partnerschaft haben.                          

Aber es gibt nur keine Vorbereitung und keine Gruppe für die Zeit danach. Für das, was sich „Empty Nest Syndrom“ nennt. Wenn es soweit ist, haut es einen um, Mütter meistens mehr als Väter. Es tut an allen Ecken und Enden weh. Man weiß buchstäblich nicht, wohin mit sich.

Wenn es soweit ist, haut es einen um

Um kein Missverständnis aufkommen zu lassen: Ich gehörte nicht zu den Müttern, die außer den Kindern nichts im Sinn hatten. Spielplätze und Tupperdosen waren mir ein Gräuel. Mütter, deren einziges Thema der Wettbewerb um die Meilensteine der Entwicklung ihres Sprösslings waren, haben mich gelangweilt. Ich habe mich oft fehl am Platz gefühlt, wenn es um Themen wie Unterrichtsausfall oder um die Frage ging, ob Kakao und Erdbeermilch in der Grundschule bestellt werden soll oder nicht.

Aber um nichts in der Welt möchte ich verzichten auf die Glücksmomente mit meinen Kindern. Kleine Füßchen in Schuhe stecken, ein schlafwarmes Kerlchen an mich drücken, mich gemeinsam mit den Jungs kaputtlachen, sie ihre Laternen zu Sankt Martin durch die Straßen tragen sehen. Mich gemeinsam mit ihnen über einen blöden Lehrer aufregen, zur Not auch bei Selbigem vorstellig werden. Unzählige Urlaubsfahrten mit einem so prallvoll gepackten Auto, das nicht mal mehr ein hartgekochtes Ei hineingepasst hätte. Die gemütlichen Samstagabende, alle drei in ihre Bademäntelchen eingemummelt, zwischen uns auf dem Sofa und „Wetten, dass ..?“ gucken. Dazu reichlich Haribo und Chips, und natürlich durften die Jungs gucken, bis die Promis ihren Blumenstrauß von Thomas Gottschalk überreicht bekamen. Unzählige Kindergeburtstage in unserem Haus. Der erste Liebeskummer. Stundenlange Gespräche in der Küche. Dann die Freunde, die ein und aus gingen. Auch mit ihnen haben wir viel erzählt und gelacht. Späte Gäste manchmal, um Mitternacht wurde noch mal eben der Herd angeworfen. Gut, das hätte nicht immer unbedingt sein müssen.                                                         

Der Abschied bahnt sich langsam an. Nicht mehr jeden Abend eine Gute-Nacht-Geschichte mit Kuscheln. Irgendwann ist es das letzte Mal. Man weiß nur nicht, wann es sein wird (ist vermutlich auch besser so). Später geschlossene Zimmertüren, der erste Schüleraustausch, Fahrstunden, eigene Urlaubspläne. Das Abitur, das anschließende Auslandspraktikum. Zum Studieren für ein oder zwei Semester ans andere Ende der Welt.         

Ich habe mich immer wie amputiert gefühlt, wenn sie weg waren.

Am Flughafen winkte ich dem jeweiligen Sohn jedes Mal so lange hinterher, bis auch wirklich GAR NICHTS mehr von ihm zu sehen war. Er selbst ging scheinbar locker und routiniert durch die Sicherheitskontrolle.                                      

Auf dem Heimweg brauchte ich ein paar Taschentücher. Zuhause angekommen, knöpfte ich mir das „Kinderzimmer“ vor. Frische Bettwäsche aufziehen, Staubsaugen, Mülleimer leeren. Es gibt wahrscheinlich zwei Gruppen von Eltern: diejenigen, die erstmal alles so lassen, wie es ist, und sich noch ein T-Shirt aus dem Wäschekorb klauben (O.K., ich habe es auch getan), um noch einen tiefen Atemzug voll Kind zu nehmen. Und dann diejenigen, die sich mit Lappen und Putzeimer an die Arbeit machen.                                                                                                           

Dann kamen meine Listen zum Einsatz. Ich schrieb die Anzahl der Tage bis zum Wiedersehen auf. 246, 245, 244, 243. Irgendwann wurde das Vermissen milder. Ich richtete mich irgendwie ein und kam ganz gut zurecht mit der Abwesenheit des Sohnes. Zum Glück gibt es das Internet! Man kann sich via Bildschirm sehen und hören. Außerdem kamen ja alle wieder nach Hause!                             

Aber sie kamen anders zurück, als sie abgefahren waren. Erwachsener und um etliche Erfahrungen reicher. Sehr gut, sagte mein Verstand. Autsch, sagte mein Mutterherz.

Sie taten sich oft nicht leicht mit dem Wiedereinleben bei uns. Vermissten ihre Gastfamilien und Freunde, die sie zurücklassen mussten. Merkten selbst, dass sie sich verändert hatten. Doch irgendwann waren sie wieder Zuhause angekommen. Bis zum nächsten Abschied.

Der Auszug des Jüngsten steht bevor

Jetzt gibt es keine Listen mehr. Sie ergeben einfach keinen Sinn mehr. Der Auszug des jüngsten Sohnes steht unmittelbar bevor. In unserem Haus stapeln sich Kartons mit Hausrat und Sachen, die die Brüder nicht mehr brauchen. Wir laufen Slalom um einen bereits gekauften Herd, die Schranktüren und Regale von Ikea. Bald wird er packen.                                                                           

Es ist soweit. Nach gut 26 Jahren leert sich unser Nest.

Noch schnürt sich in mir alles zusammen. Ich habe gar keine Vorstellung, wie es sein wird ohne die Jungs. Tröste mich mit dem Gedanken, dass Milliarden anderer Mütter es auch überlebt haben. Bloß wie? Ich ertappe mich bei unsinnigen Gedanken: Hätten wir doch noch ein Kind bekommen, dann hockte jetzt noch ein Küken im Nest (das arme Kind!). Hätten wir später Kinder bekommen, dann wären sie jetzt noch da (Die armen Kinder: “Sind das deine Großeltern“?).  Würden sie doch nie ausziehen, wir haben ja Platz im Haus (Will ich meine Söhne in 20 Jahren wirklich noch bei uns auf dem Sofa sitzen haben? Gottschalk wäre dann 90 und schiede als Entertainer aus). 

Nein, das alles will ich nicht. Unser Nest wird leer, weil unsere Söhne jetzt fliegen wollen. Irgendwo habe ich gelesen, dass sie fliegen wollen, weil sie den Mut dazu haben. Weil ihnen jemand Mut dazu gemacht hat; und das sind wir, ihre Eltern. Das tröstet mich.  

Neben meinem Abschiedsschmerz kann ich mich aus tiefstem Herzen mit ihnen freuen. Über ihre neuen WGs, das Einrichten der Wohnungen und die Lust auf ein eigenes Leben. Beides steht nebeneinander. Es tut jetzt nur so weh, weil es so schön war. Was für ein Schatz. Was für ein Glück.  

Aufbruchstimmung - auch für mich?

Ich muss meine Umlaufbahn neu finden. Zusammen mit dem besten Vater meiner drei Söhne, meinem Mann. Angesichts der Heftigkeit meiner Gefühle ist er manchmal erschrocken, aber es fällt ihm auch nicht leicht. Er erinnert mich daran, dass wir auch ein gutes Leben hatten, bevor wir Eltern wurden. Und das könnte jetzt wieder auf uns warten.                                                                   

Jetzt wird es Zeit. Aufbruchstimmung. Auch für mich? Ich weiß es noch nicht. Ich stecke noch mittendrin im Geburtskanal für irgendwas Neues, Unklares. Aber ich weiß, dass ich ein schönes und reiches Leben habe. Ich bin nicht allein, und es gibt die Jungs ja weiterhin, nur anders. Da sie in anderen Städten leben, kommen sie immer gleich für ein paar Tage nach Hause. So liegt in der Distanz auch ein kleines Glück.

                                           

Auch wenn es mir schwerfällt, es einzugestehen; ich hatte auch meine Sehnsüchte in all den Jahren: Ein Buch in Ruhe zu lesen zu können. Keine laute Musik aus den Zimmern. Kein Geschwisterstreit (Es ging manchmal SEHR wild zu bei uns). Weniger Wäsche.                                   

Aber das Beste, das Allerbeste ist, dass wir die Zeit mit unseren Kindern genossen haben, sehr sogar. Wie großartig zu sehen, was für feine Menschen sie geworden sind.        

Danke, Jungs. Danke für alles.

Jetzt auf mit euch!  

Ich pack das!                

Die Autorin: Sabine Kuhn-Behrenbeck (57) ist verheiratet und Mutter von drei Kindern im Alter von 20 bis 26 Jahren. Sie arbeitet als systemische Therapeutin in Köln. Der Auszug des jüngsten Sohnes läutete ein neues Zeitalter ein. Viele Tränen sind seitdem geflossen, aber es gibt auch Zuversicht auf ein Leben danach.

                                                                                                             


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